Emotionsgeladene Fans des VfB Stuttgart feiern den Pokalsieg gegen Arminia Bielefeld. Foto: imago/Ulrich Hufnagel
Als Fan befindet man sich emotional häufig 90 Minuten lang zwischen Ekstase und Erschöpfung. Eine neue Studie zeigt: Fußball ist ein Hochrisikosport – für die Zuschauer.
Maximilian Gropp
04.06.2025 - 11:35 Uhr
Es war ein bitterer Abend für Arminia Bielefeld. Im Pokalfinale unterlag der Drittligameister dem VfB Stuttgart mit 2:4 – sportlich eine klare Sache. Doch während die Spieler nach dem Abpfiff zusammensanken, liefen bei den Fans noch längst nicht alle Systeme wieder auf Normalbetrieb. Und genau das war für die Wissenschaft von besonderem Interesse. Die Universität Bielefeld nutzte das Spiel, um das Stressverhalten von Fans zu untersuchen – mit spannenden Ergebnissen.
Über 200 Arminia-Anhänger wurden mit Smartwatches ausgestattet, die Herzfrequenz und Stresslevel maßen. Die Werte zeigten: Schon vor dem Anpfiff waren viele Fans physiologisch in Alarmbereitschaft. Während des Spiels stieg der Puls weiter an – besonders nach Gegentoren. Auch die Ausschüttung von Stresshormonen nahm in derartigen Situationen deutlich zu. Nach dem 0:4-Zwischenstand beruhigten sich einige Werte kurzzeitig, vermutlich als Reaktion auf eine innere Resignation. Doch die späten Anschlusstreffer reaktivierten das emotionale System – und mit ihm das Herzrasen.
Die Grafik zeigt den durchschnittlichen Puls der Arminia-Fans während des Pokalfinales. Rote Linien markieren die vier VfB-Tore, blaue gestrichelte Linien die Bielefelder Torchancen, durchgezogene blaue Linien die beiden Arminia-Tore Foto: Uni Bielefeld
Diese körperlichen Reaktionen überraschen die Wissenschaftler nicht. Emotional involvierte Fans erleben Fußballspiele nicht nur als Unterhaltung, sondern als unmittelbare, mitunter existenzielle Erfahrung. Das belegen auch internationale Studien, die teilweise zu dramatischen Erkenntnissen kommen.
So untersuchte die Universität Oxford während der Fußball-WM 2014 brasilianische Fans – besonders beim berühmten 1:7 gegen Deutschland. Die Wissenschaftler maßen den Cortisolspiegel, das klassische Stresshormon, im Speichel der Zuschauer. Dabei zeigte sich: Je stärker sich Fans mit ihrer Mannschaft identifizierten, desto höher der Cortisolwert. Einige erreichten Konzentrationen, die sonst nur bei Gefahrensituationen vorkommen. Für die Betroffenen war das Spiel damit buchstäblich ein Angriff auf Herz und Hormonhaushalt.
Die 1:7- Niederlage gegen Deutschland versetzte viele Brasilianer in eine emotionale Sinnkrise. Foto: imago/MIS
Ein ähnliches Bild ergab sich in einer Studie der Universität Leeds. Dort wurden Fans von Leeds United während eines Ligaspiels überwacht. Die gemessenen Herzfrequenzen lagen im Durchschnitt bei 64 Prozent über dem Ruhewert – vergleichbar mit leichtem Joggen. Die Forscher zogen den Vergleich zu einem Ausdauertraining, mahnten allerdings auch zur Vorsicht: Für Menschen mit Vorerkrankungen könnte das Dasein als Fan gesundheitliche Risiken bergen.
Körper reagiert, als stünde er selbst auf dem Platz
Auch in Spanien wurde dieses Phänomen untersucht. Während des Finales der Weltmeisterschaft 2010 analysierten Forscher den Cortisol- und Testosteronspiegel männlicher spanischer Fans. Dabei zeigte sich: Neben Stress stieg auch das Gefühl von Selbstwirksamkeit und Dominanz. Fußball wurde so zum hormonellen Katalysator kollektiver Identität – mit deutlicher Wirkung auf Körper und Psyche.
Was all diese Studien verbindet, ist die Erkenntnis, dass Fußball sowohl auf emotionaler sowie auf physiologischer Ebene eine Ausnahmesituation darstellt. Der Körper reagiert, als stünde er selbst auf dem Platz – mit erhöhter Herzfrequenz, hormonellen Ausschlägen und messbarem Stress. Für gesunde Menschen ist das meist harmlos, teilweise sogar förderlich: Emotionale Beteiligung kann den Kreislauf aktivieren, die Bindung an soziale Gruppen stärken und für kurze Zeit sogar Euphorie erzeugen. Doch wer regelmäßig auf diese Weise mitfiebert, sollte sich über die körperlichen Auswirkungen bewusst sein – besonders, wenn eine Vorbelastung besteht.
Herzrasen inklusive: Warum der Fußball uns so mitnimmt
Fußball ist Leidenschaft, Schicksal, Hoffnung. Und genau das macht es so intensiv. Was auf dem Spielfeld geschieht, wird von Millionen Menschen in Echtzeit körperlich miterlebt – ob im Stadion, auf dem Sofa oder im Fanblock vor dem Fernseher. Das Spiel ist nie nur ein Spiel. Es ist Drama, Ritual, Herzschlag. Und manchmal geht es dabei nicht nur um Punkte – sondern auch um den eigenen Blutdruck.