Großer Auftritt für den neuen Anzug: Die Schönbuchhalle ist angemietet gewesen, die Vorbereitungen liefen, viele Fasnetsvereine aus Nah und Fern waren geladen, die Bevölkerung informiert und die Gechinger Gacho Grächzer sowie die Ehninger Enafetzer hatten sich darauf eingestellt, das Vorprogramm zu gestalten. Der Plan: das neue Kostüm der Schnaidrebbler Guggen sollte vorgestellt werden. Doch bis kurz vor der Veranstaltung war nicht klar, ob diese auch tatsächlich stattfinden würde, denn die deutsche Bürokratie verlängerte die Auslieferung der Kostüme aus der Schweiz um fast zwei Monate.
Fünf Jahre tragen die Hausemer Guggen ihr Kostüm in der Regel. Während dieser Zeit muss es der jährlichen Beanspruchung durch Wind, Regen, Schnee sowie viele Umzüge und Fasnetsveranstaltungen standhalten. Jeder Musiker benötigt zudem eine eigene Funktionalität, wie Louis de Lauso, ein Schlagzeuger der Guggentruppe erläuterte: „Wir schnallen uns den Schlagzeugwagen mit einem Gürtel um, damit wir ihn vor uns herschieben können. Daher sollte der Taillenbereich sehr strapazierfähig sein, damit er sich nicht gleich durchscheuert. Und ein von unten zu öffnender Reißverschluss ist wichtig, damit wir im oberen Bereich unsere Jacken schließen können.“ Parallel zum praktischen Aspekt sollte dann noch die optische Aufmachung zur musikalisch eher rockigen Ausrichtung der Hausemer Guggen passen.
Für das nun fünfte Kostüm seit der Vereinsgründung im Jahr 2000 entstanden die ersten Entwürfe vor vier Jahren. Dann folgte die Corona-Auszeit. So vergingen, bis alle Bedürfnisse berücksichtigt und die Ideen zur Schneiderin gegeben wurden, etwa drei Jahre. Die Fertigstellung der insgesamt 34 Kostüme in vier Größen war innerhalb eines knappen Jahres erledigt. Vor zwei Monaten die erfreuliche Nachricht: Alles sei zur Auslieferung bereit. „Unsere Schneiderin Heidi aus der Schweiz ist spezialisiert auf Guggenvereine. Wir sind die einzigen aus Deutschland, für die sie näht“, sagt Vorstand Jens Fischer stolz über den Kontakt ins Ursprungsland der Guggenmusik.
Grenzzoll in Konstanz ist zuständig
Mehr als 1000 Euro kostet ein einzelnes Kostüm mit Jacke und Hose. Die Einfuhr aus der Schweiz muss beim Zoll angemeldet werden. Jens Fischer kam dieser Pflicht nach und wurde vom Zoll Böblingen nach Stuttgart verwiesen. Dort wiederum erklärte man ihm, hierfür sei der Grenzzoll in Konstanz zuständig. Dieser sah zunächst kein Problem, da es sich nicht um kritische Einfuhrwaren wie etwa Medikamente handele. Nachdem jedoch einige Zeit vergangen war und immer noch keine Einfuhrgenehmigung vorlag, fragte Fischer nach.
Schneiderin muss Stofflieferant befragen und der seinen Importeur
Fünf Wochen lag die Ware da bereits beim deutschen Zoll – die nötigen Formulare waren fertig, da sollten auf einmal noch Nachweise für die verwendeten Stoffe vorgelegt werden. Eine Anfrage bei der Schneiderin ergab, dass sie die Stoffe bei einem Händler in Deutschland erworben hatte. Der deutschen Stofflieferant musste nun die Produktionspapiere vorlegen. Da jedoch einer der verwendeten Stoffe in Asien gewebt worden war, musste nachgewiesen werden, dass die Herstellung ohne Kinderarbeit erfolgt war. Es blieb noch genau eine Woche bis zum Tag der offiziellen Vorstellung. „Den Sonntag vorher habe ich mir ernsthaft überlegt, alles abzublasen. Ich war nervös, und die Sache raubte mir den Schlaf. Doch ich habe mich für die Feier entschieden. Mit oder ohne Kostüm“, schilderte Jens Fischer seine Lage.
Vor gut einer Woche dann die erlösende Nachricht der Spedition: Die Kostüme seien vom Zoll freigeben und würden sich postwendend auf die Reise begeben. Noch am selben Nachmittag trafen sie tatsächlich in Hildrizhausen ein. „Eine sehr schwere Zeit, in der wir unserem Vorstand eigentlich nicht helfen konnten. Er hat das alles allein gemeistert. Das ist echt super und dafür sind wir ihm alle sehr dankbar. Wir wissen genau, was wir an ihm haben“, sagte Louis de Lauso dankbar für viele Telefonate und Abstimmungsrunden in der halben Welt.
„Oh, wie ist das schön. . .“
Dann war er endlich da: der ersehnte große Auftritt. Als die Stimme der Ankündigung erklang, sammelten sich die Gäste dicht gedrängt vor der Bühne. Nach dem gemeinsamen Zählen des Countdowns öffnete sich der graue Vorhang und alle starrten auf eine große Leinwand. Sie zeigte in weißer Schrift „Schnaidrebbler Guggen e.V. präsentiert“: darunter das Vereinslogo mit dem im Gras liegenden, Trompete spielenden Pinguin. Dann traten am anderen Hallenende die Trommeln und Trompeten in Aktion und die Musiker bewegten sich mit ihren tief in die Gesichter gezogenen Kapuzen lautstark in Richtung Bühne. Das Geheimnis war gelüftet und die Begeisterung groß. Auf Publikumsgesänge „Oh, wie ist das schön. . .“ mussten die Schnaidrebbler-Musikanten so lange Zugaben spielen, bis ihr neues, in schwarz-rot gehaltenes Kostüm das erste Mal so richtig durchgeschwitzt war.