Studie zu Industrie- und Handelskammern Zu viel Personal bei der IHK Region Stuttgart?

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Laut einer Untersuchung von Kammerkritikern hat die IHK Region Stuttgart gemessen an ihrer Mitgliederzahl überdurchschnittlich viele Beschäftigte. Die Kammer widerspricht dieser Einschätzung. Sie verweist auf zusätzliche Aufgaben, die sie erfüllen müsse.

Die IHK Stuttgart begründet ihre vergleichsweise hohe Mitarbeiterzahl mit zusätzlichen Aufgaben, die sie erfüllen müsse. Unser Bild zeigt das IHK-Gebäude in der Jägerstraße. Foto: dpa
Die IHK Stuttgart begründet ihre vergleichsweise hohe Mitarbeiterzahl mit zusätzlichen Aufgaben, die sie erfüllen müsse. Unser Bild zeigt das IHK-Gebäude in der Jägerstraße. Foto: dpa

Stuttgart - Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart fällt bundesweit durch einen besonders unwirtschaftlichen Personaleinsatz „sehr negativ“ auf. Pro Mitarbeiter betreue die hiesige Kammer nur rund halb so viele Mitglieder wie die effizienteste IHK in Berlin. Zu diesem Ergebnis kommt der kammerkritische Bundesverband für freie Kammern (bffk) in einer vergleichenden Untersuchung, die an diesem Montag veröffentlicht wird. Die IHK Stuttgart bestätigte im Wesentlichen die Zahlen, wies die Befunde aber als wenig aussagekräftig zurück: zum einen seien Sondereffekte durch Zusatzaufgaben nicht berücksichtigt, zum anderen würden einseitig nur Personal und Kosten, nicht aber die erbrachten Leistungen verglichen. Von Ineffizienz könne daher keine Rede sein.

Grundlage des 4. Kammerberichtes des Verbandes sind Angaben, die von den Industrie- und Handelskammern selbst veröffentlicht werden. Diese praktizierten inzwischen tatsächlich mehr Transparenz, räumen auch die Kritiker ein. Erstmals habe man sich anhand der Daten mit dem Personaleinsatz in den einzelnen Kammern beschäftigt. Als Maßstab wurde dabei das Verhältnis zwischen Mitgliederzahl und Vollzeitstellen bei der jeweiligen IHK genommen.

Ein IHK-Mitarbeiter in Berlin betreut viel mehr Mitglieder

Während in Berlin auf eine Vollzeitstelle 1119 Kammermitglieder kämen, sind es in Stuttgart der Studie zufolge gerade mal 544. Damit gehöre die IHK der Region nicht nur in der Gruppe der großen Kammern zu den besonders schlechten, sondern auch im Vergleich zu kleineren. Als Beispiel wird die Kammer in Fulda genannt, in der 593 Mitglieder auf eine Stelle kämen. „Wenn selbst sehr kleinen Kammern eine sparsame Personalbewirtschaftung gelingt, muss sich die IHK in Stuttgart fragen lassen, warum bei ihrer Größe keine Synergien beim Personaleinsatz wirken“, kommentierte der bffk-Geschäftsführer Kai Boeddinghaus die Zahlen.

Bei den mittelgroßen Kammern in Baden-Württemberg bescheinigen die Kritiker besonders Reutlingen schlechte Effizienz; dort kämen 416 Mitglieder auf einen Mitarbeiter. Unter den kleinen fielen Heidenheim mit 401 und Ulm mit 311 negativ auf. Positiv wird hingegen Freiburg mit 644 Mitgliedern je Stelle hervorgehoben.

Den „Eindruck eines großzügigen Personaleinsatzes“ in Stuttgart sieht der Verband auch durch den Personalzuwachs bestätigt. Zwischen 2007 und 2014 seien 52 Stellen hinzugekommen, ein Plus von 21 Prozent. Dies liege über dem Mitgliederzuwachs und sei „deutlich überzogen“, rügt Boeddinghaus. Schließlich seien es die „hart arbeitenden Mitglieder, die diesen Luxus finanzieren müssen“. Er forderte die Kammerführung zu einem „deutlichen Gegensteuern“ auf. Stuttgart dürfe sich nicht damit trösten, dass andere Bezirke noch schlechter dastünden.

Der Hauptgeschäftsführer widerspricht der Kritik

Der Hauptgeschäftsführer der IHK Region Stuttgart, Andreas Richter, widersprach der Kritik und stellte die Methodik in Zweifel. Ohne einen Leistungsvergleich sei eine reine Betrachtung von Stellen und Personalkosten nicht aussagekräftig. Die Kammer arbeite seit 2005 mit einem unveränderten Umlagesatz von 0,21 Prozent – und das trotz Kostensteigerungen und zusätzlichen Aufgaben; 2014 seien die Mitgliedsunternehmen auf Vorschlag des Präsidiums beim Beitrag um 2,6 Millionen Euro entlastet worden. Arbeitsprogramm und Budget seien gerade erst von der Vollversammlung beschlossen worden, sagte Richter. Im Haushaltsausschuss, in dem auch ein Mitglied der vom bffk unterstützten kammerkritischen „Kakteengruppe“ mitberaten habe, sei ein einstimmiger Beschluss gefasst worden.

Der Hauptgeschäftsführer verwies auf mehrere Sondereffekte, die bei einem Vergleich berücksichtigt werden müssten. So spiele Stuttgart als eine der größten deutschen Kammern eine „führende Rolle“ bei der Erarbeitung von politischen Positionen und bei der Vertretung gegenüber der Politik. Dieser Einsatz und der damit verbundene Aufwand sei von der Vollversammlung ausdrücklich gewollt. Als einzige deutsche IHK arbeite man zudem mit einer Struktur von fünf Bezirkskammern in den Nachbarkreisen. Dies werde von den Mitgliedern auch wegen der kurzen Wege als „besonders effizient“ geschätzt und sei nie in Frage gestellt worden.

Alleine 58 Mitarbeiter seien bei einer zentralen Stelle beschäftigt, die Prüfungsaufgaben und Lehrmittel für alle 79 IHKs in Deutschland entwickle. Gut 25 Vollzeitstellen entfielen auf ein Bildungshaus im Rems-Murr-Kreis, das sich komplett selbst finanziere und die IHK nicht belaste; auch 20 Projektstellen – etwa zur Betreuung von Existenzgründern oder zur Energieeffizienz – seien zum Teil oder ganz staatlich finanziert. Nicht jede IHK sei da „in dem Maße aktiv wie die IHK Region Stuttgart“, so Richter. Den Stellenzuwachs von 2007 bis 2014 bezifferte er auf 42; die meisten seien staatlich oder durch Gebühren finanziert und trügen sich selbst.