Streit zwischen Edeka und Coca-Cola Der harte Kampf um die Preise
Edeka zieht im Preisstreit mit Coca-Cola vor Gericht den Kürzeren. Das Urteil könnte Signalwirkung für andere Preisverhandlungen haben. Was bedeutet das für die Verbraucher?
Edeka zieht im Preisstreit mit Coca-Cola vor Gericht den Kürzeren. Das Urteil könnte Signalwirkung für andere Preisverhandlungen haben. Was bedeutet das für die Verbraucher?
Handel und Markenhersteller kämpfen mit harten Bandagen, hinter den Kulissen wird um Preise und Abnahmemengen gefeilscht – angesichts der hohen Inflation und der auf breiter Front steigenden Preise mehr denn je. „Auf Herstellerseite ist ein wahnsinniger Druck auf die Kosten“, sagt Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel an der DHBW Heilbronn, vor allem angesichts höherer Rohstoff- und Energiekosten.
Für den Handel, der die höheren Preise letztlich an die Verbraucher weitergebe, gelte es nun zu unterschieden, ob die Forderungen der Lieferanten gerechtfertigt seien oder nicht. „Keiner will mit hohen Preisen Kunden verprellen“, sagt Rüschen.
Wie sehr die Nerven in Zeiten hoher Inflation blank liegen, zeigt der Streit zwischen Edeka und Coca-Cola. Weil die Supermarktkette die höheren Preisforderungen des Getränkeriesen Coca-Cola nicht akzeptieren wollte, hatte dieser seine Lieferungen Anfang September eingestellt. Dann hatte das Landgericht Hamburg den Lieferstopp per einstweiliger Verfügung untersagt, weil Edeka glaubhaft machen konnte, dass die geforderte Preiserhöhung wahrscheinlich unangemessen sei. Jetzt entschied das Gericht erneut und Edeka zog den Kürzeren: Der Lieferstopp von Coca-Cola ist doch rechtens. Man werde die Urteilsbegründung prüfen und dann entscheiden, ob man weitere rechtliche Schritte einlegen werde, teilte Edeka auf Anfrage mit.
„Ungeachtet der aktuellen Entscheidung sehen wir es weiterhin als unsere Pflicht, dafür zu kämpfen, dass Lebensmittel in Deutschland erschwinglich bleiben“, so Edeka. Man stehe seit Monaten in harten Verhandlungen mit der Markenartikelindustrie und prüfe jede Preiserhöhung sehr genau. „Viele der vorgebrachten Preiserhöhungsforderungen beruhen nicht auf echten Kostensteigerungen. Stattdessen wird der Verweis auf die allgemeine Inflation als willkommenes Argument genutzt, um die eigene Gewinnmarge weiter zu verbessern“, so der Händler.
„Es ist für beide Seiten nicht einfach“, sagt Rüschen. Bei den Großen wie etwa Coca-Cola könne man schon hinterfragen, welche Erhöhung berechtigt sei. Sie legten zwar ihre Kalkulation nicht offen, doch Discounter und Supermärkte hätten auf Grund ihrer Eigenmarken durchaus einen Einblick, was die Produktion koste. „Wenn Händler bei den kleinen Lebensmittelherstellern Preiserhöhungen nicht akzeptieren, die sie in der Regel brauchen, können sie die in eine existenzgefährdende Situation bringen“, sagt Rüschen. Schließlich stünden auch die Einkäufer der Händler unter Druck. Für sie sei es oft leichter, bei kleineren Lieferanten Preiserhöhungen abzuwehren. „Ich kenne Beispiele da meldet sich der Händler einfach nicht mehr und versucht Preiserhöhungen so wegzudrücken“, sagt Rüschen.
„Vereinzelt werden wir Lücken im Regal sehen“, sagt Rüschen. Wenn sich Händler und Hersteller nicht einigen können, werden Produkte aussortiert oder der Handel nicht mehr beliefert. „Ein Druckmittel“, wie Rüschen sagt. Allerdings könne ein Händler nicht anfangen, Marken wie Coca-Cola, Nutella oder Henkel auszulisten und durch eigene Produkte ersetzen. Es gebe bei vielen Marken eine starke Kundenbindung. Markenartikelhersteller müssten aber aufpassen, dass der Preisabstand ihrer Produkte im Vergleich zu den Eigenmarken des Handels nicht noch höher werde, sonst werde die Marke nicht mehr gekauft. „Das kann nicht im Sinne der Marke sein“, sagt Rüschen und nennt beispielhaft das Pesto eines Markenartiklers das 3,59 Euro koste, während die gleiche Menge der Eigenmarke des Discounters gerade mal 1,39 Euro koste.
Auch Rewe hat angekündigt, sich zu wehren, wenn man die Aufschläge der Lieferanten für nicht gerechtfertigt halte. Unter den multinationalen Konsumgüterherstellern gebe es Trittbrettfahrer, die von der aktuellen Preiswelle profitieren wollten. „Viele Multis machen mehr Dividenden-Ertrag als im letzten Jahr“, hatte Rewe-Chef Lionel Souque unlängst vor der Wirtschaftspublizistischen Vereinigung in Düsseldorf gesagt.
Die Verteilungskämpfe sind hart, auch wenn der Handel über eine größere Marktmacht verfügt. Auf die vier Handelsreisen Edeka, Rewe, Aldi und Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) entfallen rund 75 Prozent des Umsatzes im Lebensmitteleinzelhandel.
„Verbraucher müssen sich auf weitere Preissteigerungen im Lebensmittelhandel einstellen“ sagt Rüschen. Im September erreichte die Inflationsrate nach einer ersten Schätzung mit zehn Prozent den höchsten Stand seit 70 Jahren. Neben höheren Energiekosten schlugen vor allem Preiserhöhungen bei Nahrungsmitteln zu Buche, die um 18,7 Prozent teurer waren als ein Jahr zuvor. Die Teuerungsrate werde sich bei Nahrungsmitteln nicht abschwächen, sondern eher „explodieren“, sagt Rüschen. Das habe auch Lohneffekte – höhere Lohnforderungen führten zu deutlichen Lohnsteigerungen, was sich wieder in den Produkten niederschlagen werde.
Vor allem Haushalte mit kleinen Budgets hätten das Nachsehen. Während im Schnitt zehn bis 15 Prozent der Gesamtausgaben auf Nahrungsmittel entfallen, seien es um die 30 Prozent bei Haushalten mit geringem Einkommen.
Die anziehende Inflation und die hohen Energiepreise haben auch Folgen für das Einkaufsverhalten der Verbraucher. Für viele ist der Preis wichtiger als das Einkaufserlebnis. Wie der GfK Consumer Index zeigt, wuchsen zuletzt die Umsätze der Discounter – allein im Juni im plus acht Prozent – während die Supermärkte die Nulllinie erreichten. Discounter setzen im Gegensatz zu Supermärkten traditionell auf die günstigeren Handelsmarken. Dort haben die Eigenmarken 75 bis 90 Prozent Umsatzanteil. Auch in Supermärkten greifen immer mehr Kunden statt zum Markenartikel zum günstigeren No-Name.
Und was kann der Kunde machen? „Noch mehr die Preise vergleichen, noch stärker auf Angebote achten und dort kaufen, wo es Wettbewerb gibt.“ Das Preisniveau bei Lebensmitteln werde dauerhaft hochbleiben und nicht mehr das Niveau von 2021 oder 2020 sinken. „Der eigentliche Schock kommt aber noch, wenn im nächsten Jahr die Nebenkostenabrechnung kommt“, sagt Rüschen.