Strompreise IG Metall fordert: Staat muss Stromnetze übernehmen
Im Zuge der Energiewende muss das Stromnetz massiv erweitert werden. Wie teuer das für Stromkunden wird, hängt laut einer Studie davon ab, wer den Ausbau finanziert.
Im Zuge der Energiewende muss das Stromnetz massiv erweitert werden. Wie teuer das für Stromkunden wird, hängt laut einer Studie davon ab, wer den Ausbau finanziert.
Die IG Metall fordert, dass der Staat die überregionalen Stromnetze übernimmt und den für die Energiewende nötigen Ausbau künftig federführend finanziert. „Andernfalls drohen die Stromkosten ins Unermessliche zu steigen – mit fatalen Folgen für private Verbraucher, die Arbeitsplätze in der Industrie und das Gelingen der Energiewende“, warnt die Gewerkschaft am Donnerstag.
Anlass für den Vorstoß ist eine von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung geförderte Studie, wonach die Finanzierung des Netzausbaus durch Privatinvestoren fast doppelt so teuer wäre wie durch den Staat. Eine Auslagerung an Geldgeber wie Banken oder Finanzinvestoren würde die Netzbenutzungsgebühren ohne Not in die Höhe treiben, heißt es in der Studie der Ökonomen Tom Krebs und Patrick Kaczmarczyk von der Universität Mannheim.
Um die Klimaziele zu erreichen, muss das Stromnetz massiv ausgebaut werden. Etwa 14 000 Trassenkilometer sollen in den kommenden Jahren hinzukommen – vor allem um Windstrom aus dem Norden in den Süden und Westen transportieren zu können. Die Gebühren für Betrieb, Wartung und Ausbau der Stromnetze werden über die Netzentgelte auf alle Stromverbraucher umgelegt. Sie machen heute etwa ein Viertel der Stromkosten aus.
Nach einer früheren Schätzung könnte der Netzausbau bis zum Jahr 2045 Kosten in Höhe von gut 651 Milliarden Euro verursachen. Die Studienautoren rechnen vor: Im Falle einer öffentlichen Finanzierung würden die durchschnittlichen Netzentgelte nur moderat um 1,7 Cent pro Kilowattstunde (kWh) steigen.
Fast doppelt so stark, um 3 Cent pro kWh, müssen die Gebühren hingegen angehoben werden, wenn private Geldgeber das nötige Kapital zur Verfügung stellen. Der Grund für die Differenz: Bei einer Übernahme der Netze durch den Staat entfallen Risikoaufschläge und hohe Renditeerwartungen, wie sie bei privaten Investoren üblich sind. Das würde den Kostenanstieg maßgeblich dämpfen, heißt es.
Am teuersten käme es für Privathaushalte und gewerbliche Verbraucher den Ökonomen zufolge, wenn die Betreiber der großen Übertragungs- und der kleinen Verteilnetze den Ausbau aus ihren laufenden Einnahmen bezahlen müssten. Dann würden die durchschnittlichen Netzentgelte sofort um 7,5 Cent pro Kilowattstunde steigen.„Die sozialen und wirtschaftlichen Folgen wären voraussichtlich verheerend“, warnen die Autoren. Zum Vergleich: 2021 betrugen die Netzentgelte im Mittel etwa 5,1 Cent/kWh. Im vergangenen Jahr waren es 7,7 Cent.
„Man sollte den Markt dort wirken lassen, wo er sich entfalten kann. Bei den Stromnetzen funktioniert er nicht, hier muss der Staat Eigentümer werden und beherzt investieren“, fordert Jürgen Kerner, Zweiter Vorsitzender der IG Metall und im Vorstand verantwortlich für Energiepolitik.
Die Mannheimer Ökonomen schlagen vor, dass sich der Staat am Kapitalmarkt Geld leiht, die vier großen Übertragungsnetzbetreiber Tennet, Amprion, 50Hertz und Transnet BW mehrheitlich übernimmt und die Firmen außer mit Fremd- in großem Umfang mit zusätzlichem Eigenkapital ausstattet.
Bisher ist Amprion vollständig in Privatbesitz, Tennet und 50Hertz gehören ganz oder teilweise niederländischen beziehungsweise belgischen Staatsunternehmen. An Transnet BW halten das Land Baden-Württemberg, ein Banken- und Versicherungskonsortium sowie die staatliche Förderbank KfW direkt oder indirekt Anteile.
Wie stehen die Netzbetreiber zu dem Vorstoß? „Wir sind der Überzeugung, dass ein funktionierendes Marktmodell, das durch geeignete Regulierung begleitet wird, der beste Weg ist, um die Energiewende erfolgreich zu gestalten“, sagt Transnet-BW-Finanzchef Rainer Pflaum. Ein Energiewendefonds könne einen entscheidenden Beitrag leisten. „Durch staatliche Garantien und Bürgschaften können Risiken minimiert und private Investitionen in den Netzausbau mobilisiert werden“, so Pflaum.