Fundbüro Stuttgart Student gibt 3000 Euro teuren Ring ab

Von Martin Haar 

Im Fundbüro Stuttgart erleben die Mitarbeiter fast täglich rührende Geschichten. Eine davon ist die von Annette Suk. Sie hatte ihren teuren Goldring für immer verloren geglaubt. Doch ein ehrlicher Finder gab das Stück ab.

  Foto: Haar
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S-Mitte - Was wäre Frau ohne ein Tübchen Handcreme in der Tasche? Annette Suk kann diese Frage jetzt ganz neu beantworten: „Hätte ich an diesem Abend auf die Creme verzichtet, wär mir einiges erspart geblieben.“ So aber nahm das Schicksal seinen Lauf: An den cremigen Fingern der Kauffrau flutsch ihr wertvoller, goldener und mit Diamanten besetzte Ring unbemerkt davon. „Ich bin tausend Tode gestorben, als ich gemerkt hatte, dass der Ring weg ist.“ Natürlich hatte sie in der Volksbank an der Börsenstraße, wo sie dem Vortrag von Ex-Außenminister Klaus Kinkel lauscht, alle schalu gemacht: „Haben Sie einen Goldring gefunden?“ Alle verneinten höflich. Irgendwann lässt die Kauffrau alle Hoffnung fahren: Tausende Euro schienen futsch, ideelle Werte dazu.

„Irgendein Schlaumeier hat dann gesagt: Fragen Sie doch mal im Fundbüro“, erzählt sie und macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube: „Ich habe gedacht, das bringt eh nichts. Wer gibt heutzutage schon so einen wertvollen Ring ab.“ Ein Versuch, ein kurzer Anruf im Fundbüro war es ihr dennoch wert. Und siehe da: Ihr Ring war tatsächlich abgegeben worden. „Ich dachte, ich werd verrückt“, sagt sie, „dass es heutzutage so etwas noch gibt.“

Finder kommen aus allen Schichten

Gibt es immer wieder, wie der Leiter des städtischen Fundbüros, Dieter Wolf, berichtet. Die Menschen seien ehrlicher, als man gemeinhin vermute. Im Fundbüro an der Hauptstätter Straße 66 landet so ziemlich alles, was nicht niet- und nagelfest ist: Handys, Schlüssel, Fahrräder, Uhren, Bargeld und sogar Gebisse. „Wir haben einen ganzen Schrank voller Handys“, sagt Wolf und erinnert sich an eine Anekdote aus seiner Anfangszeit beim Fundbüro. Damals sagte er zu einem Kollegen, „jetzt fehlt nur noch, dass einer ein verloren gegangenes Kind abgibt“. Wolf traute seinen Augen nicht, als am nächsten Tag tatsächlich ein Kind auf seinem Tresen saß. Erst als seine Kollegen feixten, war ihm klar: „Es war ein Scherz.“

Weil in diesem Büro aber selten etwas so ist, wie es scheint, wäre wohl auch ein Kind als Fundsache denkbar gewesen. Auch Annette Suk muss inzwischen einige ihrer Denkmuster revidieren. Sie dachte, der Finder ihres Ringes muss ein älteres, gut situiertes Semester sein. Solche Vorstellung trifft Dieter Wolf oft bei seinen Kunden an. „Aber die Finder kommen aus allen gesellschaftlichen Schichten und sind aus allen Herren Ländern. Ganz gleich, ob jung oder alt“, sagt er. Tatsächlich passt auch der Finder des Ringes nicht in Annette Suk. Klischees: Er ist 24 Jahre alt und studiert in Stuttgart Fahrzeug- und Motorentechnik. „Ich ärgere mich über meine Vorurteile, dass ich gemutmaßt hatte, dass es sicherlich eine ältere Person gewesen sein muss, die den Ring gefunden hat“, gibt sie zu.

Herzliche Umarmung und 100 Euro Finderlohn

Ihr Held, Florian Graß, hat den Ring morgens auf dem Weg zur Uni gefunden, direkt vor dem Eingang der Volksbank. „Da die Bank um 8 Uhr noch nicht geöffnet hatte, brachte ich den Ring zur Polizei an der Theo“, sagt Graß. Man mag es kaum glauben: Aber Florian Graß hat keine Sekunde daran gedacht, den Ring zu behalten: „Ich vertrete die Theorie, dass alles im Leben zurückkommt. Vielleicht bekomme ich dann auch mal etwas zurück, das ich verloren habe.“ Und ganz leer geht der ehrliche Finder nicht aus. Annette Suk entlohnte ihn mit 100 Euro Finderlohn und einer herzlichen Umarmung. Denn am Ende hat sie noch etwas viel Wichtigeres als ihren Goldring wieder zurück bekommen: „Den Glauben an das Gute im Menschen.“

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