Stuttgart - Die grüne Gentechnik bleibt in Streitthema – auch wenn ihre Methoden immer zielgenauer werden. Über die Förderung entsprechender Forschungsprojekte gab es zuletzt auch Streit in der Landesregierung. Die Vorsitzende des Bundesverbandes Deutscher Pflanzenzüchter, Stephanie Franck, erklärt, warum Gentechnik-Forschung für ihre Branche wichtig ist.
Frau Franck, bislang wurde die grüne Gentechnik vor allem von großen Konzernen eingesetzt – und kaum von mittelständischen Züchtungsunternehmen. Könnte sich das durch neue Methoden wie die Genschere Cripr/Cas ändern?
Das wird von den Rahmenbedingungen abhängen, die sich Züchtungsunternehmen künftig für die Arbeit mit neuen Methoden wie Crispr/Cas bieten. Wichtig ist, dass die öffentliche Forschung an der Vielfalt unserer Kulturpflanzen viel stärker gefördert wird. Denn ohne die genaue Kenntnis der Genfunktionen ist der Einsatz von Crispr/Cas nicht möglich. Die meist mittelständischen Züchtungsunternehmen bearbeiten insgesamt 115 Pflanzenarten züchterisch, können aber die Grundlagenforschung allein nicht schultern. Ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Technologie überhaupt zugänglich sein muss. Hier ist viel patentiert und der Zugang unklar. Die gesetzlichen Voraussetzungen müssen so gestaltet sein, dass auch die mittelständischen Unternehmen die neuen Methoden nutzen können. Teure Zulassungsprozesse in Millionenhöhe können sie sich nicht leisten.
Was unterscheidet die Genscheren von älteren gentechnischen Methoden?
Neue Züchtungsmethoden sind im Vergleich zur alten grünen Gentechnik sehr präzise. Es kommt eine ganz andere Anwendung in den Blick: nicht der Transfer kompletter Gene von einer Art in die andere, der zu transgenen Pflanzen führt, sondern sehr kleine Veränderungen, die im Ergebnis auch mit klassischen Methoden erreichbar wären, aber oft mit viel mehr Aufwand. Wir erwarten von diesen gezielten Veränderungen auch weniger negative Begleiterscheinungen. Diese hat man oft, wenn man zum Beispiel eine Pilzresistenz aus Wildformen einkreuzt und dabei auch erwünschte Eigenschaften der Kulturpflanzen wie Ertrag oder Qualität zunächst verloren gehen.
Lassen sich mit der grünen Gentechnik Zuchtziele, die für den ökologischen Landbau wichtig sind – beispielsweise Krankheitsresistenzen oder Trockentoleranz – schneller erreichen?
Diese Zuchtziele sind auch für konventionelle Landwirte wichtig. Allerdings spielt die passende Sorte tatsächlich für den Ökolandbau eine noch größere Rolle, zum Beispiel im kommerziellen Obstbau. Klassische Obstzüchtung dauert extrem lange. Hier ist es sehr wahrscheinlich, dass die neuen Methoden helfen können, Zuchtziele schneller und leichter zu erreichen.
Der Ertrag und viele andere Merkmale von Pflanzen beruhen auf vielen Genen. Im Labor lassen sich bislang nur einzelne Gene verändern. Werden die Möglichkeiten der Gentechnik überschätzt?
Die Möglichkeiten werden in der Öffentlichkeit gleichzeitig über- und unterschätzt. Fachleuten ist klar, dass die klassischen Methoden der Pflanzenzüchtung, vor allem Kreuzung und Selektion, weiterhin die Hauptrolle spielen werden, weil hier sehr viele Gene gleichzeitig neu kombiniert werden. Wo wenige Gene ein Merkmal steuern – beispielsweise bei vielen Pilzresistenzen – ist es sehr wahrscheinlich, dass die neuen Methoden ziemlich schnell einen deutlichen Beitrag liefern können.