Studierenden wird oft nachgesagt, ein entspanntes Leben zu führen. Dabei ist ihr Alltag voller Stressoren. Doch man kann lernen, damit umzugehen.

Ausschlafen, ein paar Vorlesungen besuchen und schon heißt es Feierabend. So oder so ähnlich stellen sich viele Leute, die nicht studiert haben, den Studienalltag vor. Die Realität sieht anders aus. Tatsächlich machen Vorlesungen nur einen kleinen Teil des Studiums aus.

Die meiste Zeit im Semester entfällt auf die Vor- und Nachbereitung der Vorlesungen, die Anfertigung von Hausarbeiten sowie die Prüfungsvorbereitung. All das, während eine Abgabefrist die nächste jagt. Kein Wunder, dass die Studie „Studierendenstress in Deutschland“ zum Ergebnis kam, dass Studierende gestresster als der Durchschnitt der Beschäftigten sind.

Wenngleich nach Angaben des Psychotherapeuten und ersten Vorsitzenden des Deutschen Fachverbands für Verhaltenstherapie, Jürgen Tripp, nicht nur die Arbeitslast entscheidend für das Stressempfinden ist, sondern auch die eigenen Erwartungen an sich selbst. Und diese seien bei vielen Studierenden sehr hoch. So auch bei der Studentin Tamara Cirillo von der Hochschule Esslingen. Um ihren Erwartungen gerecht zu werden, wendet sie 40 bis 50 Stunden pro Woche für ihr Studium auf.

Damit ist sie nicht allein. Rund ein Drittel der Studierenden investiert mehr als 40 Stunden pro Woche ins Studium. So sagt auch Bruno Wagenblast von der Universität Hohenheim: „Der Zeitaufwand für das Studium entspricht mindestens dem eines normalen Berufs.“

Studierende haben nie ein freies Wochenende

Um das Studium zu finanzieren, hat Cirillo wie viele Studierende einen Minijob. Folglich bleibt ihr wenig Zeit, sich zu erholen. Hinzu kommt, dass sich Cirillo wie auch Wagenblast in der Freizeit viel engagiert. Während Cirillo mehrere Ehrenämter innehat und Vorsitzende des Allgemeinen Studierendenausschusses ist, ist Wagenblast seit viereinhalb Jahren in der Kommunalpolitik aktiv. So engagiert er sich ehrenamtlich in seiner Freizeit im Stuttgarter Jugendrat, ist Vertreter des Jugendrates im Stuttgarter Gemeinderat und Vorsitzender einer hochschulpolitischen Gruppe.

Um ihren Freizeitaktivitäten nachgehen zu können, ohne dadurch ihr Studium zu vernachlässigen, können sich die Studierenden auch am Wochenende nur selten eine Auszeit nehmen. „Ich versuche, mir einen Tag die Woche für Privates freizuhalten“, sagt Cirillo und ergänzt: „Das gelingt mir aber nicht immer.“ Ein Wochenende bestehend aus zwei lernfreien Tagen hat auch bei Wagenblast Seltenheitswert. „Wenn ich Zeit zum Lernen habe, dann lerne ich“, erklärt der Student und merkt an: „Ich nehme mir aber auch Zeit für meine Freunde und spiele Handball im Verein.“

Der Körper braucht den Wechsel von Stress und Entspannung

Das Abschalten vom Studium fällt den zwei Studierenden schwer. So sagt Wagenblast: „Ich denke schon oft an die Uni, auch weil mein Studium mich sehr interessiert.“ Und Cirillo gesteht: „Ich schaffe es nur selten, nach einem langen Tag in der Uni zuhause nichts mehr für das Studium zu machen.“ Sie wisse zwar, dass es manchmal sinnvoller wäre, sich eine Auszeit zu nehmen. Dies sei aber wegen anstehender Deadlines nicht immer möglich.

Nichtsdestoweniger sagt Jürgen Tripp: „Der Körper braucht einen Wechsel von Erregung und Entspannung.“ Der Psychologe weiter: „Wenn der Mensch permanent auf einem leicht erhöhten Erregungsniveau ist, dann kann sich das beispielsweise negativ auf den Schlaf auswirken.“ Auch Symptome wie Kopfschmerzen, Muskelverspannungen und Verdauungsprobleme seien mögliche Folgen von fehlender Entspannung.

Verhaltenstherapie kann helfen

Stress äußert sich bei vielen Studierenden in Form von Hinausschieben. So auch bei Cirillo. Statt zu lernen, ertappt sie sich während der Prüfungsphase häufiger beim Putzen. Wohlwissend, dass das in der Fachsprache prokrastinieren genannte Verhalten nur für noch mehr Stress sorgt. Tripp findet: „Prokrastination ist eine sehr ineffiziente Form der Zeitverwendung, denn man hat weder Zeit für Freizeitaktivitäten, noch schafft man es, effektiv zu lernen.“

Dies führe dazu, dass viele Studierende irgendwann einen Psychotherapeuten aufsuchen. Psychotherapeuten bieten verschiedene Methoden der Verhaltenstherapie zur Stressbewältigung an. Hierbei ermittelt der Therapeut die Stressauslöser und prüft, ob sich etwas an den Stressoren ändern lässt.

Zudem hilft der Therapeut den Patienten dabei, eine Distanz zu stressverschärfenden Gedanken aufzubauen, und zeigt Entspannungstechniken. Damit gelingt es auch den meisten Studierenden, einfach mal wieder abzuschalten.

Studentinnen sind deutlich gestresster als ihre männlichen Kollegen

Studierendenstress
Etwas mehr als die Hälfte der Studierenden empfindet nach Angaben der Studie „Studierendenstress in Deutschland“ ein hohes Stresslevel, nur rund fünf Prozent ein niedriges. Dabei sind die weiblichen Studierenden durchschnittlich deutlich gestresster als die männlichen. Mit Stress verbinden die Studierenden vor allem Zeitdruck, Leistungsdruck, Erwartungsdruck, Nervosität, Überforderung und Selbstzweifel. Die von den Studierenden am häufigsten ergriffenen Maßnahmen zur Stressbewältigung sind Aufgabenpriorisierung sowie Gespräche mit Freunden und Familienmitgliedern.