Streitfall in Erdmannhausen Ehepaar kämpft um Eigenheim und freie Sicht – Entsteht dadurch mehr Bürokratie?

Wollen verhindern, dass zu nah an ihrem Haus (rechts hinten) gebaut wird: Erik und Marlene Jenner (rechts), im Gespräch mit Bürgermeister Marcus Kohler. Foto: Oliver von Schaewen

Erik und Marlene Jenner aus Erdmannhausen (Kreis Ludwigsburg) begehren gegen den Beschluss einer Baubehörde auf. Genau das verzögere den Bau von Wohnungen, kontert der Bauherr.

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

Noch steht es da, als wolle es bleiben: ein in die Jahre gekommenes Wohnhaus mit einem kleinen, pittoresken Nebengebäude und ordentlich gestapeltem Brennholz. Ein Ensemble, das Erik und Marlene Jenner in Erdmannhausen in den vergangenen Jahren liebgewonnen haben. Und deshalb setzt das Paar alle Hebel in Bewegung, um ein Stück davon zu retten.

 

Das schöne Bild vor der Haustür wird wohl verschwinden. Ein Bauunternehmer plant den Abriss, um ein Mehrfamilienhaus mit sechs Wohneinheiten zu errichten. Und das – so fürchten die Jenners – rückt deutlich näher an ihr Grundstück, als es ihrer Ansicht nach nötig wäre. „Gegen den Neubau haben wir nichts“, betont die Nachbarin im Gespräch vor Ort mit dem Bürgermeister Marcus Kohler, „aber wir wehren uns gegen die Lage auf dem Areal“.

Das Haus der Jenners mit den Solarelementen liegt hinter dem Grundstück, auf dem noch die Altbauten stehen, aber ein Sechs-Familien-Haus hin soll. Foto: Werner Kuhnle

Der Entwurf sieht vor, den Neubau weit hinten im Grundstück zu platzieren – genau dort, wo die Jenners bislang freien Blick nach Süden haben und ihre Solaranlage ungestört arbeitet. „Wenn das Gebäude nur etwa acht Meter weiter vorne an der Straße stünde und 1,30 Meter weiter weg von unserem Grundstück wäre, wäre vieles besser“, argumentiert Erik Jenner. So entstehe aber eine massive, hohe Wand direkt gegenüber ihrem Garten, ihren Fenstern und ihrer Solaranlage auf dem Dach.

Für das Ehepaar ist unverständlich, warum die Baufirma die alternative Platzierung nicht bevorzugt. Der entscheidende Baukörper könnte aus ihrer Sicht problemlos in Richtung Straße rücken. „Da würde man Rücksicht auf die Nachbarn nehmen“, sagt Erik Jenner. Er beklagt zudem Messfehler des Bauunternehmers, die aber wiederum der Baubehörde offenbar kein Dorn im Auge waren, so der Nachbar.

Baugenehmigung bereits erteilt

Das Landratsamt Ludwigsburg hat das Vorhaben bereits genehmigt. Doch die Jenners wollen sich damit nicht zufrieden geben und haben beim Regierungspräsidium Stuttgart eine Überprüfung beantragt. Ihr Ziel: den Bauherrn zu einer veränderten Positionierung des Hauses bewegen – und damit auch zur Entschärfung der Verkehrssituation.

Die Piemonteser Straße ist eine schmale, viel genutzte Durchfahrtsstraße in Richtung Marbach und Affalterbach. Gerade zu Stoßzeiten begegnen sich Fahrzeuge in engen Passagen, Ausweichmanöver sind die Regel. Die Jenners sehen die geplante Garagenausfahrt des Neubaus deshalb kritisch. Sie liege in einem ungünstigen spitzen Winkel zur Straße und verschlechtere die ohnehin schon eingeschränkten Sichtverhältnisse zusätzlich.

Sind Fußgänger stärker betroffen?

Besonders für Fußgänger könnte das gefährlich werden, warnen die Jenners. Eltern mit Kinderwagen, Kindergartenkinder, Jugendliche auf dem Weg zum Sportplatz, zur Halle auf der Schray oder zum Jugendhaus – sie alle seien auf dem schmalen Bürgersteig auf genügend Abstand und gute Sicht angewiesen. „Es wäre gut, an dieser Stelle etwas zu verbessern“, sagt Marlene Jenner, die erzählt, dass ihr eigener Sohn schon einmal an der Straße angefahren worden sei.

Erdmannhausens Bürgermeister Markus Kohler bestätigt, dass die Gemeinde grundsätzlich ähnliche Bedenken wegen der Verkehrssicherheit hat. Im Bauausschuss habe man dem Vorhaben zwar zugestimmt, doch auch aus Sicht der Kommune wäre eine Ausfahrt weiter vorne – etwa durch eine an die Straße grenzende Tiefgarage – die bessere Lösung.

Der Bürgermeister habe den Bauherrn darauf angesprochen, doch dieser habe auf die erheblichen Mehrkosten verwiesen. Das Grundstück falle zur Straße hin deutlich ab, was eine tiefere Gründung technisch erschwere. Die Gemeinde sei letztlich nicht die Genehmigungsbehörde. „Wir können da nichts machen.“ Auf der anderen Seite verstehe er aber auch, dass Bauprojekte wirtschaftlich sein müssten. „Eine Gemeinde muss immer auch den Wohnbau fördern, damit Menschen eine Heimat finden können.“

Und was sagt der Architekt? Michael Münzenmaier, Geschäftsführer der Steinheimer Baufirma Cubus verweist darauf, dass wegen des Einspruchs der Jenners der Abstand des geplanten Gebäudes bereits von 3,10 Meter auf 3,25 Meter vergrößert worden sei. „Alle weiteren Einsprüche wurden von der Genehmigungsbehörde zurückgewiesen.“ Das Bauvorhaben sei vom Landratsamt Ludwigsburg baurechtlich genehmigt worden.

Notwendiger Wohnungsbau wird verzögert

Die Länge der genehmigten Zufahrt entspreche der Länge der Zufahrten zu den Nachbargebäuden und sei dem Steigungsverhältnis des geforderten barrierefreien Zugangs geschuldet, argumentiert Michael Münzenmaier. Die freie Sicht hätten Jenners erreichen können, wenn sie ihr Gebäude 7,50 Meter weiter nach Westen gerückt hätten. „Unterm Strich wird ohne jede Rechtsgrundlage dringend notwendiger Wohnungsbau verzögert.“ Er erinnere an den inzwischen baurechtlich geltenden „Bauturbo“ – eine bis 2030 befristete Regelung, durch die Bürokratie abgebaut und Wohnraum geschaffen werden könne.

Wann das Regierungspräsidium über den Fall entscheidet, ist noch offen. Beide Seiten hoffen, dass ihre Argumente Gehör finden.

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