Studie zu Clubs und Bars Das Nachtleben ist hunderte Millionen wert

Spaß in der Nacht: Party und Feiern im Club. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Die Nacht. Sie ist ein Versprechen, ein Vergnügen – und ein Geschäft. Eine Studie zur Nachtökonomie hat nun ermittelt, welchen Wert das Nachtleben hat. Auch über Euro und Cent hinaus.

Im Dunkeln ist gut munkeln. Und tanzen. Und küssen. Und Spaß haben. Und feiern. Und es fließt Geld. Eine Studie des Büros C/O Zukunft hat im Auftrag der Wirtschaftsförderung ermittelt, was in der Stadt nach acht geschieht. Und was geschehen könnte. Am Freitagabend sind im Stadtpalais die Ergebnisse vorgestellt worden.

 

Wie sind die Macher vorgegangen?

Sie haben Geschäfts- und Steuerdaten verwendet, Geodaten und Statistiken ausgewertet, 692 Gäste befragt, mit 70 Unternehmen der Branche gesprochen. Eine solche Studie, die neben diesen wirtschaftlichen auch die räumlichen und soziokulturellen Faktoren berücksichtige, sei einmalig in Deutschland, sagt Stadtplaner Jakob Schmid aus Hamburg von C/O Zukunft. Und sie biete eine Handhabe für die Stadt, die Nacht zu gestalten, sagt sein Kollege, Alexander Bücheli aus Zürich. Grundlage waren die Daten aus 2019, dem letzten kompletten Geschäftsjahr aus dem Daten vorliegen, bevor die Pandemie zuschlug.

Was sagen die Zahlen?

Die Gastronomie wird unterschieden in speisegeprägte Gastronomie, also Restaurants, und in getränkegeprägte Gastronomie, also Bars, Kneipen, Clubs, Discos. Gemeinsam erzielten sie 2019 einen Umsatz von gut 600 Millionen Euro. Davon entfielen 92 Millionen Euro auf Bars, Kneipen, Clubs und Discos. Der Pro-Kopf-Umsatz beträgt 960 Euro für die gesamte Gastronomie, 148 Euro für Bars, Kneipen, Clubs und Discos. Das ist etwas mehr als in den ähnlich großen Vergleichsstädten Leipzig und Bremen, aber weniger als in Frankfurt (277 Euro) und Düsseldorf (365 Euro).

Wie viele Betriebe gibt es?

Es gibt in Stuttgart 210 Bars, Clubs, Kneipen und Discos. Das ist doppelt so viel wie in Leipzig, etwas weniger als in Bremen, und nur ein Drittel soviel wie in Frankfurt und Düsseldorf. Aber die Zahl der Beschäftigten in diesen Betrieben ist mit 2631 in Stuttgart so hoch wie in Düsseldorf und liegt nur wenig unter der von Frankfurt. Was offenbar daran liegt, dass es in Stuttgart größere Betriebe als in den anderen Städten gibt. Von den 2631 Angestellten sind 71 Prozent geringfügig Beschäftigte, 29 Prozent sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Wie viele Gäste kommen?

Es ist eine imposante Zahl. 9,5 Millionen Gäste kommen während eines Jahres in die Stuttgarter Bars, Clubs und Discotheken. Rund 120 000 Menschen sind es jedes Wochenende. Nicht mit eingerechnet sind darin die Besucher von Festivals, Kinos, Theater oder anderen Veranstaltungen wie nicht in Clubs stattfindenden Konzerten. Jeder dritte Gast kommt nicht aus Stuttgart, sondern aus der Region und dem Land. Bei den Vergleichsstädten liegt Stuttgart sowohl bei der Anzahl der Studenten (zehn Prozent der Besucher) und der 18- bis 29-Jährigen (17 Prozent) auf Platz eins. „Die Nachfrage in Stuttgart ist stark geprägt durch eine junge, internationale Bevölkerung“, so die Schlussfolgerung der Studie.

Wie kommen die Gäste?

Insgesamt kommen 61 Prozent mit Bus und Bahn. Wobei die Anreise gute Noten erhält, die Abreise nicht. Was vor allem daran liegt, dass die Stadtbahnen nicht die Nacht hindurch fahren. 13 Prozent kommen zu Fuß, vier Prozent mit dem Rad, ein Prozent mit dem Taxi – und 14 Prozent mit dem Auto. Dabei gibt es große Unterschiede zwischen Region und Stadt. Die Stuttgarter nutzen zu fünf Prozent das Auto, die Gäste aus der Region zu 41 Prozent.

Was erwirtschaften die Betriebe?

Dafür wurden die Umsätze von Clubs, Bars und Discos, sowie die nachts erwirtschafteten Umsätze der Restaurants und Imbisse, sowie von Kulturbetrieben und Kinos addiert. Dabei kommt man auf 281 Millionen Euro. So viel wie der Jahresumsatz der Stuttgarter Hotels. Für jeden ausgegebenen Euro werden weitere 17 Cent in anderen Bereichen ausgegeben, etwa Nahverkehr und Taxen, Handel und Hotels, die Umwegrendite.

Was sind die Probleme?

Der Platz ist knapp in Stuttgart. Und die Wünsche und Ansprüche sind vielfältig. Wohnen, Ausgehen, Einkaufen, Sport, Verkehr, für alles soll Platz sein. 75 Prozent der Betriebe der Nachtwirtschaft sind in den Innenstadtbezirken. Hinzu kommt eine neue „Kultur des Draußens“. So ist die Zahl der Außengastronomie von 2012 bis 2022 von 505 auf 608 gestiegen, die Zahl der Beschwerden im gleichen Zeitraum von 764 auf 1595. 50 Prozent der Betriebe sind mit Klagen wegen Lärms konfrontiert. Was hohe Investitionen in Lärmschutz bedeutet. Hinzu kommen Kostensteigerungen „die wir gar nicht an unsere Gäste weitergeben können und wollen“, sagt Hannah Japes vom Club Kollektiv. Dies gilt besonders für viele Betriebe aus dem soziokulturellen Bereich, wo vieles Liebhaberei ist, nur über Ehrenamt oder Selbstausbeutung funktioniert. So geben 50 Prozent der Unternehmen an, sie seien in ihrem Fortbestehen bedroht.

Wie geht es weiter?

Das Club Kollektiv wünscht sich finanzielle Hilfe von der Stadt beim Lärmschutz und beim Sichern von Räumen für das Nachtleben. Eine Förderung für Live-Musik und Kultur gibt es, Walter Ercolino vom Pop Büro kann sich da durchaus mehr Engagement vorstellen. Schließlich sei ja auch klassische Kultur wie Oper, Ballett ohne Förderung undenkbar. Die Macher der Studie können sich gut vorstellen, neue Räume zu erschließen. Etwa am Süß-Oppenheimer-Platz. Warum nicht Ateliers und einen Club ins Parkhaus? Oder am Neckar. Mit Veranstaltungen am Gaskessel, einem Open-Air-Kino und Konzerten am Kraftwerk, neben Fridas Pier und dem Kulturschiff noch ein Film- und ein Badeboot. „Erlebnisraum Neckar“ nennen sie das. Die Stadt am Fluss nicht nur als Lippenbekenntnis, man muss wohl aus Hamburg und Zürich kommen, um sich das zu trauen.

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