Strohgäu Dissonanzen zwischen den Musikschulen

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Seit 2013 gibt es in Schöckingen eine Filiale der Christlichen Gemeindemusikschule, ein Angebot eines altpietistischen Vereins innerhalb der evangelischen Landeskirche. Nun knirscht es heftig zwischen den Leitern der kommunalen Pendants und dem Ditzinger Dekan.

Musik als missionarisches Mittel: das kritisieren die kommunalen Musikschulleiter. Foto: dpa
Musik als missionarisches Mittel: das kritisieren die kommunalen Musikschulleiter. Foto: dpa

Strohgäu - Lebendiger Christ mit der Leidenschaft, Menschen näher zu Jesus zu bringen.“ Ein seltsames Anforderungsprofil für einen Musikschullehrer, findet Peter Meincke, Leiter der Musikschule Korntal-Münchingen. Vor sich auf dem Tisch liegt ein Stellengesuch der Christlichen Gemeindemusikschule, ein Angebot des altpietistischen Christlichen Gemeinschaftsverbands Württemberg (Die Apis). Auf der Internetseite der Gemeindemusikschule wurde bis Anfang Januar mit diesem Wortlaut ein Lehrer gesucht. „Gerne mit musikalischer und pädagogischer Ausbildung“, stand dort. Meincke versteht die Welt nicht mehr. Eine Musikschule, die musikalische und pädagogische Ausbildung begrüßt – aber nicht voraussetzt?

„Ich weiß nicht, wie das passieren konnte.“

Matthias Hanßmann ist Gemeindepfarrer in Schöckingen, Mitbegründer der Christlichen Gemeindemusikschule sowie Mitglied der Apis. Hanßmann sagt: „Diese Anzeige ist wirklich unglücklich. Sie hätte nicht auf die Homepage kommen dürfen. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte.“ Tatsächlich sei nicht jeder Mitarbeiter der christlichen Gemeindemusikschule studierter Musikpädagoge. Aber jeder, der in ihrem Auftrag unterrichte, durchlaufe zuvor eine zweijährige musikpädagogische Ausbildung.

Korntal-Münchingens Musikschulleiter Peter Meincke beruhigt dies nicht. In Schöckingen gibt es seit Sommer 2013 eine Christliche Gemeindemusikschule. Meincke befürchtet nun, dass auch in Münchingen eine eröffnen könne. Denn im November 2013 las er im Gemeindebrief der evangelischen Kirchengemeinde Münchingen, dass ab sofort ein Lehrer der Schöckinger Sektion auch in Münchingen Unterricht anbiete. Wenige Tage, nachdem ihm der Münchinger Pfarrer Martin Hirschmüller versichert hatte, dass es im Ort keine Christliche Gemeindemusikschule geben werde. „In der Politik nennt man das einen unfreundlichen Akt.“

Musikschulleiter Meincke reagiert verschnupft

Pfarrer Hirschmüller versteht Meinckes Aufregung nicht. Der Lehrer, der seit November die beiden Münchinger Schüler unterrichte, sei „gut“. „Ich habe den im Gottesdienst spielen hören und wusste, der kann was.“ Hirschmüller betont, dass es in Münchingen zwar Unterricht, aber keine Sektion der Gemeindemusikschule gebe. „Das wäre uns viel zu viel Geschäft.“ Er plane auch nicht, später mal eine Filiale der Gemeindemusikschule zu eröffnen. Meincke reagierte dennoch verschnupft. „In so einem kleinen Städtle sind Musikschule und Kirchengemeinde eng verbunden.“

Wie soll es weitergehen, wenn die Atmosphäre durch solche Vorfälle getrübt wird? Meincke fragte Hirschmüller, warum keine Korntal-Münchinger Musikschullehrer reichten, um für die Musikbegleitung im Gottesdienst auszubilden. Hirschmüller wehrte ab: Für Sacropop, Popmusik mit christlichen Texten, seien Kirchenmusiker oder Musiklehrer nicht geeignet. „Ein Kirchenmusiker will Sätze haben. Für unsere Lieder gibt es keine Sätze. Die weigern sich dann, so was zu spielen.“ Zudem fehle ihnen die Liebe und die nötige Begeisterung.

„Um Musik zu unterrichten, reicht es nicht, Musiker zu sein“

Fürchtet Meincke bloß die Konkurrenz? „Nein“, sagt er. Er fürchte um den Ruf der Musikschulen. „Wir haben in den vergangenen 30 Jahre hart dafür gearbeitet.“ Dies sieht Manfred Frank, Leiter der Jugendmusikschule Ditzingen, ähnlich. Konkurrenz sei legitim, zudem gebe es in Korntal-Münchingen und Ditzingen private Angebote. Als „Knackpunkt“ sieht Frank die pädagogische Verantwortung. Er befürchtet, dass diese in der Christlichen Gemeindemusikschule in den Händen von Musikern liege, die ihr nicht gerecht würden. „Um Musik zu unterrichten reicht es nicht, Musiker zu sein. Dazu braucht man einen Musikpädagogen.“ Wenig beruhigt hat ihn die Versicherung Hanßmanns, Talente, die man in der Gemeindemusikschule nicht adäquat fördern könne, zur Jugendmusikschule zu schicken. „Förderung ist ein Prozess. Talente kann man wecken, man kann sie aber auch verschütten.“ Frank ist die Zielsetzung der Gemeindemusikschulen unklar. „Ich habe den Verdacht, dass Musik als Vehikel für Ideologie missbraucht wird.“ Organisationen, die sich Musikschule nennen, sind nach seinem Verständnis zu einer „Erziehung zur Musik und nicht zu einer Erziehung durch Musik“ verpflichtet. Der Ditzinger Dekan Friedrich Zimmermann dagegen begrüßt das Angebot der Gemeindemusikschulen sehr. Die Musikkatechese sei eine tolle Mischung zwischen Musikpädagogik und Religionspädagogik und stärke die Mission in den Gemeinden. Sabine Gommel, Vorsitzende des Schöckinger Kirchengemeinderates, sagt: „Der Bedarf war da.“ Gleich im ersten Jahr haben zwei Gruppen der Musikarche, der musikalischen Früherziehung, starten können.

Verwunderung über mangelnde Information

Manfred Frank, der Ditzinger Musikschulleiter, bewertet das neue Angebot etwas gelassener als sein Kollege Meincke. Frank betont: „Ich will keine Feindschaft.“ Er verweist auf die vielen Projekte, in denen Musikschule und evangelische Kirche kooperieren, Leuchtturm sei der Chor „Giocoro“. Frank sagt aber auch: „Es wundert mich, dass wir über den Start der Schule in Schöckingen lediglich in Kenntnis gesetzt wurden.“

Peter Meincke geht es noch um etwas Anderes: um die Funktionsweise der Gemeindemusikschulen. Deren Lehrer sind nicht im Trägerverein angestellt, sondern Honorarkräfte. Wohlgemerkt: laut den Statuten der Gemeindemusikschule sollen sich die Honorarlehrer „in die allgemeine Dienstgemeinschaft eingliedern“. Für Meincke ein Indiz auf scheinselbstständige Arbeitsverhältnisse. Die drei Lehrer in Schöckingen betreuen knapp 50 Schüler. Es wird gerne gesehen, so bestätigen Hanß­mann und Hirschmüller, wenn sich die Musiklehrer auch „ehrenamtlich musikalisch im Gottesdiensten engagieren“. Warum auch nicht, fragt Hanß­mann. „Zwei von ihnen sind Gemeindemitglieder. Sie kommen sowieso in den Gottesdienst.“ Zudem arbeiteten die meisten Honorarkräfte der Gemeindemusikschule im Nebenverdienst. Ihr Honorar lasse sich mit dem der kommunalen Musikschulen vergleichen. Beziffern will er es aber nicht. Kirchengemeinderätin Gommel sagt: „Angestellte können wir nicht bezahlen.“ Dazu sei die Gemeinde zu klein. Die Alternative, so Hanßmann, wäre gewesen, „ein tolles Angebot nicht machen zu können“.

Mit Kirchensteuern den Angriff auf die eigene Arbeit bezahlen?

Für Peter Meincke sind das keine Argumente. In Korntal-Münchingen und Ditzingen sei es nach langen Kämpfen gelungen, alle Musiklehrer sozialversicherungspflichtig anzustellen. „Und nun zahlt ausgerechnet ein Verein aus der Landeskirche seinen Lehrern keine Rente und keine Krankenversicherung.“ Er fürchte sich vor dem Tag, an dem in Korntal die Stimmen laut würden, dass die Lehrer der Musikschule „einen derartigen Luxus“ auch nicht bräuchten. Zynisch sagt er: „Die evangelischen Musikschullehrer im Bereich der Landeskirche warten auf die Information, ob sie mit der Entrichtung der Kirchensteuer einen Angriff auf ihren eigenen Arbeitsplatz finanzieren.“

Was sagt der Dekan? „Ich weiß nicht, ob mich als Dekan das interessieren muss“, wehrt Zimmermann ab. „Das Arbeitsverhältnis der Honorarkräfte habe ich nicht zu verantworten“, das liege in der Hand der Gemeinde. Er betont, dass er „am liebsten jedem eine Festanstellung verschaffen würde“, dass das leider nicht immer möglich sei. Zum Schluss sagt er jedoch: „Wenn ich den Eindruck habe, dass da sozialversicherungstechnisch etwas nicht in Ordnung ist, würde ich eingreifen.“ In Schöckingen sei ihm bislang nichts aufgefallen.