Folgen von Stromausfall Die Angst vor dem Blackout
Geldautomat, Handy, Aufzug: Ohne Elektrizität funktioniert fast nichts mehr. Ein länger dauernder Stromausfall hätte gravierende Folgen. Ein Energieexperte klärt auf.
Geldautomat, Handy, Aufzug: Ohne Elektrizität funktioniert fast nichts mehr. Ein länger dauernder Stromausfall hätte gravierende Folgen. Ein Energieexperte klärt auf.
Wie sicher ist die Stromversorgung in Deutschland? Diese Frage treibt derzeit viele um. Michael Sterner von der Forschungsstelle Energienetze und Energiespeicher gibt Antworten.
Herr Sterner, die Angst vor einem Blackout wächst. Wie groß ist das Risiko größerer Stromausfälle im Winter?
Das Risiko eines Blackouts ist nach wie vor gering. Wir haben ein stabiles und starkes europäisches Stromversorgungsnetz. Trotzdem gibt es einige Unsicherheitsfaktoren.
Welche?
Zum einen wissen wir noch nicht, wie kalt der Winter wird. Zudem ist unklar, wie viele Atomkraftwerke in Frankreich verfügbar sein werden. Ein dritter Unsicherheitsfaktor ist das Verhalten der Bevölkerung. Wenn die Hunderttausenden Heizlüfter, die verkauft wurden, alle eingeschaltet werden, wäre das eine enorme Belastung für die Netze. Dann könnte es schon sein, dass es kurzzeitig zu regional begrenzten Stromausfällen kommt. Aber ein Blackout, bei dem flächendeckend für mehrere Tage kein Strom fließt, ist sehr unwahrscheinlich.
Regionale Ausfälle sind aber auch nicht so erfreulich.
Wir sind das in Deutschland nur nicht gewohnt. Die Franzosen kennen das schon seit Jahren. Die heizen überwiegend mit Atomstrom, was das Netz im Winter stark belastet. Wenn es dort sehr kalt ist, wird vorher angekündigt, welches Stadtviertel für welche Zeit abgeschaltet wird. Dann können sich die Leute darauf einstellen.
Die Netzbetreiber mussten in den letzten Jahren immer öfter eingreifen, um die Netze stabil zu halten – etwa durch das Anfahren von Reservekraftwerken.
Das stimmt. Aber der Betrieb ist dadurch nicht unsicherer geworden, weil wir durch die Digitalisierung bessere Steuerungsmöglichkeiten haben. Früher wurden die Netze mehr oder weniger blind gefahren, heute haben wir eine Fernüberwachung, die zum Beispiel meldet, wie viel Strom eine Solar- oder Windkraftanlage aktuell liefert. Zudem lassen sich Anlagen per Fernsteuerung vom Netz nehmen oder zuschalten. Auch die Wetter- und Windprognosen werden immer besser und ermöglichen es, die grüne Stromerzeugung genauer vorherzusagen.
Wird das Netz durch die zunehmende Digitalisierung nicht auch anfälliger – zum Beispiel für Hackerangriffe?
Ich halte die Angst davor für übertrieben. Die Zahl solcher Angriffe hat zwar zugenommen, aber auch die Sicherheitsvorkehrungen werden laufend verbessert. Wie gut die Stromnetze gesichert sind, lässt sich auch daran ablesen, dass Deutschland im internationalen Vergleich zu den Ländern mit den kürzesten Ausfallzeiten gehört.
Durch die Anpassung des Verbrauchs an die Stromerzeugung könnten die Netze entlastet werden. Wie weit sind wir da?
Beim intelligenten Lastmanagement gibt es noch Verbesserungsbedarf. Berlin bastelt seit vielen Jahren an einer Richtlinie für intelligente Stromzähler, die preisflexible Tarife anbieten und so in Spitzenzeiten den Stromverbrauch drosseln könnten. Doch da gibt es immer noch Hürden wegen des Datenschutzes.
Die Bundesregierung will Atomkraftwerke im Winter als Reserve einsetzen. Wie sinnvoll ist das?
Atomkraftwerke sind kaum geeignet, um kurzfristige Schwankungen auszugleichen. Trotzdem kann es für eine Übergangszeit sinnvoll sein, die drei infrage kommenden Reaktoren länger als zunächst geplant in der Reserve im Betrieb zu halten.
Gaskraftwerke sind viel flexibler, laufen aber mit teurem Erdgas.
Das stimmt. In Zukunft könnten sie aber auch mit grünem Wasserstoff aus Ökostrom betrieben werden – oder mit der intelligenten Kombination von Biogas und Wasserstoff in Form von erneuerbarem Gas. Diese Power-to-Gas-Technik habe ich zusammen mit dem Stuttgarter Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung bereits vor mehr als 13 Jahren entwickelt. Umgesetzt wurde sie leider kaum, was dumm ist, weil dieses heimische, grüne Gas mittlerweile billiger als das russische Gas wäre.
Kann Deutschland energieautark werden?
Technisch ist das möglich, wenn wir Wind und Solar massiv ausbauen und in Netze, Speicher und grünen Wasserstoff investieren. Was oft fehlt, ist die gesellschaftliche Akzeptanz. Wer gegen neue Windräder ist und auch beim Netzausbau blockiert, muss damit leben, dass wir weiter stark von teuren Energieimporten abhängen. Es ist doch verrückt, dass wir zum Beispiel gigantische Mengen Windstrom aus Norddeutschland wegwerfen, weil es zu wenig Leitungen nach Süden gibt. Das kostet uns rund eine Milliarde Euro im Jahr. Und in Süddeutschland wird dafür mehr Strom aus Kohle und Gas erzeugt.
Die Fehler der Vergangenheit lassen sich nicht von jetzt auf nachher korrigieren. Was hilft kurzfristig?
Es ist richtig, aktuell auf alle verfügbaren Technologien zur Strom- und Gaserzeugung zu setzen. Zukünftig lösen wir die Energie- und Klimakrise nur mit konkurrenzlos günstigem Ökostrom. Ansonsten hilft nur konsequentes Sparen.
Position
Michael Sterner (Jahrgang 1978) ist Professor für Energiespeicher an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg. Daneben ist er einer der Leiter der Forschungsstelle für Energienetze und Energiespeicher.
Stationen
Sterner ist gelernter Elektriker und hat als Entwicklungshelfer in Kenia gearbeitet. Danach studierte er Mechatronik und Physik der erneuerbaren Energien. Es folgten wissenschaftliche Tätigkeiten für verschiedene Institutionen, darunter das Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik in Kassel. 2012 wechselte er an die OTH Regensburg.