Studie zu Psychosozialen Zentren Viele traumatisierte Flüchtlinge erhalten im Land keine Psychotherapie

Viele Geflüchtete haben traumatische Erfahrungen gemacht – doch psychotherapeutische Hilfe ist in Deutschland für sie kaum zu bekommen. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

30 Prozent der Geflüchteten benötigen psychologische Hilfe, aber stehen vor Hürden: lange Wartezeiten, Sprachbarrieren, fehlende Finanzierung. Laut Experten fallen viele durchs Raster.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Flucht, Folter, Gewalt, Missbrauch – ein großer Teil der Geflüchteten in Deutschland ist mehrfach traumatisiert worden. Und auch hier angekommen, haben viele ein Leben, das von großer Unsicherheit geprägt ist: Wohnen in einer Sammelunterkunft, Diskriminierung, drohende Abschiebung, finanzielle Nöte. Laut dem vierten Versorgungsbericht zur medizinischen und psychotherapeutischen Versorgung von traumatisierten Geflüchteten in Baden-Württemberg haben rund 30 Prozent einen eindeutigen Bedarf an psychosozialer oder psychotherapeutischer Behandlung.

 

Bisher können die dafür zuständigen psychosozialen Zentren (PSZ) im Land aber nur etwa 2,2 Prozent der Schutzbedürftigen wirklich versorgen. Damit liegt Baden-Württemberg unter dem bundesweiten Durchschnitt von 3,3 Prozent. Im Jahr 2024 wurden landesweit 2559 Klientinnen und Klienten behandelt, bei deutlich höherem Bedarf, heißt es in dem Bericht, den die Landesärztekammer und die Landespsychotherapeutenkammer in regelmäßigen Abständen veröffentlichen.

Viele Geflüchtete leiden unter akuten Krisen

Vor allem die psychosozialen Zentren kümmern sich um die Versorgung der traumatisierten Geflüchteten. Zu Refugio Stuttgart in Bad Cannstatt kommen viele Menschen, die in einer akuten Krise sind – aufgrund ihrer Erlebnisse oder auch aus Angst, zurück in ihr Herkunftsland zu müssen. „Dazu sind viele hier isoliert, haben keine Familie in Deutschland und kein anderweitiges stabilisierendes Umfeld“, sagt Ulrike Schneck, Vorstandsmitglied bei Refugio und Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands der Psychosozialen Zentren.

Viele hätten etwa Depressionen mit Suizidgedanken. Manche ihrer Klienten schlafen nur zwei Stunden die Nacht, weil Albträume und Ängste sie quälen. Manche geraten auch nach einem Ablehnungsbescheid in eine schwere Krise.

Die Probleme der Geflüchteten sind vielfältig. Schneck und ihr Team arbeitet deshalb „multiprofessionell“. Das Angebot von Refugio Stuttgart umfasst Psychotherapie, Sozialarbeit und psychosoziale Beratung. Die Aufnahme im Zentrum erfolgt nach Kapazitäten.

Vor allem die Sprachbarriere ist bei Therapien ein Problem

Psychotherapeutische Hilfen im Regelsystem oder längere Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken scheitern meistens. „Dort ist unser Klientel nicht richtig aufgehoben“, sagt Schneck. So ist die Sprachbarriere ein großes Problem, an Einzel- oder Gruppentherapien könnten sie gar nicht teilnehmen.

Bei Refugio Stuttgart unterstütze man seit 20 Jahren geflüchtete Menschen mit Traumata, sagt die Psychologin. Eine Psychotherapie ist eine intime Angelegenheit. Damit sie auch hilfreich ist, müssen sich Patient und Therapeut verstehen. „Bei uns arbeiten daher Fachpersonen mit geschulten Dolmetschern zusammen“, sagt Schneck. Eine Therapie in einer Klinik sei oft schon aufgrund der fehlenden Sprachmittlung nicht möglich, Dolmetschen sei auch keine Kassenleistung. „Wir müssen deshalb in diese Lücke springen, aber wir sind auch am Limit“, so Schneck. Passende Angebote gebe es bisher in Kliniken und Tageskliniken kaum.

Dazu kommt, dass eine Psychotherapie für Asylsuchende nach dem Asylbewerberleistungsgesetz in den ersten 36 Monaten bisher kein Regelleistungsanspruch ist. Therapien müssen die Betroffenen daher einzeln beantragen – und Genehmigungen dauern laut dem Versorgungsbericht oft mehrere Monate.

Im Vergleich zur letzten Bilanz der beiden Kammern im Jahr 2020 hat sich die Versorgungssituation für traumatisierte Geflüchtete verschlechtert, so das Fazit von Erik Nordmann, Menschenrechtsbeauftragter bei der Landespsychotherapeutenkammer. Es bestünden weiterhin große Versorgungslücken: „Hilfsbedürftige kranke Menschen werden nach erfahrener Gewalt und psychischen Traumata zu lange allein gelassen.“

Die ablehnende Haltung in der Gesellschaft nimmt zu

Darüber hinaus sei zunehmend eine ablehnende gesellschaftliche Haltung durch populistische Strömungen zu spüren. Dies belaste aber alle diejenigen, die dringend Hilfe benötigten, noch mehr. Im Gegensatz zur letzten Bilanz haben sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Deutschland ebenfalls eher verschlechtert: Leistungskürzungen, Ausweitung der „sicheren Herkunftsstaaten“ und der Möglichkeiten von Abschiebehaft sowie die Verlängerung der Geltungsdauer des Asylbewerberleistungsgesetzes seien einige Beispiele, heißt es von den beiden Kammern.

Viele Geflüchtete seien sogar mehrfach traumatisiert, ein erheblicher Anteil schwer, ergänzt Robin Maitra, der Menschenrechtsbeauftragte der Landesärzte Baden-Württemberg. Er finde es wichtig, vor der Landtagswahl auf die Defizite in der Versorgung hinzuweisen und zu klären, wo man optimieren könne.

„Von einer besseren medizinischen und therapeutischen Versorgung von Geflüchteten profitiert die ganze Gesellschaft“, betont Maitra. Eine Psychotherapie sei immer auch Prävention. Man wisse aus dem Arbeitsalltag der PSZ, dass die Nichtbehandlung psychischer Traumafolgen mit einem erhöhten Risiko der Eigen- und Fremdgefährdung einhergehen könne.

Die Psychosozialen Zentren finanzieren sich bisher über Mittel aus Bund, Land, Kommunen, EU-Geldern sowie aus Spenden. Nur 49 Prozent stammen aus öffentlichen Mitteln, etwa 29 Prozent aus immer wieder befristeten Förderprogrammen der EU. Dadurch fehlt es den Zentren dauerhaft an Planungssicherheit.

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