Studie zum Modellprojekt in Tübingen Lockerung führte wohl vorübergehend zu mehr Coronainfektionen

Das Tübinger Modellprojekt dauerte vom 16. März bis zum 24. April 2021. (Archivbild) Foto: dpa/Sebastian Gollnow
Das Tübinger Modellprojekt dauerte vom 16. März bis zum 24. April 2021. (Archivbild) Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Haben die Lockerungen des Modellprojekts „Öffnen mit Sicherheit“ zu mehr Ansteckungen in Tübingen geführt? Wissenschaftler sind dieser Frage nachgegangen. Ihre Antwort formulieren sie mit einiger Vorsicht.

Digital Unit: Jonathan Rebmann (reb)
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Tübingen - Mehr als fünf Wochen lang dauerte das Tübinger Modellprojekt „Öffnen mit Sicherheit“. Lockerungen in Kombination mit vielen Tests sollten den Bürgern der württembergischen Stadt ein Stück Normalität zurückgeben. Doch dann kam die Bundesnotbremse. Das Projekt nahm ein jähes Ende. Nun stellt sich die Frage: Hat es sich gelohnt? Wie viele Menschen haben sich aufgrund der erhöhten Zahl an Kontakten zusätzlich mit dem Coronavirus angesteckt? Kann man das überhaupt wissen? Ja, meinen einige Wissenschaftler der Universitäten in Tübingen, Mainz und Odense in Dänemark.

Das Forscherteam rund um den Mainzer Professor Klaus Wälde hat sich in einer Studie gefragt, wie Tübingen ohne die Lockerungen durch die dritte Coronawelle gekommen wäre. Um das zu wissen „bräuchte man den Landkreis zweimal: einmal mit und einmal ohne Modellprojekt“, erklärt Wälde in einer Pressemitteilung und führt weiter aus: „Deshalb haben wir eine Kontrollgruppe, eine Art synthetisches Tübingen, geschaffen und das reale damit verglichen.“

Dieses Vorgehen aus den Sozialwissenschaften wird „Synthetic Control Method“ genannt. Konkret: Die Forscher suchten nach Städten und Landkreisen im Land, die aufgrund ihrer Größe, Anzahl der Bewohner und Bevölkerungsstruktur Stadt und Landkreis Tübingen möglichst ähnlich sind. Sie entschieden sich für die Städte Heidelberg und Freiburg im Breisgau sowie die Landkreise Enzkreis und Heilbronn.

Lockerungen führten zu mehr Infektionen – zumindest vorübergehend

Mithilfe eines komplexen Rechenverfahrens kommen die Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass die Lockerungen in Tübingen vorübergehend zu einer Erhöhung der Inzidenz beigetragen haben. So gab es in der Zeit zwischen Ende März und Mitte April mehr Ansteckungen mit dem Coronavirus. Danach ist kein Unterschied mehr zur Kontrollgruppe festzustellen. Am 1. April verschärfte Tübingen die Regeln und schloss etwa die Außenbereiche der Gastronomie. Die Forscher vermuten, dass dies dann mit einiger Verzögerung die Ansteckungsrate senkte.

Mehr zum Modellversuch in Tübingen lesen Sie hier

In der Stadt Tübingen wurden an neun Teststationen kostenlose Antigentests angeboten und auch vielfach genutzt. Die Forscher berücksichtigten in ihrer Studie auch den Effekt der vielen Schnelltests auf die Infektionszahlen: Mehr Tests führen möglicherweise zu mehr positiven Ergebnissen. Klaus Wälde sagt, dass das vermehrte Testen zwar einen nicht unbeträchtlichen Teil zu den erhöhten Fallzahlen beitrug, aber diese nicht vollständig erklären könne.

Fazit zum Modellversuch „Öffnen mit Sicherheit“

Wie ist also das Verhältnis zwischen mehr Tests auf der einen und mehr möglichen Kontakten durch Lockerungen auf der anderen Seite? In ihrem Fazit betonen die Forscher, dass die Lockerungen im Modellprojekt wahrscheinlich vorübergehend zu mehr Infektionen geführt haben.

Das Problem an der Datenlage sei, dass die täglich veröffentlichte Inzidenz nur für den ganzen Landkreis vorliegt und nicht gesondert für die Stadt Tübingen ausgegeben wird. Allerdings hatten ja auch alle Bewohner des Landkreises die Möglichkeit ein Tagesticket in Tübingen zu bekommen.

Die Datenlage kritisiert Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer gegenüber unserer Zeitung. Er führt den Anstieg der Tübinger Landkreis-Inzidenz auf die hohen Fallzahlen in Rottenburg (überwiegend in Kitas und Schulen) zurück, die nichts mit dem Modellversuch zu tun hätten. Palmer führt seine Sicht weiter aus: In Tübingen habe man einen Anstieg, der durch das Testen geprägt war und die allgemeine Entwicklung in Baden-Württemberg sowie einen Ausbruch in der Erstaufnahmeeinrichtung für Geflüchtete. „Unser Öffnungskonzept hat keine zusätzlichen Infektionen verursacht“, ist Palmer überzeugt.

Während das Modellprojekt Tübingen vom 16. März bis zum 24. April dauerte, untersuchten die Forscher den Zeitraum ab Beginn bis zum 13. April. „Das war ein erster Blick“, sagt Wälde auf Nachfrage. Schon bald wollen die Forscher weitere Ergebnisse zum Modellprojekt auswerten und veröffentlichen. Für Palmer ist der Modellversuch ein Erfolg gewesen, da so die Innenstadt wieder zum Leben erweckt worden sei und viele Geschäfte durch Umsatz vor einem Ruin bewahrt werden konnten.

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