Studentenbuden unterm Fernsehturm Zwischen Tradition und Jogginghose

Von Peter Buchholtz 

Bald beginnt das Sommersemester – und viele Studenten suchen nach einer Bleibe. In loser Folge berichten wir aus diesem Anlass, wie Studierende wohnen. Diesmal: Benedikt Müller, der bei einer schlagenden Studentenverbindung in Hohenheim lebt.

Benedikt Müller hatte früher nichts übrig für Studentenverbindungen. Inzwischen gehört er selbst zu einer und wohnt auch dort. Das Band trägt er nur besonderen Anlässen, sagt er. Foto: Buchholtz
Benedikt Müller hatte früher nichts übrig für Studentenverbindungen. Inzwischen gehört er selbst zu einer und wohnt auch dort. Das Band trägt er nur besonderen Anlässen, sagt er. Foto: Buchholtz

Hohenheim - Seit einem halben Jahr wohnt Benedikt Müller im Verbindungshaus der Landsmannschaft Württembergia in Hohenheim. Dass er einmal Mitglied in einer Verbindung sein würde, konnte er sich früher selbst nicht vorstellen.

Mit stumpfen Klingen im Keller

Einen Steinwurf vom Hohenheimer Universitätscampus entfernt steht das prächtige Verbindungshaus. Das große Gebäude mit noch größerem Garten wurde 1908 fertiggestellt und dient seither den Zwecken der farbentragenden und pflichtschlagenden Verbindung. Dreimal die Woche wird mit stumpfen Klingen im Keller gefochten. „Pauken“ nennt man das, also die Vorbereitung auf die zwei Pflichtmensuren, also Fechtkämpfe. Benedikt Müller ist einer von momentan vier Bewohnern des Hauses, maximal fünf Studenten finden dort Platz. Dass die Zimmer nur für Männer geeignet sind, liegt nicht etwa an unzeitgemäßen Traditionen, sondern vielmehr an der Infrastruktur des Hauses: Es gibt lediglich ein Gemeinschaftsbad mit mehreren Duschen nebeneinander.

Benedikt Müller studiert Agrarwissenschaften im zweiten Semester. „Anfangs habe ich überhaupt nichts von Verbindungen gewusst“, erzählt er. Darum sei er auch zuerst in eines der Wohnheime auf dem Campus gezogen. Als ihm dann ein Freund von den Zimmern im Verbindungshaus erzählte, informierte sich Benedikt Müller erstmals über die Landsmänner. „Ich habe den Wikipedia-Eintrag über die Verbindung gelesen und dachte mir: ,Was sind das für Menschen?‘“, sagt er und grinst. Dann habe er sich das Haus angeschaut, und seine Skepsis sei verflogen. Heute will er am liebsten gar nicht mehr weg aus dem Haus: „Ich habe meine Leute hier, zur Uni ist es auch nah – was will man mehr?“ Benedikt Müllers Zimmer ist mit alten Holzmöbeln ausgestattet. Vom Fenster sieht man in den großen Garten. Für die 190 Euro, die Benedikt Müller monatlich bezahlt, bekommt man anderswo höchstens eine Gartenlaube zur Untermiete.

Nur männliche Studenten ziehen ein

Da die Universität Hohenheim eine landwirtschaftlich geprägte Hochschule ist, ist auch ein Großteil der Württembergia-Aktiven auf diesen Bereich spezialisiert. Die Zimmer im Verbindungshaus werden auf jeweils ein Jahr ausgeschrieben. „Einziehen kann jeder männliche Student“, sagt Benedikt Müller. Die Aufnahme in die Verbindung ist für die Hausbewohner nicht zwingend. „Wir sehen das Haus eher als Auffangbecken für Studenten“, so Müller. Deshalb sei auch die maximale Wohnzeit auf ein Jahr begrenzt. Danach wolle er gemeinsam mit Freunden eine WG gründen, am besten auch in der Nähe der Universität.

Müller war schon in seiner Heimatstadt Künzelsau sehr engagiert. Ob bei der Musikkapelle, bei der Feuerwehr oder im Jugendkulturverein. Im Verbindungshaus bekleidet er das Amt des Hausverwalters. Er kümmert sich um kleinere Reparaturen, wie beispielsweise das zusammengebrochene Bücherregal in der Bibliothek. Dort finden sich Skripte und Fachliteratur zu den für Hohenheim üblichen Studiengängen wie Agrar- und Wirtschaftswissenschaften. Großzügig geschnitten sind auch die restlichen Räume des Hauses.

Der Kneipsaal beispielsweise, wo dreimal im Jahr „die Kneipe“ mit Fest- und Gastrednern veranstaltet wird und insgesamt mehr als 100 Personen unterkommen. Oder der Tresenraum, der den Bewohnern und Aktiven tagsüber Platz zum Lernen bietet und abends gerne für Festivitäten genutzt wird. „Wenn die Partys drüben in der TMS zu Ende sind, kommen die Leute oft noch zu uns zum Weiterfeiern“, sagt Benedikt Müller. TMS, das ist die Thomas-Müntzer-Scheuer auf dem Uni-Campus, in der regelmäßig Studentenpartys veranstaltet werden.

Landsmannschaft wurde anno 1828 gegründet

Im Tresenraum befindet sich auch ein geschichtsträchtiges Möbelstück. Dort steht ein Holztisch, in den viele der scheidenden Mitglieder ihren Namen eingeritzt haben. „Viele sind nicht mehr am Leben“, erzählt Benedikt Müller. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die Landsmannschaft anno 1828 gegründet worden ist.

Feindseligkeiten gegenüber der Verbindung gibt es in Hohenheim selten. Nur einmal wurde an die Außenwand „Burschenschaften wegboxen“ gesprüht. „Dabei sind wir gar keine Burschenschaft“, so Müller. Im Übrigen wird sogar das Tragen des schwarz-gold-grünen Bandes bei der Landsmannschaft eher locker gehandhabt. „Bei offiziellen Anlässen tragen wir das Band“, sagt Benedikt Müller. Ansonsten gebe es keine strikte Kleiderordnung im Haus: „Wir tragen auch mal Jogginghose.“

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