Daimler besonders aktiv Autobauer setzen verstärkt auf Zukäufe

Autobauer Daimler hat bei Transaktionen einer Studie zufolge die Nase vorn. Foto: dpa
Autobauer Daimler hat bei Transaktionen einer Studie zufolge die Nase vorn. Foto: dpa

Die Zahl der Fusionen und Übernahmen in der weltweiten Autoindustrie nimmt weiter zu. Chinesische Konzerne sind dabei am aktivsten. Daimler ist mit acht Zukäufen ganz vorn dabei.

Wirtschaft: Imelda Flaig (imf)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Autokonzerne und Zulieferer kaufen verstärkt zu und investieren dabei in neue Geschäftsmodelle und neue Technologien – etwa im Zusammenhang mit autonomem Fahren, Vernetzung und Elektromobilität. Weltweit wurden in der Branche im vergangenen Jahr 1238 Unternehmenstransaktionen getätigt, zwei Prozent mehr als im Jahr zuvor. Das geht aus einer Studie des Prüfungs- und Beratungsunternehmens EY hervor.

„Die Automobilindustrie steht vor enormen Veränderungen“, sagt EY-Experte Constantin M. Gall. Zum einen stehe die Transformation des Antriebsstrangs mittels alternativer Technologien bevor. Zum anderen werden die Digitalisierung, aber auch veränderte gesellschaftliche und regulatorische Rahmenbedingungen die Geschäftsmodelle von Autoherstellern und Zulieferern grundlegend verändern. Beide Trends stellten die Unternehmen vor Herausforderungen, bei denen sie in vielerlei Hinsicht Neuland betreten würden.

Dienstleistungen werden wichtiger

Entsprechend breit gefächert sind auch die Transaktionsstrategien der Unternehmen: Sie kaufen Mobilitätsdienstleister wie Taxi-Apps oder Car-Sharing-Anbieter, aber auch Software-Schmieden, die auf künstliche Intelligenz spezialisiert sind, sowie Anbieter von Kartenmaterial. „Niemand kann derzeit mit Sicherheit sagen, wie das Geschäftsmodell der Zukunft aussehen wird, welche neuen Einnahmequellen erschlossen werden und mit welchen Strategien die Unternehmen der sich beschleunigenden Transformation begegnen können“, sagt Gall. Langfristig werde das Geschäft stärker auf die Erbringung von Dienstleistungen und gegenseitiger Zusammenarbeit fokussiert sein. Besonders populär sei derzeit die Beteiligung an und die Finanzierung von Start-ups beziehungsweise sogenannten universitären Inkubatoren, die neben neuen Geschäftsmodellen auch eine andere Art zu denken mitbringen, heißt es in der EY-Studie weiter.

Unternehmen setzen ganz unterschiedliche Schwerpunkte bei den Investitionen: Die Zahl der Technologieinvestitionen etwa stieg um gut ein Viertel von 104 auf 131, ihr Anteil am gesamten Transaktionsgeschehen kletterte von neun auf elf Prozent. Das stärkste Plus gab es im Bereich autonomes Fahren. Bei solchen Engagements, bei denen technologische Kompetenzen zugekauft wurden, stieg die Anzahl von 20 auf 36, nachdem im Jahr 2015 gerade mal zehn Deals in diesem Segment gezählt wurden. Auch die Übernahmen im Bereich Antriebstrang haben zugenommen – darunter fallen Zukäufe in Sachen Batterietechnologie, Elektrifizierung und Ladetechnologie. 2017 wurden 42 derartige Übernahmen und Beteiligungen gezählt. 2016 waren es 38, im Jahr 2015 nur 27.

Daimler ist besonders aktiv

Der Stuttgarter Autobauer Daimler war im vergangenen Jahr unter den Autoherstellern mit insgesamt acht Zukäufen der aktivste Käufer – gefolgt von Renault (sieben Transaktionen) und der Volkswagen Gruppe (fünf Transaktionen). Noch stärker als die Hersteller haben sich einige Zulieferer auf dem M&A-Markt (Übernahmen und Beteiligungen) engagiert. Die australische AMA Group etwa führt mit elf Zukäufen das Ranking an, gefolgt von der chinesischen Wuxi Commercial Mansion Grand Orient mit acht Transaktionen. Was im Übrigen die reinen Technologie-Deals angeht, da führt Daimler ebenfalls mit sechs Transaktionen das Ranking an, vor dem britischen Zulieferer Aptiv (ehemals Delphi mit fünf Deals), Conti (vier) und VW (drei). In Summe allerdings haben chinesische Unternehmen 2017 die meisten Technologie-Investitionen getätigt. Insgesamt 35 Technologie-Deals wurden gezählt, gefolgt von den USA (23 Transaktionen), Deutschland mit 16 und Frankreich mit zehn Deals.

Hochdruck beim Umbau der Geschäftsmodelle

Der Studie zufolge sind Deutschland und China Netto-Käufer: Den 16 Zukäufen deutscher Automobilunternehmen im Technologiebereich stehen elf deutsche Unternehmen gegenüber die aufgekauft wurden. In China liegt das Verhältnis bei 35 (Käufer) zu 31 (Zielunternehmen). „Die deutschen Autokonzerne treiben den Umbau ihrer Geschäftsmodelle mit Hochdruck voran“, sagt EY-Partner Marc Förstemann. Sie stellten dabei ihre eigenen Unternehmensstruktur auf den Prüfstand und kauften Know-how und Technologien dazu. In den kommenden Jahren dürfte der Fokus zunehmend auf einer Handvoll Regionen liegen, erwartet Förstemann: „Andere Märkte sind bei Themen wie autonomes Fahren und generell bei digitalen Geschäftsmodellen weiter als Deutschland.“ In Asien, den USA und Israel gebe es interessante Ansätze und vielversprechende Unternehmen, die in den kommenden Jahren verstärkt in den Blick auch der finanzstarken deutschen Konzerne geraten könnten.

Dieses Jahr gab es laut EY bereits einige „bemerkenswerte Transaktionen“ im Ausland. So haben sich Porsche, Skoda und Daimler am israelischen Start-up Anagog beteiligt, das im Bereich künstliche Intelligenz arbeitet. Und Volkswagen investierte 100 Millionen Euro in QuantumScape, ein US-amerikanisches Start-up für Elektroauto-Batterien.

Die Branchengrenzen verschwimmen

Größte Transaktion im vergangenen Jahr war die Übernahme des deutschen Autoteilehändlers Stahlgruber durch die US-amerikanische LKQ für knapp 2,1 Milliarden Dollar. Die Porsche SE kaufte für 338 Millionen Dollar den Karlsruher Software-Entwickler PTV – das war der viertgrößte Technologie-Deal im vergangenen Jahr und die größte derartige Transaktion mit deutscher Beteiligung. „Wir sehen immer mehr branchenübergreifende Transaktionen, bei denen entweder Technologieunternehmen Know-how in der Automobilindustrie zukaufen oder sich umgekehrt Autokonzerne mit hoch spezialisierten Technologiefirmen verstärken“, sagt EY-Experte Gall. Dieser Trend dürfte sich in Zukunft verstärken, wenn die Branchengrenzen weiter verschwimmen und neue Player in den Markt drängen.

Unsere Empfehlung für Sie