Streitfall im Stuttgarter Westen Das war der Grund für den Vorgarten-Kahlschlag

Früher ein Vorgarten, nun ein Stellplatz für einen gehbehinderten Mann Foto: Tilman / Baur
Früher ein Vorgarten, nun ein Stellplatz für einen gehbehinderten Mann Foto: Tilman / Baur

Ein Teil eines Uralt-Vorgartens in der Oberen Bismarckstraße musste vor Kurzem zwei Pkw-Stellplätzen weichen. Profiteur davon ist ein gehbehinderter Hausbewohner, dessen Lebensqualität sich durch die Maßnahme erheblich verbessert hat.

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Stuttgart - Einige Anwohner der Oberen Bismarckstraße trauten ihren Augen nicht, als vor wenigen Wochen die Hälfte eines Vorgartens zwei Pkw-Stellplätzen weichen musste. Der Widerspruch zwischen den offiziellen städtischen Klimazielen und deren Nichtbeachtung in der Praxis schien auf der Hand zu liegen. Nun bekommt der Fall aber eine Wendung.

84-Jähriger ist glücklich über die neue Situation

Denn für einen Bewohner des betroffenen Hauses ist der Parkplatz ein wahrer Segen. Der 84-jährige Manfred Kapp ist zu 100 Prozent schwerbehindert, mit dem Gehstock unterwegs und auf sein Auto angewiesen. „Ich bin glücklich und dankbar, dass ich jetzt diesen Parkplatz habe“, sagt Kapp, der seit 1974 im vierten Stock des Mehrfamilienhauses in der Oberen Bismarckstraße wohnt.

Zu verdanken hat der Rentner dies seinem Vermieter und der Stadt, die den entsprechenden Antrag genehmigt hat. Die Situation vorher war alles andere als befriedigend für Manfred Kapp. Denn einen Behindertenparkplatz in der Nähe gibt es nicht. So musste er sein Auto stets einige Straßen entfernt abstellen.

Früher musste der Senior oft lange Wege zurück legen

Ab und zu, aber längst nicht immer, wurde er bei seiner Parkplatzsuche in der Nähe eines Hotels an der Rotenwaldstraße fündig. Das liegt allerdings 1200 Meter von seinem Wohnort entfernt. Nun kann er sein Fahrzeug direkt vor der Haustür abstellen – die beiden Stellplätze sind mittlerweile fertig. War die Aktion also eher eine inklusive Maßnahme als ein klimaschädlicher Kahlschlag?

Fakt ist: Für Menschen mit Bewegungseinschränkung zählt jeder Meter. Im Stadtgebiet gibt es 980 Behindertenparkplätze, davon 70 personenbezogene mit Nummern. Doch längst nicht jeder bewegungseingeschränkte Mensch hat einen Stellplatz in unmittelbarer Nähe zur Verfügung, und nicht jeder erfüllt die Kriterien dafür, einen personenbezogenen Platz zu bekommen. Nicht selten werden die Stellplätze dann auch noch von Fahrern belegt, die keine Berechtigung dafür haben.

Oft fehlt den Autofahrern das Bewusstsein

„Oftmals wird nicht wahrgenommen, wie sehr Menschen, die in ihrer Mobilität beeinträchtigt sind, auf diese Parkplätze angewiesen sind, um diese Einrichtungen überhaupt nutzen zu können. Sie haben bereits bei kleinen Entfernungen erhebliche Schwierigkeiten“, sagt Simone Fischer, Behindertenbeauftragte der Stadt Stuttgart.

Wie sehr es selbst erfahrenen Lokalpolitikern noch am Bewusstsein für die Bedürfnisse von Menschen mit Bewegungseinschränkung fehlt, zeigt der Fall der CDU-Stadträtin Iris Ripsam, die vor einigen Jahren freimütig bekannte, ihr Auto häufig auf einem Behindertenparkplatz im Parkhaus im Schwabenzentrum abzustellen, weil dieser nach Auffassung der Lokalpolitikerin Ripsam für Behinderte ohnehin nicht geeignet sei, Rollstuhlfahrer nicht aus dem Fahrzeug kämen.

Ein Bußgeld wird billigend in Kauf genommen

Grundsätzlich sei „es einfach arrogant, wenn nicht wahrgenommen wird, wie sehr Menschen mit körperlicher Behinderung auf diese Parkplätze angewiesen sind. Ein Bußgeld wird häufig billigend in Kauf genommen“, sagt Fischer. Das Bußgeld wurde zwischenzeitlich marginal erhöht und liegt jetzt bei 55 Euro. Für den berechtigten Personenkreis sei es eine zusätzliche Behinderung, wenn sie sich mit den Falschparkern auseinandersetzen und ihre Zeit für den Anruf bei der Verkehrsüberwachung verschwenden müssten – für ein Hilfsmittel, das ihnen von Rechts wegen zustehe, sagt Simone Fischer.

Die Bedeutung der Stellplätze könne nicht groß genug eingeschätzt werden: „Damit Menschen mit Behinderung gleichberechtigt am öffentlichen Leben teilhaben können, müssen sie die Chance haben, umliegende Restaurants, Geschäfte, Veranstaltungen oder öffentliche Einrichtungen gut zu erreichen. Behindertenparkplätze im öffentlichen Straßenraum sind ein Angebot und Hilfsmittel. Sie ermöglichen einen barrierefreien, niederschwelligen Zugang“, erklärt Fischer.

Insgesamt wünscht sie sich, dass die öffentliche Wahrnehmung des Behindertenparkplatzes stärker ins Bewusstsein rückt, und zwar als selbstverständliches Must-have. „Für alle, die ihn nicht brauchen, ist er tabu“, sagt Simone Fischer.




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