Studie zu Verschwörungstheorien Nicht nur das Netz ist schuld: Was hinter Verschwörungstheorien steckt
Der Tübinger Professor Michael Butter klärt, warum Fakten gegen Verschwörungstheorien nicht helfen – und was soziale Medien damit zu tun haben.
Der Tübinger Professor Michael Butter klärt, warum Fakten gegen Verschwörungstheorien nicht helfen – und was soziale Medien damit zu tun haben.
Der Mythos vom „großen Bevölkerungsaustausch durch Migration“, Corona als eine Erfindung von Eliten, der Glaube an eine „BRD GmbH“ – große weltpolitische Krisen und Ereignisse ziehen schon seit jeher eine Flut an Verschwörungstheorien nach sich.
Das ist kein neues Phänomen, das mit dem Internet oder durch soziale Medien entstanden ist. Doch während es früher meist ein Mensch am Stammtisch war, der wilde Ideen in die Welt hinaus trug, bietet das Internet die Möglichkeit, schnell und einfach in Kontakt mit anderen Anhängern der eigenen Theorien zu kommen – und diese zu verbreiten.
Bei einer Verschwörungstheorien stellen Menschen Vermutungen darüber an, warum bestimmte Dinge passieren. Sie vermischen dabei Realität und Erfundenes. Und sie sind davon überzeugt, dass hinter den Geschehnissen Gruppen stehen, die im Geheimen agieren und Absprachen treffen, die ihre eigene Ziele und Absichten verfolgen – und dem Interesse der Allgemeinheit entgegenstehen. Beispiele für Verschwörungstheorien sind etwa die „gefälschte Mondlandung“, die Vorstellung, dass Flugzeugkondensstreifen in Wahrheit „giftige Chemikalien“ seien und dass der Microsoft-Gründer Bill Gates hinter der Corona-Pandemie stecke.
Aber wie kommt man der Verbreitung von Verschwörungstheorien bei? Und wie gefährlich sind diese? Der Amerikanist Michael Butter, Professor am Englischen Seminar der Universität Tübingen, forscht seit Jahren zum Thema. In den sozialen Medien verbreitete Verschwörungstheorien im deutschsprachigen Raum entstünden häufig lokal und bildeten zusammen mit alternativen Nachrichtenwebseiten, Teilen des politischen Diskurses und Printpublikationen ein „komplexes Ökosystem“, sagt Butter.
Dies sei eines der zentralen Ergebnisse des im Oktober vergangenen Jahres abgeschlossenen Projekts Redact, bei dem er sich als Studienleiter beteiligt hat. Zusammen mit anderen europäischen Forschern haben Butter und sein Team erforscht, wie sich die Digitalisierung auf die Verbreitung von Verschwörungstheorien in Europa auswirkt – und sie haben dabei herausgefunden wie unterschiedlich die dominantesten Theorien in einzelnen Ländern am Ende doch sind. Dafür haben sie zwischen den Jahren 2019 und 2024 rund sechs Millionen Posts aus sozialen Netzwerken analysiert.
Nicht jede Verschwörungstheorie hält Michael Butter für gefährlich. Im deutschsprachigen Raum sei der Diskurs aber häufig alarmistisch und einseitig, viele dieser Theorien beziehen sich auf rechtsextremistische und antisemitische Verschwörungsgedanken.
Er betont, dass Verschwörungstheorien nicht dasselbe sind wie Fake News oder gezielte Desinformation: „Es handelt sich nicht um Fehlinformationen, die wir einfach durch Fakten korrigieren können.“ Deshalb rät Butter von Diskussionen mit Anhängern von Verschwörungstheorien ab: Mit Fakten habe man gegen die Mythen keine Chance.
Besonders bei engen Freunden oder Verwandten hält er aber auch einen Kontaktabbruch nicht für empfehlenswert. Seiner Erfahrung nach führt eine Isolierung dann erst recht dazu, dass Menschen sich einschlägigen Gruppen zuwenden.
Hilfreich sei es stattdessen, mit ihnen Vereinbarungen zu treffen, wie zum Beispiel einmal die Woche spazieren zu gehen – und in der Zeit dem anderen Raum zu geben, über seine Themen zu sprechen. Zwischendurch solle man aber wieder über etwas anderes sprechen – oder die Rollen tauschen. Wer dem anderen nur sage, „das ist alles Blödsinn“, richte oft mehr Schaden an. „Das greift das Selbstverständnis von Menschen an“, so Butter.
Für das Projekt haben die Forscher in den einzelnen Ländern auch mit Einrichtungen Interviews geführt, die sich gegen Verschwörungstheorien und Desinformation engagieren. Ein Fazit sei, dass man in der Bekämpfung noch einiges optimieren könne, sagt Butter. Manche Projekte beruhten auf veralteten Annahmen. „Es gibt kein einheitliches, weltweites Konzept, das funktioniert.“
Oft sei die Aneignung einer Verschwörungstheorie ein Symptom für die Krise einer Gesellschaft oder der Demokratie. Deshalb seien diese oft lokal verortet und von regionalen Gegebenheiten beeinflusst. „Deshalb muss man die zugrunde liegenden Ursachen identifizieren und dort ansetzen“, erklärt Butter.
Niemand werde allein durch das Herumsuchen im Internet zum Verschwörungstheoretiker. Vielmehr suchten viele Menschen gezielt nach solchen Themen – und würden dann im Netz eher fündig als vielleicht früher noch am Stammtisch. „Die sozialen Medien sind nicht an allem schuld, vielmehr ist es ein Ausdruck eines bestehenden Misstrauens in das System“, betont er.
Als Ursache dafür, dass manche Menschen anfällig für derartige Theorien sind, sieht er eher Sorgen im Privatleben oder Gesellschaftskonflikte. „Die Menschen holen sich dann darüber vermeintlich die Kontrolle über ihre Leben zurück“, sagt Butter abschließend.
Forschungsprojekt
Die Universität Tübingen hat sich an einem europäischem Forschungsprojekt zum Einfluss der Digitalisierung auf Verschwörungstheorien beteiligt. Weitere Informationen zum Projekt Redact (Researching Europe, Digitalisation and Conspiracy Theories) finden sich auf der Website des Projekts unter www.kcl.ac.uk/research/redact-researching-europe-digitalisation-and-conspiracy-theories.
Ziel
In dem Projekt definierten die Forscherinnen und Forscher zunächst Schlagwörter, um Posts zu gängigen Verschwörungstheorien zu identifizieren. Aus den sozialen Medien Twitter/X, Facebook, Instagram und Telegram sammelten sie so aus den Jahren 2019 bis 2024 sechs Millionen relevante Posts. Jedes Regionalteam führte außerdem in den jeweiligen Ländern Interviews mit Mitgliedern verschiedener Organisationen, die sich gegen Verschwörungstheorien und Desinformation engagieren, etwa mit der Bundeszentrale für politische Bildung. (nay)