Studie über S-Bahn-Verkehr Neue Technik könnte S-Bahn besser lotsen

Von Wolfgang Schulz-Braunschmidt 

Eine neue Zugsteuerungssoftware kann nach Ansicht von Stuttgarter Wissenschaftlern die Verspätungen bei der S-Bahn deutlich verringern. Beim Verband Region Stuttgart ist man hingegen skeptisch.

Auch die  Haltezeiten an den  Bahnsteigen  müssen kürzer werden. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Auch die Haltezeiten an den Bahnsteigen müssen kürzer werden. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Eine neue Zugsteuerungssoftware kann nach Ansicht von Wissenschaftlern der Universität Stuttgart die längst alltäglich gewordenen Verspätungen bei der S-Bahn deutlich verringern. Auf der als Nadelöhr geltenden unter­irdischen Stammstrecke zwischen der Schwabstraße und dem mit Stuttgart 21 geplanten zusätzlichen Halt Mittnachtstraße soll sich dank des European-Train-Controll-Systems (ETCS) die Zahl der verspäteten Züge um 73 Prozent reduzieren lassen. Das geht aus einer Studie hervor, die das Verkehrswissenschaftliche Institut für den Bahntechnik-Konzern Thales erstellt hat. Die Untersuchung ist in der vergangenen Woche bei einer Veranstaltung des Verbands Region Stuttgart von Professor Ullrich Martin vorgestellt worden.

Bei dem elektronischen Lotsen handelt es sich um ein im europäischen Eisenbahnverkehr als neuen Standard eingeführtes System. Durch die Ausrüstung der Stammstrecke mit einem weiterentwickelten, auf drahtloser Übertragungstechnik basierenden Lotsen könnten die gegenseitigen Behinderungen der Züge stark reduziert werden, heißt es in der Studie. „Statt 500 Meter beträgt der Abstand zwischen den einzelnen S-Bahnen nur noch 100 Meter“, erläutert Martin. Das ETCS-System überwache die Fahrt aller S-Bahnen kontinuierlich und passe Abstand und Geschwindigkeit stets optimal an. „Dadurch wird eine dichtere Zugfolge auf der von allen sechs S-Bahn-Linien befahrenen Stammstrecke möglich“ , sagt der Uniprofessor .

94, 5 Prozent pünktliche Züge in der Simulation

Die von den Verkehrswissenschaftlern erstellte Betriebssimulation im Berufsverkehr hat ergeben, dass der Einsatz dieser Technik die Verspätungen im Berufsverkehr mit 24 Zügen in der Stunde um 73 Prozent reduzieren könnte. „In unserer Simulation waren 94,5 Prozent der S-Bahnen weniger als drei Minuten verspätet“, so Martin. Ohne ETCS seien es nur 80,2 Prozent der Züge gewesen.

Doch das System soll noch mehr können. „Durch den Einsatz von ETCS lässt sich außerdem die Zahl der S-Bahnen auf der Stammstrecke in der Stunde von 24 auf bis zu 32 Züge erhöhen“, so Martin. Das entspreche einem zusätzlichen Angebot von 11 000 Sitz- und Stehplätzen je Stunde und Richtung. Dadurch könnten bei zeitlich begrenzten Großereignissen auch noch mehr S-Bahnen eingesetzt werden.

Der Verkehrswissenschaftler betont ausdrücklich, dass die Ergebnisse der Studie „belastbare Ergebnisse sind, die das noch vorhandene Potenzial der Stammstrecke belegen“. Martin weist zugleich aber auch in aller Deutlichkeit darauf hin, dass der elektronische Lotse kein Alleskönner sei. Er sei „nicht vorrangig dazu geeignet, die derzeit vorhandenen technischen Unzulänglichkeiten bei den unverhältnismäßigen Wartezeiten zu kompensieren“. Es könne lediglich eine Dämpfung erreicht werden. „Schwachpunkte des S-Bahn-Netzes müssen deshalb beseitigt und die zu langen Haltezeiten an den Stationen müssen verkürzt werden“, so Martin.

Sonderthemen