Stress in der Familie Wenn Kinder mit ihren Eltern Schluss machen
In etwa jeder zehnten Familie kommt es zumindest zwischenzeitlich zur Funkstille zu den Eltern. Und fast immer ist die Mutter der Auslöser. Wie kann man damit umgehen?
In etwa jeder zehnten Familie kommt es zumindest zwischenzeitlich zur Funkstille zu den Eltern. Und fast immer ist die Mutter der Auslöser. Wie kann man damit umgehen?
Stuttgart - Die Eltern sind völlig fassungslos, stehen tagelang unter Schock. Sie können einfach nicht begreifen, was sie falsch gemacht haben. Mehrmals am Tag bekommt Claudia Haarmann solche Geschichten verlassener Eltern per E-Mail geschildert. Die Psychotherapeutin mit eigener Praxis, die auch ein Buch zum Thema Kontaktabbruch geschrieben hat, schätzt, dass etwa jede zehnte Familie in Deutschland von einer solchen Funkstille durch die Kinder betroffen ist. „Das ist ein Riesenthema, welches in den letzten Jahren auch stark zugenommen hat“, sagt Claudia Haarmann.
Auch wenn die Gründe für einen Kontaktabbruch sehr vielfältig sein können, so fällt Claudia Haarmann doch ein Motiv auf, das immer häufiger von den Kindern genannt wird, die bei ihr Rat suchen: „Ihnen ist das Verhältnis zu den Eltern zu eng. Sie fühlen sich überbehütet und kontrolliert.“
So wie im Beispiel von Anna. Wenn sie mit ihrer Mutter zusammen einkaufen war, dann deshalb, weil diese meinte: „Ich weiß doch, was dir steht.“ Auch bei den Fragen um die berufliche Zukunft ging es weniger um das, was Anna gern machen wollte, als darum, was die Mutter für geeignet hielt.
„Wenn ein solches Kind dann mal von zu Hause wegkommt, kann es endlich atmen und seine Persönlichkeit entfalten“, sagt Claudia Haarmann. Danach möchte es nicht wieder in seinen engen Käfig zurück. „In solchen Fällen ist es für das Kind auch sehr gesund, erst mal die Tür zu den Eltern zuzumachen“, sagt die Psychotherapeutin.
Egal, ob sich Kinder von ihren Eltern zu sehr eingeengt oder zu wenig geliebt fühlen, ob sie das Gefühl haben, dass immer zu wenig Zeit für sie da war oder zu viel Kontrolle: Ansprechen tun die allermeisten von ihnen das für sie störende oder belastende Verhältnis mehr als einmal, bevor es zum Kontaktabbruch kommt. Denn kein Kind will seinen Eltern wehtun – und genau das passiert mit der Funkstille.
„Das ist ein Prozess, der sich über Jahre hinzieht. Die meisten Kinder sind über 30, bevor sie den Schritt endgültig machen, weil sie keinen anderen Weg mehr sehen“, sagt Psychotherapeutin Claudia Haarmann. Hinzu kommt, dass die Kinder in diesem Alter genügend Erfahrung mit eigenen Beziehungen gesammelt haben und oft eine eigene Familie gegründet haben, in der sie merken: Der Kontakt zwischen Eltern und Kindern kann auch anders verlaufen, als sie das selbst erlebt haben.
Trotzdem fallen die meisten Eltern aus allen Wolken, wenn das Kind tatsächlich Schluss macht mit der Beziehung zu ihnen. „Sie sind überzeugt, dass sie immer nur das Beste wollten für ihr Kind. Aus ihrer Sicht und von ihren Möglichkeiten her stimmt das ja auch. Aber das deckt sich eben nicht immer mit dem, was das Kind braucht und möchte“, sagt Claudia Haarmann.
Wie im Fall von Anna ist fast immer die Mutter der Auslöser für den Kontaktabbruch. Claudia Haarmann erklärt sich das durch die besondere Nähe, die eine Mutter-Kind-Beziehung durch Schwangerschaft, Geburt und die ersten Lebensjahre bis ins Erwachsenenalter hinein prägt. Wenn diese Beziehung, aus welchen Gründen auch immer, nicht gut funktioniert, leiden Kinder besonders darunter. „Funkstille herrscht dann allerdings meist auch zum Vater, der muss dann mit in Sippenhaft gehen“, erzählt die Psychotherapeutin.
Sie fragt die Mütter in ihren Beratungen auch immer nach dem Verhältnis zur eigenen Mutter. „In 99 Prozent der Fälle war nämlich auch schon dieses Verhältnis kein ungetrübtes“, sagt Claudia Haarmann. Häufig hätten gerade solche Mütter, die ihre Kinder überbehüten, früher selbst zu wenig Zuwendung durch ihre Mutter erfahren – und wollten nun selbst als Mütter alles besser machen. Oder aber eine liebevolle, offene Kommunikation war früher in der Familie nie möglich – woher soll man dann gelernt haben, das in der eigenen Familie umzusetzen?
Viel mehr, als solche Dinge zu reflektieren und sich wieder auf ihr eigenes Leben zu konzentrieren, können verlassene Eltern nicht tun. Denn eine Kontaktaufnahme zu den Kindern ist absolut tabu. „Dann missachtet man ja schon wieder die Entscheidung des Kindes“, sagt Claudia Haarmann.
Einzige Ausnahme: dem Kind einen Brief schreiben, in dem steht, wie sehr man es mag und dass die eigenen Türen immer offenstehen. Dann heißt es abwarten – und hoffen. „Die Mehrheit der Kinder trennt sich nur auf Zeit. Das kann für ein Jahr sein, aber auch für zehn, bis die Kinder so weit sind, dass sie den Kontakt wieder suchen“, sagt Claudia Haarmann.
Für verlassene Eltern bedeutet das Tage, Monate, Jahre, in denen sie auf ein Lebenszeichen der Kinder warten. Betroffen davon ist Experten-Schätzungen zufolge jede zehnte Familie in Deutschland. Kaum eine redet darüber. Zu groß sind Scham und Schuldgefühle.