Studie zu Lehrermangel an Grundschulen Kurzfristige Lösungen gesucht

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Bildungsforscher erwarten, dass bis 2025 an deutschen Grundschulen rund 35 000 Lehrkräfte fehlen. Pensionäre und Mehrarbeit könnten kurzfristig zur Entspannung beitragen.

Besonders an den Grundschulen sind Lehrer knapp. Foto: dpa
Besonders an den Grundschulen sind Lehrer knapp. Foto: dpa

Gütersloh/Stuttgart - Ein Lehrermangel an Grundschulen kann nur mit kurzfristigen Maßnahmen abgewendet werden. Das ist die Bilanz der Bildungsforscher Klaus Klemm und Dirk Zorn. Sie haben im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung den Lehrerbedarf abgeschätzt und mit den Zahlen der Hochschulabgänger verglichen. Demnach fehlen bis zum Jahr 2025 in Deutschland rund 35 000 Lehrkräfte an Grundschulen. In Baden-Württemberg wurden nach Angaben der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) bereits zu diesem Schuljahr 500 offene Stellen nicht besetzt. Entspannung sehen die Wissenschaftler erst vom Jahr 2026 an. Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) übte Kritik an der Studie. Es sei „bemerkenswert, wie Bertelsmann wieder einmal versucht, die Politik unter Druck zu setzen.“

Der Studie zufolge werden an den Hochschulen zurzeit gerade so viele künftige Lehrer ausgebildet, um ausscheidende Pädagogen zu ersetzen. Nicht berücksichtigt seien jedoch steigende Schülerzahlen sowie zusätzlicher Bedarf durch Ganztagsangebote und die Weiterentwicklung der individuellen Förderung.

Die Aufstockung der Studienplätze wie sie etwa die GEW fordert, reicht Klemm und Zorn zufolge nicht aus. Sie wirkt auch erst langfristig. Das Studium dauert in Baden-Württemberg acht Semester, dazu kommt ein Vorbereitungsdienst von 18 Monaten.

Anreize für Teilzeitkräfte schaffen

Die Wissenschaftler fordern in ihrer Studie zusätzlich zur Ausweitung der Studienkapazitäten „kurzfristige und flexible“ Maßnahmen. Sie schlagen vor, Anreize zu setzen, damit erfahrene Pädagogen mehr unterrichten. Teilzeitkräfte sollten dazu animiert werden, ihre Unterrichtsverpflichtungen zu erhöhen, angehende Pensionäre sollten ihren Ruhestand hinausschieben. Bereits pensionierte Lehrer sollten mehr hinzuverdienen können. Fast 40 Prozent aller Grundschullehrkräfte arbeiten der Studie zufolge in Teilzeit. Eine Voraussetzung für die freiwillige Erhöhung der Deputate seien verlässliche Angebote zur Kinderbetreuung. Auch Seiteneinsteiger müssten für den Schuldienst gewonnen werden.

Südwesten setzt Vorschläge schon um

Einige der Vorschläge setzt Baden-Württemberg bereits um. Durch die Erhöhung der Teilzeitbeschäftigung seien schon in diesem Schuljahr 140 nicht besetzte Stellen kompensiert worden, hat Kultusministerin Susanne Eisenmann im Sommer erklärt. In Baden-Württemberg würden Anträge auf Teilzeit ohne Rechtsanspruch inzwischen kritisch geprüft. Auch könne festgelegt werden, dass die Teilzeitbeschäftigung mindestens 65 Prozent eines Deputats betragen müsse. So wären im Grundschulbereich in Baden-Württemberg 90 zusätzliche Deputate zu gewinnen.

Auch die Pensionsgrenze kann im Südwesten auf Antrag bis zum 69. Lebensjahr hinausgeschoben werden. Das nutzen dem Ministerium zufolge 200 Personen. Eine Steigerung um zehn Prozent sei eventuell möglich. Durch die Öffnung der Hinzuverdienstgrenze wären 80 Stellen zu kompensieren. Zusätzlich will das Land Gymnasiallehrer für die Arbeit an Grundschulen qualifizieren. Trotz der eingeleiteten Maßnahmen, so die Kultusministerin, würden „weiterhin händeringend Grundschullehrer benötigt“. Dem Rat der Forscher, mehr Quereinsteiger einzustellen, erteilt Eisenmann eine Absage. An Grundschulen habe „die pädagogische Ausbildung eine herausgehobene Bedeutung für die Unterrichtsqualität“, sagte sie.

Verband macht „Motivationslücken“ aus

Gerhard Brand, der Vorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) in Baden-Württemberg teilt die Forderungen aus der Studie grundsätzlich. „Wenn wir jetzt nicht kurzfristig sinnvolle Maßnahmen ergreifen, geht an unseren hoch belasteten Grundschulen endgültig das Licht aus“, erklärte Brand. Derzeit kämen von 8000 Studierenden nur 7000 tatsächlich an den Schulen an. „Motivationslücken“ während des Studiums und des Referendariats müssten geschlossen werden.

Grundschullehrer bräuchten bessere Rahmenbedingungen. Verlässliche Angebote zur Kinderbetreuung könnten ein erster Schritt sein. Wichtig seien aber besonders eine Reduzierung der Unterrichtsverpflichtung von in Baden-Württemberg 28 Stunden in der Woche sowie „Anrechnungsstunden für Zusatzaufgaben und eine bessere Besoldung“, so Brand.

GEW: Zu wenig Studienanfänger

Die GEW verlangt ebenfalls eine bessere Bezahlung der Grundschullehrer. In Baden-Württemberg wurden 200 zusätzliche Studienanfängerplätze für dieses Jahr geschaffen. Das reiche nicht aus, betont die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz. Im Wintersemester 2017/18 hätten in Baden-Württemberg etwa 1000 Anfänger ein Studium im Grundschullehramt aufgenommen. Allein um die Pensionierungen auszugleichen, wären im Südwesten jährlich zwischen 1400 und 1500 Studienanfänger nötig, erklärt die GEW.

Der deutsche Philologenverband verlangt strukturelle Maßnahmen und erwartet von den Kultusministern der Länder eine jährlich aktualisierte, schulartspezifische Schülerprognose, um den Lehrerbedarf besser planen zu können.