Frau Rückert-Hennen, Ihre Privatkunden müssen ab Oktober fast ein Drittel mehr für Strom bezahlen – für einen Musterhaushalt mit durchschnittlichem Verbrauch bedeutet das rund 300 Euro zusätzliche Kosten im Jahr. Haben sie jemals eine solche Preisexplosion verkünden müssen?
Nein. Eine derartige Kostensteigerung beim Strom gab es bei der EnBW noch nie. Auch viele andere Anbieter haben bereits deutliche Preisanpassungen angekündigt. Frühere Erhöhungen haben im einstelligen Prozentbereich gelegen, insofern ist das, was wir nun tun mussten, außergewöhnlich.
Was macht das Außergewöhnliche nun aus Ihrer Sicht unvermeidbar?
Bereits seit letztem Jahr sehen wir einen deutlichen Anstieg in den Beschaffungskosten auch für Strom. Die Folgen des Ukraine-Kriegs haben die Beschaffungspreise für Kohle und Gas noch einmal extrem verteuert. Und seitdem Russland seine Gaslieferungen an Europa drosselt, erleben wir völlig ausufernde Preise bei den fossilen Energieträgern. Diese nun länger andauernden Marktverwerfungen können wir auch mit unserer langfristigen, verantwortungsvollen und soliden Einkaufsstrategie nicht mehr abfangen. Die gegenwärtigen Entwicklungen waren nicht voraussehbar, und jetzt müssen wir den enormen Kostenanstieg leider an unsere Kunden weitergeben.
Gas hat aber hierzulande nur einen geringen Anteil an der Stromerzeugung. . .
. . . aber die Beschaffungspreise für Gas und Strom hängen nah beieinander. . .
. . . und sie haben sich seit Anfang 2021 versiebenfacht, wie Sie mitteilen. Haben Sie mit der jetzigen Preiserhöhung nun diese gestiegenen Kosten komplett ausgeglichen?
Aus jetziger Sicht, und auf absehbare Zeit, ja.
Das klingt, als sei das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht – auf Ihre Kundinnen und Kunden können bald noch höhere Stromkosten zukommen?
Jetzt haben wir erst einmal diese Erhöhung beschließen müssen und ich hoffe, dass es möglichst lange damit getan ist. Aber so unvorhersehbar wie die Lage an den Energiemärkten aktuell ist, kann ich leider nicht ausschließen, dass sie weitere Anpassungen nötig machen wird.
Was muss passieren, damit die Kosten für Sie und die Kunden wieder sinken?
Die Verunsicherung auf den Energiemärkten müsste ein Ende finden.
Das heißt, Putin müsste wieder zuverlässig liefern?
Nicht unbedingt. Wir müssen jetzt alles daran setzen, dass wir uns von russischen Importen so schnell wie möglich vollends unabhängig machen und die Erneuerbaren Energien massiv ausbauen.
Wenn Energie für Sie günstiger wird, werden Sie das dann auch an die Verbraucher umgehend weitergeben?
Ja. So haben wir es 2020 auch gemacht, nachdem die Beschaffungspreise gesunken waren. Und ab diesem Juli wurde der Strom für unsere Kunden ja auch günstiger durch den Wegfall der Erneuerbare-Energien-Umlage. Ohne deren Abschaffung müssten die Preise ab Oktober noch höher sein. Wir nehmen aber nicht nur unsere Verantwortung gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern im Land war, indem wir den Wegfall der EEG-Umlage eins zu eins durchreichen. Wir werden bei finanziell schwer belasteten Haushalten in der kommenden Heizperiode keine Sperrungen bei Strom und Gas vornehmen, damit Menschen, die ihre Rechnung nicht bezahlen können, nicht in eine zusätzliche Notlage geraten. Wir planen zudem eine Gassparprämie von einmalig 100 Euro.
Wer soll die bekommen?
Die Kunden der EnBW, die im Vergleich zur Heizperiode des Vorjahrs mindestens zehn Prozent weniger Gas verbrauchen.
Nachdem die EnBW in diesem Jahr schon zweimal die Gaspreise erhöht hat – erst um 19, dann um 35 Prozent – klingt das nach Symbolpolitik.
Nein, ganz und gar nicht. Die Gassparprämie setzt an zwei Stellen an: Zum einen entlastet sie unsere Kundinnen und Kunden, weil am Ende des Jahres 100 Euro von ihrer Heizkostenabrechnung abgehen und zum anderen, weil sie hierdurch einen weiteren Anreiz haben, weniger Gas verbrauchen. Und nur durch sinnvolles Energiesparen lassen sich die steigenden Energiepreise überhaupt dämpfen. Eine Voraussetzung ist aber, dass sich die Bürger intensiver mit ihrem Verbrauch befassen. Jeder einzelne kann viel tun.
Der berühmte dicke Pullover in der Wohnung?
Nein, darum geht es nicht. Aber man kann überprüfen lassen, ob die Heizungsanlage effektiv läuft, Thermostate einsetzen, LED-Lampen benutzen, Bewegungsmelder für die Beleuchtung benutzen und viele weitere Dinge. Dazu bieten wir auch Tipps und Beratungen.
In Ländern mit einem hohen Anteil an grüner Energie, wie Norwegen, sind die Strompreise viel günstiger als in Ländern, die auf fossilen oder atomaren Strom setzen. Würde also auch bei uns der konsequente Ausbau der Erneuerbaren langfristig die Kosten senken?
Der Ausbau regenerativer Energien hat auf lange Sicht sicherlich einen kostendämpfenden Effekt. Und er macht uns unabhängiger. Zunächst einmal muss aber viel Geld investiert werden – Investitionen, die zwar zunächst auch vom Verbraucher mitgetragen werden müssen. Aber das ist bei jeder technologischen Weiterentwicklung so.
Aber langfristig rechnen sich Erneuerbare Energien?
Ja, sowohl für den Klimaschutz als auch für die Versorgungssicherheit sind Erneuerbare unverzichtbar. Und diese Technologien an sich sind kein Preistreiber, im Gegenteil.
Zurück in die unmittelbare Gegenwart: Sie veröffentlichen nächste Woche ihre Halbjahresbilanz. Wollen Sie mit der nun verkündeten Preisanhebung Ihre Anteilseigner beruhigen?
Nein, darum geht es überhaupt nicht.
Aber die zeitliche Nähe ist auffällig. . .
Da gibt es keinen Zusammenhang. Wir müssen bestimmte Fristen bei beiden Terminen einhalten, und da gibt es wenig Spielraum.