Stuttgart - „Aus motivationspychologischer Sicht bedenklich“ – so beschreiben Ricarda Steinmayr und Hanna Christiansen ein Teilergebnis ihrer Befragung von rund 1000 Müttern und Vätern zur Qualität des Heim-Unterrichts, den ihre Kinder in den vergangenen Wochen erhalten haben. Die Schüler scheinen wenig oder häufig gar keine Rückmeldung zu den von ihnen gelösten Aufgaben zu bekommen, teilen die beiden Professorinnen in einer Pressemitteilung zu vorläufigen Ergebnissen ihrer Studie mit. Feedback ginge jedoch mit einer positiven Entwicklung der Leistung und, wenn es richtig formuliert wird, auch mit Motivation einher.
Die Autorinnen beziehen sich bei dieser Einschätzung auf die folgende Frage aus ihrem Fragebogen: „Wie oft geben die folgenden Lehrkräfte Ihrem Kind Feedback zu seinen Aufgabelösungen?“ Differenziert wurde nach Mathe, Deutsch, Englisch sowie Biologie/Sachunterricht. Für alle Fächer war „bislang noch nicht“ bei weitem die häufigste Antwort. Mehr als die Hälfte der befragten Eltern kreuzte bei allen Fächern diese Option an. Am höchsten war der Wert beim Biologie-/Sachkundeunterricht. Hier gaben mehr als 700 der rund 1000 befragten Eltern an, dass es bislang kein Feedback zu Aufgabenlösungen gab.
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„Zwiespältiges Bild“ des Heimunterrichts
Insgesamt nahmen bislang 852 Mütter und 148 Väter aus ganz Deutschland an der Befragung teil. Die Kinder waren im Schnitt zwischen 10 und 11 Jahre alt. 435 der beurteilten Kinder besuchten die Grundschule, 505 eine weiterführende Schule und vier eine Förderschule. Die Autorinnen betonen, dass die Studie nicht repräsentativ ist. Die Ergebnisse können also nicht auf die Gesamtheit der Eltern in Deutschland übertragen werden. Das Bildungsniveau der Stichprobe sei höher als im Durchschnitt der deutschen Bevölkerung, so die Wissenschaftlerinnen. Dreiviertel der Befragten hatten als höchsten Schulabschluss das (Fach)Abitur angegeben. Außerdem war die Ausstattung der Familien – eigenes Zimmer der Kinder, eigenes Tablet, eigener Drucker – hoch. Das spricht laut den Autorinnen ebenfalls für eine sozial verzerrte Stichprobe.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse ein „zwiespältiges Bild der aktuellen Beschulung“, wie die Wissenschaftlerinnen schreiben. Bei der generellen Frage, ob die Eltern mit der Organisation des Heimunterrichts zufrieden seien, gaben die meisten „teils teils“ an. Der überwiegende Teil der Lehrkräfte setze Homeschooling laut den Angaben der Eltern durch das Zusenden von Aufgaben um. Viele, aber nicht alle Lehrkräfte, schicken auch Aufgaben zu. Ungefähr ein Drittel der Eltern gab an, dass die Mathelehrkräfte bislang keine Lösungen für die Aufgaben geschickt hatten. Bei den Deutschlehrern waren es laut den Eltern 43 Prozent, in Englisch etwa 47 Prozent und im Biologie-/Sachunterrichtlehrkräften etwa 53 Prozent der Lehrkräfte.
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Außerdem beleuchtet die Studie, wie stark verschiedene Kommunikationsmöglichkeiten genutzt werden. Je nach Fachrichtung gaben maximal etwa ein Viertel der befragten Eltern an, dass die Lehrkräfte schon Unterricht per Videokonferenz durchgeführt hätten. Am geringsten war der Wert beim Biologie-/Sachkundeunterricht. Hier hatten laut den Eltern 85 Prozent der Lehrkräfte noch keine Videokonferenzen genutzt.
Darüber hinaus gab für alle Fachrichtungen mindestens die Hälfte der Eltern an, dass Lehrkräfte bislang noch keinen persönlichen Kontakt mit ihren Kindern per Telefon, Chat oder Email hatte – und das, obwohl die Kinder der befragten Eltern im Schnitt seit sechs Wochen zu Hause beschult werden. „Zusammenfassend zeigen diese Ergebnisse, dass selbst bei Familien, die überwiegend über die technischen Möglichkeiten für Onlineunterricht verfügen, in den meisten Fällen die häusliche Beschulung in den Fächern Mathematik, Deutsch, Englisch und Biologie bzw. Sachunterricht durch das Versenden von Aufgaben realisiert wurde“, schreibt Ricarda Steinmayr auf der Website der TU Dortmund.
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Studie läuft noch
Ricarda Steinmayr ist Professorin für Pädagogische Psychologie an der Technischen Universität Dortmund, Hanna Christiansen Professorin für Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Marburg. Die Studie läuft noch, die Wissenschaftlerinnen haben vorläufige Ergebnisse präsentiert. Die Zusammenfassung ist im Internet verfügbar. Außerdem können Eltern nach wie vor an der Studie teilnehmen.
Hier geht es zum Fragebogen.