Herr Rösler, sind die Streuobstwiesen noch zu retten?
Wenn alle Maßnahmen in der neuen Streuobst-Konzeption des Landes umgesetzt würden, dann könnten wir den Rückgang stoppen. Leider stehen alle Punkte unter einem Haushaltsvorbehalt. Wir bräuchten 10 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr – das werden wir sicherlich nicht bekommen.
Also wird sich der Niedergang fortsetzen?
Es gab durchaus eine Verlangsamung des Rückgangs und damit erste Erfolge. Im Moment werden diese durch den Klimawandel wieder zunichte gemacht, der die Bäume zusätzlich schwächt. Eigentlich müsste man mittlerweile alle Bäume in den ersten zehn Jahren wässern, auch das Weißeln der Stämme wird wieder wichtiger. Misteln und Schwarzer Rindenbrand machen ihnen ebenfalls zu schaffen. Aber ich bin kein Typ, der aufgibt. Ich halte es lieber mit Luthers Spruch: ‚Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.’
Welche Punkte in der Konzeption halten Sie für besonders wichtig?
Das wäre vor allem das Ziel, jährlich 10 000 Bäume neu zu pflanzen – es ist extrem wichtig, die vielen überalterten Bäume zu ersetzen. Allerdings bräuchten wir in Wirklichkeit zehn Mal so viele Neupflanzungen. In den nächsten zehn Jahren sollten 15 Prozent ersetzt werden; bei sieben Millionen Bäumen in Baden-Württemberg wären das 100 000 Bäume pro Jahr. Trotzdem ist es der richtige Ansatz, dass das Land jetzt überhaupt in die finanzielle Förderung von Neupflanzungen einsteigen möchte.
Was würden Sie in der Konzeption noch hervorheben?
Es wird sehr viel bringen, Streuobst besser zu vermarkten. Dazu gehören innovative Unternehmen, mobile und kleine Mostereien. Eine Kantinenrichtlinie des Landes mit der Vorgabe, bevorzugt Streuobstgetränke anzubieten, wurde aktuell verabschiedet. Da sollten Kreise, Gemeinden und Unternehmen nachziehen. Das kann richtig Masse bringen, wenn eine dreistellige Zahl von Kantinen umstellt.
Die meisten Wiesen werden von Privatleuten umgetrieben, aber sie werden finanziell kaum unterstützt.
Da muss ich Ihnen widersprechen. Schon bisher konnten auch Privatleute, das ist bundesweit vorbildlich, die Baumschnittförderung beantragen – sie müssen sich allerdings mindestens zu dritt zusammentun, um den Verwaltungsaufwand klein zu halten. Insgesamt wird der Schnitt von jährlich 100 000 Bäumen unterstützt. Und jetzt soll die neue Prämie für Neupflanzungen auch Privatleuten zugute kommen.
Wie wird die Ernte in diesem Jahr?
Sehr unterschiedlich. Im Osten Deutschlands wird die Ernte wegen Spätfrosten ganz oder größtenteils ausfallen. In Nordrhein-Westfalen und Hessen dürfte es eine mäßige Erntemenge geben, in Baden-Württemberg wird sie zumindest ordentlich sein. Manche Bäume hängen ganz voll, andere tragen keinen einzigen Apfel. Die früheren Ernten von bis zu einer Million Tonnen in Deutschland erreichen wir aber schon seit zehn Jahren nicht mehr, weil Stürme, Schädlinge und Trockenheit auch vitale Bäume angreifen. Zuletzt lag der Schnitt bei 300 000 Tonnen im Jahr.
Ein Leben für das Streuobst
Naturschützer
Markus Rösler (62) stammt aus einer Gerlinger Obstbauernfamilie, setzte sich ab 1980 für die Erhaltung der Streuobstwiesen ein und schrieb dazu 1990 seine Diplom-Arbeit in Bad Boll. Seit Gründung 1992 ist Rösler Sprecher des Nabu-Bundesfachausschuss Streuobst; erst vor wenigen Tagen wurde er im Amt bestätigt.
Abgeordneter
Seit Seit 2011 sitzt Rösler für die Grünen im baden-württembergischen Landtag und vertritt dort den Landkreis Vaihingen/Enz. In seiner Fraktion ist er der Finanz- und naturschutzpolitische Sprecher. (fal)