Streuobstwiesen im Landkreis Böblingen Zwetschgenanbauer sind in mehrfacher Hinsicht unter Druck

Fachmann Manfred Nuber benennt die Probleme des Erwerbsobstbaus. Foto: Stefanie Schlecht

Obwohl in diesem Jahr deutschlandweit die Zwetschgenernte gering ausfällt, gehen die Preise nicht nach oben – die Hoffnung ruht auch in Herrenberg immer mehr auf der Direktvermarktung

Von Frostereignissen im April und dem bestehenden Niederschlagsdefizit über Schädlinge, Krankheiten und Sortenempfehlungen bis hin zur Übermacht des Lebensmitteleinzelhandels reichte die große Themenpalette beim diesjährigen Zwetschgen-Rundgang im Mönchberger Baumfeld.

 

Viel zu wenig Regen übers Jahr gesehen

Trotz Schmuddelwetter von Mitte März bis in den Mai hinein und trotz vermehrter Regenfälle im Juli, die die Bäume hätten „aufjauchzen lassen“, existiere immer noch ein Niederschlagsdefizit, berichtete Manfred Nuber, der Fachberater für Obst- und Gartenbau im Landratsamt Böblingen. In seinem einleitenden Wetterrückblick bezifferte er dieses Defizit auf rund 150 Liter pro Quadratmeter. Zusätzlich zum schlechten Wetter während der Blütezeit und des damit einhergehenden schwachen Bienenflugs kamen Frostschäden. Insbesondere das wichtigste deutsche Anbaugebiet in Mittelbaden sei davon betroffen gewesen, so Nuber weiter.

Große Handelsunternehmen decken sich im Ausland ein

Ab April hätten somit alle maßgeblichen Akteure im heimischen Lebensmitteleinzelhandel (LEH) – dort teilen sich laut Bundeskartellamt die vier großen Handelsunternehmen Edeka, Rewe, Aldi sowie die Schwarz-Gruppe, zu der unter anderem Lidl gehört, über 85 Prozent des Marktes – gewusst, dass die Zwetschgenernte in Deutschland geringer als sonst ausfallen wird.

Die Folge: Die Großunternehmer schließen frühzeitig Verträge im europäischen Ausland. „Irgendwo gibt’s immer genügend Früchte“, lautet Nubers Beobachtung. „Der Markt deckt sich schon wieder in Osteuropa ein“, bestätigte Helmut Werner vom Arbeitskreis (AK) Erwerbsobstbau Böblingen die Beobachtung. Für die Vermarktung der Zwetschgen aus dem Gäu, das seine traditionelle Nische bei den spätreifen Sorten gesucht und in der Vergangenheit auch gefunden hatte, geht die Gleichung, dass eine geringere Gesamterntemenge zu akzeptablen Preisen führt, daher seit einigen Jahren nicht mehr auf. Auch weil die Kosten der inzwischen vom LEH vorgeschriebenen Zertifizierung die sowieso geringen Gewinnmargen der überwiegend kleinen Betriebe, bei der oft die familiär geleisteten Arbeitsstunden nicht mal einfließen, weiter schmälert.

Dies unterstrich auch Sven Klinger, der bei der BayWa, dem einzigen in der Region verbliebenen Zwetschgen-Erfasser, für den Vertrieb zuständig ist. Er betonte, dass er preislich noch nichts abschließend berichten könne. „Die Marktlage hat sich verfestigt“, berichtete er. Entweder er verkaufe zum aufgerufenen Preis oder nicht. Da aktuell auch nur einer der vier LEH-Platzhirsche Zwetschgen abnehme, telefoniere er den halben Tag alle baden-württembergischen Großmärkte auf der Suche nach Abnehmern ab. Keine rosigen Aussichten also für die heimischen Streuobstbauern.

Besonders drastisch fällt die Einschätzung des Gärtringers Hans Karl Schurer aus: Er sehe „ein sterbendes Obstfeld“, sagte der 82-Jährige, der viele Jahre für die CDU in der Kommunalpolitik engagiert war und als passionierter Obstanbauer über einen Erfahrungshorizont verfügt, der Jahrzehnte überspannt. Mit der finanziellen Unterstützung bei der Pflanzung der Streuobstbäume allein sei es nicht getan. Auch Manfred Nuber beobachtet einen „Sinkflug“ bei den Zwetschgen: 50 Prozent der Zwetschgenbäume seien in den vergangenen Jahren verloren gegangen. Dadurch, dass gleichzeitig mehr Apfel- und Walnussbäume gepflanzt worden seien, verändere die Landschaft ihr Gesicht.

In der Direktvermarktung sieht Nuber aber immer noch eine Zukunft für die Zwetschgen aus dem Gäu. Dabei setzt er seine Hoffnung insbesondere auf die „Herrenberger Zwetschge“. Gemeinsam mit der „Gäugold“ hat der AK die exklusiven Rechte für die Region an diesen Züchtungen im Jahr 2018 erworben. Inzwischen haben die Bäume bereits Früchte getragen – und bisher überzeugt vor allem die saftige, aber dennoch feste „Herrenberger“ mit ihrem Aroma und ihrer Fruchtgröße. Die späte Reife ab Mitte September und der mehrwöchige Erntezeitraum sprechen aus Nubers Sicht auch für diese Sorte. Seine Erfahrung: „Erst nach den Sommerferien wollen die Leute Zwetschgenkuchen.“

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