Stuttgart - Wirtschaftlich gesprochen, ist Musik in Stuttgart immer weniger wert. Die Bruttowertschöpfung von Kreativen, Veranstaltern, Tonstudios, Musikschulen, Instrumentenhändlern und -herstellern sowie des Rundfunks ist von 2014 bis 2019 um ein Viertel gesunken, von 166 auf 126 Millionen Euro. Das ergibt die Studie „Der Wert von Musik“, die solche Berechnungen für etliche Großstädte und Bundesländer anstellt. Sie wird diese Woche veröffentlicht und lag unserer Zeitung vorab zur Auswertung vor.
Hinter Köln, vor Augsburg
Nun wird der Wert von Musik oftmals eher künstlerisch bemessen. „Aber in der Argumentation fehlen meist gerade die Zahlen“, sagt Walter Ercolino. Der Leiter des Popbüros hat die Studie initiiert, bezahlt wurde sie von einem breiten Bündnis ähnlicher Fördereinrichtungen von Augsburg bis Bremen. Für diese Regionen hat die Agentur Sound Diplomacy den wirtschaftlichen Wert des „Musikökosystems“ errechnet.
Deutschlandweit hat die Branche 5,7 Milliarden Euro mehr eingenommen als ausgegeben. Mit 126 Millionen ist Stuttgart ein ähnlich kleines Licht wie die übrige Region, die auf 127 Millionen Bruttowertschöpfung kommt. Auch beim Anteil der im Musikbereich Beschäftigten oder dem musikbezogenen Umsatz je Einwohner können Stuttgart und die Region nicht mit Köln oder München mithalten, liegen aber immerhin vor Augsburg, Bremen oder der Region Hannover.
Livebranche in der Krise
Vor Ort sind freilich die regionalen Details relevanter – und die haben es in sich. Der musikwirtschaftliche Abwärtstrend in Stuttgart hat vor allem mit einer Krise der Livebranche zu tun. Um mehr als zwei Drittel ist ihre Bruttowertschöpfung zwischen 2014 und 2019 zurückgegangen. Das heißt, dass Kostensteigerungen keine entsprechend höheren Umsätze gegenüberstanden – oder dass einfach weniger Umsätze gemacht wurden. Der Trend ist so stark, dass Stuttgart die einzige Stadt in der Studie ist, in der die Wertschöpfung der Musikbranche insgesamt gesunken ist.
Das passt so gar nicht zum Glanz großer Liveevents, wie man sie derzeit zum Beispiel auf dem Schlossplatz bestaunen kann. Und doch bestätigt die Studie, was mancher geahnt hat. Vor allem für Popmusik sind Spielstätten weggebrochen, Veranstalter haben aufgegeben. Künstler haben nicht so viel Publikum gezogen wie erhofft, die Produktionskosten sind stärker gestiegen als die Ticketpreise. Die Folgen der Coronapandemie sind in der Studie noch nicht enthalten. Stuttgart hat diese Probleme zwar nicht exklusiv. Im Bundesschnitt haben Veranstalter zwischen 2014 und 2019 ihre Wertschöpfung dennoch leicht steigern können.
Popbüro-Chef fordert Millionen
„Da ist jetzt schon Alarm angesagt“, findet Walter Ercolino, „wir müssen uns mit den Veranstaltern zusammensetzen und fragen, woher der Rückgang kommt.“ Auch die regionale Wirtschaftsförderung, gemeinsam mit der städtischen Jugendhausgesellschaft Trägerin des Popbüros, wird sich damit beschäftigen – die Kommunalpolitik ebenso, glaubt Ercolino: „Das Konzerthaus in Stuttgart zum Beispiel denkt Popkultur mit. Warum aber baut man kein Haus für Popmusik, das Bands beim ersten kleinen Konzert ebenso aufnimmt wie später, wenn sie 2000 Tickets verkaufen?“ Im Popbereich machten viele Künstler einen Bogen um Stuttgart, weil sie in der Stadt nicht die richtigen, unterschiedlich großen Spielstätten finden.
Schwarz auf weiß hat man mit der Studie die auch vor Ort prekären Beschäftigungsformen im Musikbereich. Sie zählt unter den Kreativen rund 850 „Nano-Selbstständige“ in der Region mit weniger als 17 500 Euro Umsatz im Jahr. Ihnen stehen 79 geringfügig und 157 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Kreative gegenüber. In anderen Bereichen, etwa im Hörfunk, ist die Quote besser. SWR und Co. tragen übrigens am stärksten zur Wertschöpfung bei.
Wie hält man die Kreativen in Stuttgart?
Nun ist es gerade in relativ teuren Städten wie Stuttgart schwierig, mit wenig Geld über die Runden zu kommen. Wie kann man Kreative hier halten? Im Popbüro hegt man Ideen zum Beispiel für Künstler-WGs, Popstipendien gibt es bereits. Walter Ercolino denkt aber lieber groß: „Wir müssen uns darüber unterhalten, wie Popförderung im großen Stil aussehen kann. Die Staatstheater kriegen jedes Jahr 90 Millionen, was ich gut finde. Das könnte man in ähnlicher Form auf die Popkultur übertragen.“ Kreative sollten nicht nur in Sonntagsreden auftauchen. „Wir müssen strukturiert darüber nachdenken, warum sie lieber nach Berlin oder London gehen. Dabei ließen sich auch in Stuttgart entsprechende Strukturen schaffen, einschließlich guter Einkommen.“
Die Studie enthält auch Handlungsempfehlungen. „Politik und Verwaltung fehlt oft noch ein umfassendes Verständnis vom Stellenwert und der Wertschöpfung von Soloselbstständigen“, heißt es darin. Mit Blick auf die gebeutelte Livebranche werden „Förderungslücken“ angesprochen, etwa um Coronaregeln für Konzerte umzusetzen. Zudem sollten Räume gesucht und vermittelt werden – für Spielstätten, Studios, Proberäume oder künstlerischen Austausch. Allerdings bietet die Wirtschaftsförderung in Stuttgart bereits eine solche Vermittlung an.
Es gibt in der hiesigen Musikwirtschaft auch Bereiche, in denen es gut läuft. Tonstudios, Labels und Musikverlage zählen dazu; sie sind auch von der Pandemie weniger betroffen. Auch dem „erweiterten Musikökosystem“ bescheinigt die Studie eine gute Entwicklung, etwa Lautsprecherherstellern wie d&b in Backnang oder Fohhn in Nürtingen. Und, auch das darf man nicht vergessen: Die Musikbranche bietet mehr als 7500 Menschen eine Beschäftigung, davon ist knapp die Hälfte sozialversicherungspflichtig.