Familien in der Energiekrise Wie motiviere ich Kinder zum Energiesparen?

Moralisieren bringt nichts für die Energiekosten-Rechnung, aber vielleicht einfach mal gemeinsam ausprobieren, wie es sich mit einem Grad weniger Temperatur in der Wohnung anfühlt. Foto: Imago/Westend61

Mit Kindern ist das Energiesparen besonders herausfordernd. Wie schafft man es, den Nachwuchs zu Hause für das Thema Lichtausmachen und Co. zu sensibilisieren?

Stuttgart - Acht Personen aus vier Generationen leben für zwölf Tage ohne Strom: Für Familie Rittgarn aus Undingen bei Reutlingen war dieses Experiment, welches vom Fernsehen begleitet wurde, eine riesige Herausforderung. „Wir hatten eine sehr hohe Stromrechnung. Das hat uns dazu bewogen, uns auf diesen Versuch einzulassen“, erzählt Dennis Rittgarn.

 

Strom, Wasser, Gas, Öl: Alle diese Ressourcen stehen einem in den eigenen vier Wänden normalerweise unbegrenzt zur Verfügung. Einmal im Jahr kommt eine abstrakte Abrechnung. Aber wie sich der Verbrauch genau zusammensetzt und wo man etwas einsparen könnte, das ist im Alltag schwer erlebbar – und damit auch schwer umzusetzen.

Die Rechnung motiviert zum Sparen

„Für Erwachsene ist das Geld, das sie dafür zahlen müssen, ein Anhaltspunkt, der auch zum Sparen motivieren kann. Aber für Kinder funktioniert das nicht, da muss man das Thema irgendwie anders in ihren Nahbereich holen“, sagt Martin Hellwig vom Institut für Nachhaltigkeitsbildung in Münster.

Zum Beispiel, indem man einfach mal den Stecker zieht, so wie es Familie Rittgarn gemacht hat. Vom ersten Tag an haben die beiden Mädchen Liz (5) und Lou (2) gemerkt, wozu man Strom eigentlich alles braucht: für warmes Wasser, den Kaba am Morgen, die Lieblingssendung im Fernsehen, Licht am Abend.

Den Erwachsenen ist aufgefallen, dass sie auch ohne ihre zwei großen Gefriertruhen gut zurechtkommen. Und dass es abends viel netter sein kann, gemütlich zusammenzusitzen, statt jeder für sich allein vor dem Handy.

Nachhaltigkeit erlernen

Erziehungswissenschaftler Albert Wunsch findet Experimente wie „Stromlos“ einen guten Weg, um das Thema Energieverbrauch in die Familien zu holen. „Es ist eine uralte Erfahrung, dass die Selbstverantwortung wächst, wenn ich selbst auch die positiven oder negativen Konsequenzen meines Handels spüre“, sagt Albert Wunsch.

Wenn er mit seinen Studenten über das Thema Nachhaltigkeit spricht, begegnet ihm häufig folgende Feststellung: Solange die jungen Menschen zu Hause bei den Eltern leben, ist der Energieverbrauch kein Thema für sie. Sobald sie aber eine eigene Wohnung haben und selbst für Strom und Heizung zahlen müssen, gehen sie sorgsamer mit den Ressourcen um.

Sicherungskasten im Kinderzimmer

Albert Wunschs Schlussfolgerung: Auch schon im Elternhaus müsste man Kindern ihren eigenen Energieverbrauch sichtbar machen. „Ich würde zum Beispiel digitale Stromzähler in den Sicherungskasten für alle Kinderzimmer einbauen. Ab dem Schuleintritt bekommen die Kinder ein Tages- oder Monatskontingent an kostenlosem Strom. Wenn sie mehr verbrauchen, müssen sie das im nächsten Monat einsparen oder von ihrem Taschengeld bezahlen“, sagt Albert Wunsch. Das sei Lebensvorbereitung pur.

Schneller umsetzen lässt sich die Anschaffung eines Strommessgeräts. „Das gibt es schon für zehn Euro und ich kann als Familie mal ausprobieren, wie viel der Föhn im Vergleich zum Kühlschrank, zum Fernseher oder zur Waschmaschine verbraucht“, sagt Meike Rathgeber, die bei der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ arbeitet, einer Bildungsinitiative in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik für Kita, Hort und Grundschule.

Kleine Alltagsexperimente

Wem das zu zahlenlastig und abstrakt ist, dem empfiehlt Meike Rathgeber kleine Alltagsexperimente. „Ich kann ja einfach mal die Heizungstemperatur um ein Grad senken und schauen, wie es allen in der Familie damit geht. Oder mal eine Woche nur duschen statt baden. Oder das Auto für ein paar Tage stehen lassen.“

Am besten starte man mit einem Thema, welches die Kinder im Alltag gerade ohnehin beschäftige. „Durch das warme Anziehen jetzt im Winter hat man beispielsweise einen guten Ansatz, sich zu überlegen: Wie machen das Tiere draußen, dass sie nicht frieren, wie machen wir das im Haus, woher kommt die Wärme?“

Die Eltern müssen mitmachen

Um gerade kleineren Kindern zu erklären, wie viel beispielsweise Heizen kostet, würde Meike Rathgeber zu bekannten Größen greifen und die Heizkostenabrechnung etwa in Schokoriegel umrechnen. „Eine schöne Familienaufgabe wäre es auch zu versuchen, ob man es schafft, dass die Strom- oder Gasrechnung nicht höher wird, obwohl die Kosten jetzt gestiegen sind.“

Damit man so ein Ziel erreichen kann, muss die ganze Familie mitziehen – und die Kinder müssen häufiger auch mal die Eltern ermahnen. Das zumindest ist die Erfahrung von Martin Hellwig.

Obwohl er das Institut für Nachhaltigkeitsbildung in Münster leitet und jede Menge Wissen über Themen wie Stromsparen hat, ertappt er sich regelmäßig selbst dabei, den Laptop einfach laufen zu lassen oder das Licht nicht zu löschen, wenn er den Raum verlässt.

Gegenseitige Hinweise

„Bei uns in der Familie sind wir deshalb dazu übergegangen, dass wir uns gegenseitig auf solche unnötigen Verbräuche hinweisen.“ Bei seinen beiden Kindern, sieben und zehn Jahre alt, sei das sehr gut angekommen. Sie fühlten sich dadurch ernst genommen und wertgeschätzt. „Und sie reflektieren jetzt auch ihr eigenes Verhalten viel mehr“, sagt Martin Hellwig.

Wann immer er Nachhaltigkeitsthemen in die Familie holt, steht für ihn der Spaß an der Sache im Vordergrund. „Was man nie machen sollte, ist, über die Angstschiene zu gehen, wenn man beispielsweise über den Klimawandel spricht. Da sind Kinder sehr sensibel“, sagt Martin Hellwig.

Moralisieren bringt nichts

Auch moralisieren, oder ein Ziel zu stur zu verfolgen, bringt seiner Erfahrung nach wenig. „Wenn es gute Gründe gibt, warum ein Licht brennt, zum Beispiel weil die Kinder das gemütlich finden, dann berücksichtigen wir das natürlich.“

Martin Hellwig versucht, im Alltag gemeinsam mit Frau und Kindern Lösungen zu finden, die für alle passen und im besten Fall auch noch Ressourcen schonen. Dabei greift er auch gern die kreativen, auch mal verrückten Ideen der Kinder auf.

„Es geht ja nicht vorrangig darum, dass sie wirklich direkt etwas bewirken können mit ihrem Verhalten, sondern dass sie anfangen, sich darüber Gedanken zu machen und das gern tun.“

Neulich hat sich Familie Hellwig beispielsweise mal zusammengesetzt und in Gedanken die Koffer und Taschen für den nächsten Urlaub gepackt. Dabei ist ihnen aufgefallen, dass so viele Dinge gar nicht zwingend mitmüssen. Die Konsequenz: Das neue Familienauto wurde nicht der große Kombi, auf den sich alle eigentlich schon geeinigt hatten, sondern ein kleinerer Golf.

Dieser Text erschien erstmals am 30.12.2021. 

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Strom Energie Gas Wasser Kinder Familie