Alleine kann es sehr schön sein. Aber Vorsicht: Für Männer ist eine Trennung mit mehr Risiko verbunden. Foto: AdobeStock/Fotomaximum
Der Beziehungsstatus wirkt sich aufs Wohlbefinden aus. Wer solo ist, ist nicht unbedingt schlechter dran. Tatsächlich aber gibt es Unterschiede zwischen Männern und Frauen.
Angela Stoll
19.05.2026 - 10:00 Uhr
Sich richtig im Bett ausstrecken, stundenlang Lieblingsserien schauen, knollenweise Knoblauch futtern, nachts um die Häuser ziehen, keine Pflichtbesuche bei Schwiegereltern absolvieren: So ein Single-Dasein muss herrlich sein. Wer derart unbeschwert und frei lebt, sollte eigentlich zufriedener und damit rundum gesünder sein. Doch so einfach ist es nicht.
In der Gesellschaft gilt die romantische Zweierbeziehung als Ideal, das mit Glück und Wohlbefinden in Verbindung gebracht wird. Folgerichtig werden Singles eher bedauert als beneidet – als Grund für ihre Misere nimmt man unterschwellig an, sie müssten hässlich, psychisch gestört oder von Pech verfolgt sein. Dabei ist es oft gerade der gesellschaftliche Druck, eine Beziehung führen zu müssen, der Singles zu schaffen macht. Studien zufolge führt die daraus resultierende Angst vor dem Single-Dasein zu psychischen Belastungen, die depressive Symptome nach sich ziehen können.
Ist das Alleinleben tatsächlich mit einem gesundheitlichen Risiko verbunden? Die Wissenschaft liefert darauf alles andere als eindeutige Antworten.
Für Jugendliche ist ein Partner nicht mehr so wichtig
Zunächst einmal: Die Gesellschaft hat begonnen, sich zu verändern. „Es gibt heute eine größere Akzeptanz für vielfältige Beziehungsformen“, sagt die Psychologin Tita Gonzalez Avilés von der Universität Bamberg. „Singles werden weniger stark stigmatisiert und diskriminiert.“
Besonders stark macht sich der Wandel bei Jugendlichen bemerkbar. Im vergangenen Jahr sorgte in den sozialen Medien ein Artikel in der Zeitschrift „Vogue“ für Furore, der den Titel trug: „Ist es heute peinlich, einen Freund zu haben?“ Demnach ist es für junge Frauen inzwischen uncool, sich in Online-Netzwerken mit Partner zu zeigen.
Psychologe Krämer: Längeres Single-Dasein tut dem Wohlbefinden junger Erwchsener nicht gut. Foto: Universität Zürich
„Jugendliche denken heute seltener als früher, dass sie unbedingt einen Partner brauchen, um glücklich zu sein“, sagt Gonzalez Avilés. Die Psychologin und ihr Team hatten Daten von rund 3000 Teilnehmenden einer groß angelegten repräsentativen Studie in Deutschland ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass Jugendliche im Alter zwischen 14 und 20 Jahren mit dem Single-Dasein zufriedener sind als Gleichaltrige zehn Jahre zuvor. Zugleich sehnen sie sich auch seltener nach einer Beziehung.
Am besten geht es den „Singles von Herzen“
Hält der Single-Status jahrelang an, lässt die Zufriedenheit aber offenbar nach. So wiesen Forschende der Universität Zürich kürzlich in einer Studie nach, dass junge Erwachsene, die solo sind, im Lauf der Jahre immer einsamer werden und stärker zu Depressivität neigen. In den späten 20ern nehmen die Belastungen demnach besonders deutlich zu. „Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass ein längeres Single-Dasein im jungen Erwachsenenalter mit moderaten Risiken für das Wohlbefinden verbunden ist“, erklärt der Leiter der Studie, der Psychologe Michael Krämer von der Uni Zürich.
Tut es eben doch nicht gut, auf Dauer solo zu sein? Nein, sagt die US-Sozialpsychologin Bella DePaulo. Sie setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, Vorurteile gegenüber Singles abzubauen. Dass verpartnerte Menschen ein glücklicheres, gesünderes Leben führen, sei alles andere als wissenschaftlich belegt. Vielmehr geht DePaulo davon aus, dass Menschen, die aus Überzeugung allein leben – ihrer Definition nach „Singles von Herzen“ – ihre Autonomie genießen. Vor allem Menschen, die länger als vier Jahre verheiratet waren, haben demnach einer Studie zufolge keine Vorteile – sie seien weder glücklicher, gesünder noch weniger depressiv, noch hätten sie ein besseres Selbstwertgefühl als Singles.
Außerdem läuft jeder, der eine Partnerschaft eingeht, Gefahr, dass sie irgendwann endet – sei es durch Trennung oder Tod. Solche Verlusterfahrungen können Psyche und Gesundheit stark mitnehmen. Folgt man einer Langzeitbefragung von Menschen in der Schweiz, sind die negativen Auswirkungen einer Scheidung auf die Gesundheit dreimal so groß wie die Vorteile, die eine Heirat bringt.
Ein gewichtiger Nachteil der Ehe kommt hinzu: Sie macht dick. So sind verheiratete Menschen häufiger übergewichtig als ledige, wie eine Auswertung von 24 Studien zum Thema ergab. Möglicherweise verleitet die Sicherheit einer Partnerschaft dazu, weniger auf die schlanke Linie zu achten, da man nicht mehr für den „Partnermarkt“ attraktiv sein muss. Starkes Übergewicht bei einem oder beiden Partnern könnte aber auch Folge von Beziehungsproblemen sein, schreibt das Autorenteam. Solche Spannungen können nämlich zu „Frustessen“ führen.
Singles rauchen mehr, trinken mehr und essen weniger Obst
Singles bringen im Vergleich zu Menschen in Partnerschaften zwar weniger auf die Waage, leben aber dennoch tendenziell ungesünder. Daten aus Australien zeigen, dass sie häufiger rauchen, mehr Alkohol trinken und weniger Obst und Gemüse essen. Dazu passt, dass es gute Belege dafür gibt, dass sie auch eine kürzere Lebenserwartung haben als verheiratete Menschen – vielleicht als Konsequenz eines riskanteren Lebensstils.
Allerdings haben Vergleiche aller Art das Problem, dass beide Gruppen völlig heterogen sind. Wer sind „die“ Singles? Menschen, die sich immer nach einer Partnerin oder einem Partner gesehnt, aber nie gefunden haben? Oder solche, die unabhängig sein wollen und gar niemanden suchen? Sind auch geschiedene und verwitwete Menschen dabei? Leben die Singles allein oder in Familien, Wohngemeinschaften oder Mehrgenerationenhäusern?
Männer profitieren mehr von einer festen Partnerschaft
„Bei Singles gibt es sehr große Unterschiede, wie glücklich sie sind. Es kommt darauf an, wie stark sie sich einen Partner oder eine Partnerin wünschen, wo sie in ihrem Leben den Fokus setzen und wie sehr sie Freundschaften oder familiäre Beziehungen pflegen“, sagt Gonzalez Avilés.
Genauso heterogen ist die Gruppe der Menschen in Partnerschaften. Wohnen sie zusammen, sind sie verheiratet, haben sie Kinder? Und vor allem: Wie harmonisch ist die Beziehung? Dass sich andauernder Streit negativ auf die Gesundheit auswirkt, liegt auf der Hand. Eine interdisziplinäre US-Studie wies zum Beispiel nach, dass Eheprobleme Entzündungsprozesse im Körper fördern können.
Eine große Rolle spielt außerdem das Geschlecht. „Männer profitieren eindeutig mehr von einer Ehe oder festen Partnerschaft als Frauen. Dazu gibt es zahlreiche wissenschaftliche Belege“, sagt Anne Maria Möller-Leimkühler, Professorin für Psychiatrische Soziologie an der LMU München. „Umgekehrt ist bei Männern eine Trennung oder Scheidung ein sehr viel stärkerer Risikofaktor für Depression, Substanzmissbrauch und Suizid.“
Männer haben weniger Freunde
Unter anderem zeigte eine kanadische Langzeitstudie, dass Menschen, die verheiratet oder in stabilen Partnerschaften leben, zwar grundsätzlich gesünder altern, der Effekt bei Männern aber größer ist. „Eine Ehe oder feste Partnerschaft gilt als der wichtigste Gesundheitsschutz für Männer“, sagt Möller-Leimkühler. Das erklärt sie damit, dass Frauen den Lebensstil ihrer Männer in der Regel positiv beeinflussten – etwa dadurch, dass sie den Partner anregen, zum Arzt zu gehen, oder in ein größeres soziales Netz einbinden. „Da Männer in der Regel weniger enge Freunde haben, ist die Ehefrau oft die einzige und verlässliche Quelle für emotionale und psychosoziale Unterstützung“, sagt die Wissenschaftlerin.
Das könnte auch der Grund sein, warum es weiblichen Singles besser geht als männlichen: Eine Datenanalyse der University of Toronto ergab, dass alleinlebende Frauen in der Regel glücklicher sind als Männer in derselben Situation. Entscheidend für das Wohlbefinden von Singles ist demnach ein tragfähiges soziales Netzwerk – und genau darin sind Frauen meist besser aufgestellt.