Strohgäu Mehr Platz für Fahrradfahrer

In Ditzingen ist es eng für Radfahrer.  Die Zweiradfahrer teilen sich die schmalen Straßen in der Stadt mit den Autofahrern. Foto: /Simon Granville
In Ditzingen ist es eng für Radfahrer. Die Zweiradfahrer teilen sich die schmalen Straßen in der Stadt mit den Autofahrern. Foto: /Simon Granville

Um den Radverkehr im Ort zu stärken, macht die Ditzinger Stadtverwaltung nun einen drastischen Vorschlag.

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Ditzingen - Hier ein Hinweisschild auf einen Radweg, dort ein neuer Streifen neben den Autos auf der Straße. Ulrich Bahmer genügt das nicht mehr. Der Gemeinderat wird sich alsbald mit der Frage befassen müssen, ob er nicht einzelne Straßen für Autos sperrt, wenigstens zur Einbahnstraße macht, um Radfahrern im Ort mehr Raum zu geben. „Wir müssen die Lebenswirklichkeit der Bürger abbilden“, sagt der Ditzinger Bürgermeister.

Zahl der Radfahrer hat deutlich zugenommen

„Wir haben nach wie vor jene, die mit dem Auto unterwegs sind“, aber zuletzt habe auch die Zahl der Radfahrer deutlich zu genommen. Das bleibe auch nach Corona so, ist er überzeugt. „Es gibt einen Wandel im Bewusstsein.“ Berufstätige pendeln mit dem Rad, Mutter oder Vater fahren mit dem Fahrrad zum Einkaufen, am Wochenende ist die Familie unterwegs. Dem wolle man gerecht werden. „Wir wollen Wegebeziehungen anbieten, auf denen der Pkw-Verkehr nicht immer prioritär ist.“

Ditzingen ist mit derlei Überlegungen nicht allein. Kreisweit wird daran gearbeitet, den Radverkehr zu stärken, entsprechende Überlegungen fließen dann wiederum in die Konzepte der Region ein. Die Kommunen stünden „vor der enormen Herausforderung, die Klimaschutzziele von Bund und Land lokal umzusetzen“, heißt es bei der Wirtschaftsförderung der Region Stuttgart, einer Modellregion für Nachhaltige Mobilität.

Dörfliche Struktur setzt enge Grenzen

Die Kommunen im Strohgäu eint bei dieser Aufgabe die Historie. „Wir sind von der Struktur noch dörflich“, sagt Bahmer. Schmale Straßen prägen auch heute die ehemaligen Bauerndörfer, für neue Radwege ist wenig Platz. Wie der Radverkehr in der Großen Kreisstadt dennoch gestärkt werden kann, zeigt Bahmer am Beispiel des Ortsteils Ditzingen auf: Dieser wird über sternförmig ausgerichtete Hauptwege erschlossen, Ziele wie Einkaufen, Arbeit und Freizeit definiert. Querverbindungen zwischen den Wegen – auch Feldwegen, Beschilderungen, farbliche Markierungen sollen die Radfahrer leiten.

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Im Januar will die Verwaltung ihre Ideen im Detail vorlegen. Aber klar ist schon jetzt, dass die Stadträte dafür Sperrungen oder Einbahnstraßenregelungen beschließen und bisherige Lösungen überdenken müssen – zumindest dort, wo sie eher Gefahr denn Hilfe für die Radfahrer sind. „Wir wollen von den Schutzstreifen wegkommen“, sagt Bahmer nämlich auch. Der Autofahrer wisse nicht immer richtig damit umzugehen, mit der Folge, dass sich der Radfahrer nicht sicher fühle, beobachtet er. Aber just das sei notwendig, wolle man die Menschen davon überzeugen, das Auto stehen zu lassen, wenn sie das Rad nutzen könnten.

Mit den Ideen verbinde er keine Parteipolitik, versichert Bahmer, seit jeher Christdemokrat– und das auch weiterhin, wie er versichert. Auf lokaler Ebene gehe es weniger um Parteipolitik. Die Umwelt- und Klimaschutzziele vor Augen, habe die Stadt sich dem Mobilitätsmix von Bahn, Bus, Rad – und nach wie vor dem Auto – verschrieben. „Das Elektroauto braucht auch Straßen.“ Die Unternehmen im Ort weiß er auf seiner Seite, deren Mitarbeiter statt des Parkplatzes heute eher Umkleide, Dusche und Radabstellplatz forderten. Und warum nicht auch die Gastronomie einbinden, um dort Ladestationen zu installieren?

Kurzfristige Veränderungen können hilfreich sein

Manchmal machen es offenbar auch kurzfristige Veränderungen aus. Die Abstellplätze am Ditzinger Bahnhof am Rand der Großbaustelle sind belegt. Das Bahnhofsgelände wird großräumig umgestaltet, neu geordnet und bebaut. Er ist ein zentraler Punkt, an dem sich Fußgänger, Fahrradfahrer, Bus- und Bahnnutzer begegnen, steht deshalb nicht nur in Ditzingen im Zentrum vieler Überlegungen.

Die Nachbarn aus Korntal-Münchingen etwa ordnen ebenfalls derzeit ihr Bahnhofsgelände neu. Ziel ist es, den Anteil des Radverkehrs von derzeit 15 Prozent zu erhöhen, jenen des motorisierten Individualverkehrs zu senken. Der Anteil des Kfz-Verkehrs macht laut Stadt derzeit 35 Prozent aus. In einem Fahrradparkhaus sollen 80 Stellplätze neu entstehen.

Im Rahmen der Nationalen Klimaschutzinitiative sollen laut der Deutschen Bahn bis zum Jahresende 2022 bundesweit 100 000 neue Fahrradstellplätze an Bahnhöfen entstehen.




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