Die Zahl von Adoptionen geht zurück – auch weil es weniger Kinder gibt. Das ist auch in Baden-Württemberg so. Im Vergleich mit anderen Bundesländern zeigt sich freilich, dass im Südwesten besonders oft Kinder aus anderen Ländern ein neues Zuhause finden.

Landespolitik: Thomas Breining (tb)

Stuttgart - Kinderlosigkeit scheint für immer weniger Betroffene ein Problem zu sein – jedenfalls wenn man als Indikator für diese Einschätzung den Wunsch nimmt, ein Kind zu adoptieren. Seit Jahren geht sowohl die Zahl der Kinder zurück, die für eine Adoption vorgemerkt sind, als auch die Zahl derer, die ein Kind annehmen wollen. Da liegt Baden-Württemberg im bundesdeutschen Trend. Es zeigt sich aber eine Besonderheit: Der Südwesten ist das am internationalsten orientierte Bundesland, nirgendwo werden so viele nichtdeutsche Kinder adoptiert. Wenn eine Auslandsadoption angestrebt wird, muss man sich das auch leisten können: Sie kann mit Gebühren und notwendig werdendem Reiseaufwand bis zu 30 000 Euro kosten.

Im Jahr 2011 wurden Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge 934 nichtdeutsche Kinder Bundesbürger, davon allein 263 in Baden-Württemberg. Im Südwesten betrug der Anteil ausländischer Adoptivkinder damit 40,3 Prozent. Nur Berlin pflegt mit einem Anteil von 41,3 Prozent mehr Multikulti – bei absolut nur 43 Sprösslingen. Von 67 aus Thailand stammenden Kindern fanden allein 24 im Südwesten ihr neues Zuhause, von 64 aus Äthiopien kommenden Kindern waren es 16. In fünf der 16 Bundesländer liegt der Anteil ausländischer Kinder unter zehn, in weiteren sechs unter 25 Prozent.

Das Interesse lässt stark nach

Dabei lässt das Interesse an einer Adoption stark nach. Der Höhepunkt war 1993 erreicht, als 1120 Kinder angenommen wurden. 2011 waren es noch 650. Parallel zu diesem Trend entwickelten sich auch die Zahlen der vorgemerkten Kinder und der Interessenten. Einer Darstellung des Sozialministeriums auf einen Berichtsantrag der CDU-Abgeordneten Sabine Kurtz zufolge gab es am Ende des Jahres 2000 noch 110 Kinder, die auf Adoptionseltern warteten. Ihnen standen 1400 Bewerber gegenüber. 2011 waren es 67 Kinder und 680 Suchende. Am Verhältnis von eins zu zehn hat sich wenig geändert, an den absoluten Werten hingegen schon.

Die Gründe dafür sind vielfältig. Insgesamt gibt es weniger Geburten, beobachten die Statistiker. Darum können auch weniger Kinder zur Adoption freigegeben werden, es gibt aber auch weniger Interessenten. Dabei dürfte der gesellschaftliche Wandel eine große Rolle spielen.

Patchworkfamilien werden Standard

Mit Patchworkfamilien hat man umzugehen gelernt. Und mehr als die Hälfte aller Adoptionen sind solche, bei denen der Stiefvater oder die Stiefmutter ein Kind des Partners aus einer früheren Beziehung adoptiert hat. Diese Form ist deutlich stärker rückläufig als die Verbindung von Kindern und Eltern, die nicht verwandt sind. Darin spiegelt sich die veränderte Rechtsstellung von Stiefeltern und Stiefkindern wider. Rückläufig ist auch die Zahl von Kindern, die eigens zum Zweck der Adoption ins Land geholt wurden. 2000 waren das 226, 2011 nur noch 130 Kinder. Die Vermittlung einer Adoption aus dem Ausland ist sehr aufwendig. Sie dauert gut und gerne zwei Jahre. Die Behörden in den Heimatstaaten der Kinder schauen genau hin, sagt Reinhold Grüner, er ist Referatsleiter beim Kommunalverband für Jugend und Soziales. Dort ist die Zentrale Adoptionsstelle des Landes eingerichtet.

In den Ursprungsländern müssten Kinder auch ausfindig gemacht werden. „Erst wenn den dortigen Ämtern ein Kind gemeldet wird, für das die Bewerber passen, geht es einen Schritt weiter“, sagt Grüner. Das könne dauern, weil fast überall zunächst geprüft werden müsse, ob ein Kind nicht im Heimatland Familienanschluss finden könnte. Auch die angehenden Adoptiveltern müssten geeignet sein. Neben formalen Punkten wie Alter, Gesundheitszustand und Vorstrafenfreiheit gehört auch dazu, „sich erkennbar auf eine Auslandsadoption vorbereitet zu haben“. Darauf weist etwa das gemeinnützige Zentrum für Adoptionen in Baden-Baden hin. Seit vielen Jahren kommen die meisten ausländischen Adoptivkinder aus Russland.

Ansonsten spielt Europa keine große Rolle. Prinzipiell kämen, so stellt das Sozialministerium fest, einige osteuropäische Staaten in Frage. Faktisch gebe es aber kaum Adoptionen, „was vor allem daran liegen dürfte, dass die Kinderprofile hinsichtlich Alter und Gesundheit nicht den Vorstellungen deutscher Bewerberinnen und Bewerber entsprechen“. Am ehesten kommen Kinder noch aus Bulgarien. In Asien gehört vor allem Thailand zu den Gebern, in Amerika ist es Kolumbien.