Rainer Tempel ist der neue Leiter des Studiengangs für Jazz und Pop an der Stuttgarter Musikhochschule. Den Popbereich muss der Professor im Zuge der Reformdebatte über die Ausbildung abschaffen. Den Jazzaspekt will der Pianist dagegen stärken.

Kultur: Jan Ulrich Welke (juw)

Stuttgart - Rainer Tempel entspricht nicht dem Bild, das man von einem deutschen Ordinarius vor seinem geistigen Auge entwirft. Sehr jung und sehr drahtig steht er in seinem kargen kleinen Seminarraum in der zehnten Etage der Musikhochschule, Turnschuhe an den Füßen, der Blouson liegt achtlos hingeknautscht auf dem Konferenztisch. Einige Tage ist es erst her, dass er zum neuen Leiter des Instituts für Jazz und Pop an der Stuttgarter Hochschule für Musik berufen worden ist. Die Ernennung steht zwar noch aus, sie ist allerdings nur Formsache. Und so wird Tempel, Jahrgang 1971, trotz des zunächst verblüffenden ersten Eindrucks zum kommenden Semester als einer der jüngsten deutschen Professoren überhaupt an der Spitze eines Hochschulinstituts stehen, an dem derzeit sechzig Studenten lernen.

 

Der 43-jährige Tempel folgt auf den Saxofonprofessor Bernd Conrad, der diesen Studienzweig an der Stuttgarter Musikhochschule 1986 begründet und ihn jahrzehntelang geleitet hat. Der Jazzpianist, Komponist und Arrangeur Tempel tritt also in halbwegs große Fußspuren. Zudem dürfte er sich seinen Antritt auch etwas reibungsloser vorgestellt haben. Denn schon bei der Berufung hat es im Gebälk geknirscht. „Wir hätten die Stelle gerne besetzt, aber etliche hochkarätige Bewerber haben uns abgesagt, daher ist die Besetzung  aus Qualitätsgründen nicht erfolgt“, posaunte Matthias Hermann, der für die Lehre zuständige Prorektor der Musikhochschule, vor sechs Monaten in der Stuttgarter Zeitung heraus, als es erstmals um die Ernennung ging. Tempel war seinerzeit einer der Bewerber um die Stelle – was jetzt, nachdem er sie doch bekommen hat, der Besetzung einen kleinen Beigeschmack verleiht, auch wenn seine Wahl in Fakultät und Senat einstimmig erfolgte.

Mit diplomatischem Geschick

Rainer Tempel ist allerdings ein in seiner Wortwahl sehr dezenter Mensch und mit dem für eine solche Leitungsposition unabdingbaren diplomatischen Geschick ausgestattet. Der gebürtige Tübinger, der noch heute in seiner Heimatstadt lebt, spricht daher auch nur „von einer zähen Geschichte“, einem „unglücklichen Zeitpunkt, der die Sache in eine ganz komische Stimmung versetzt hat“.

An der fachlichen Eignung des Familienvaters hingegen bestehen trotz seiner relativen Juvenilität keine Zweifel. Seine musikalische Sozialisation hat er in Bands und Big Bands schon zu Schulzeiten erfahren, es folgte ein Studium des Jazzklaviers in Nürnberg, hernach zahlreiche Kompositions- und Arrangementsaufträge unter anderem für das Theater Lindenhof in Melchingen sowie die Big Bands von NDR, HR und Rias. Gastdirigent bei zahlreichen Formationen und Klangkörpern war und ist er auch noch. Zudem Stipendiat der Kunststiftung, Landesjazzpreisträger (2002), Professor an der Musikhochschule Luzern (von 2001 an) und seit 2007 Professor für Jazzkomposition auch in Stuttgart, wo er den Ruf eines hervorragenden Didaktikers genießt. Daneben spielte er schon – neben bemerkenswerten Ausflügen in der Begleitband von Dieter Thomas Kuhn und am Stuttgarter Musicaltheater – mit nahezu allen namhaften deutschen Jazzern sowie internationalen Stars der Branche wie Kenny Wheeler zusammen. Launigerweise weist sein Wikipedia-Eintrag (und übrigens nahezu jeder Zeitungsartikel über Tempel) als einen seiner Spielpartner auch Chick Corea aus, was allerdings dem neuzeitlichen Reich der Fabel entstammt. Aber das ist eher eine Ente, deren Zustandekommen ihn selbst amüsiert.

Und der Pop wird abgeschafft

Weitaus ernsthafter müssen ihn die Pläne der Landesregierung zur Neuordnung der Musikhochschullandschaft in Baden-Württemberg beschäftigen, die künftig jährlich vier bis fünf Millionen Euro an den fünf Standorten einsparen will. „Die rationale Ebene war plötzlich weg, es wurde auch in der ganzen Szene sehr emotional“, beschreibt Rainer Tempel jene Wochen im vergangenen Juli, als die Sparvorschläge des Rechnungshofs publik wurden, von denen er nach eigenem Bekunden „erst aus der Zeitung erfahren“ hat.

Tempel hat bereits eine Konsequenz aus den bevorstehenden Verteilungskämpfen gezogen. Die erst vor wenigen Jahren gegründete Unterabteilung Pop, für die in Stuttgart ohnehin die nur befristet gewährten Sondermittelzusagen des Ministeriums auslaufen, soll nach seinem Willen abgeschafft werden. „Alle Gutachter haben immer gesagt, dass das Institut für die zwei Ausrichtungen Jazz und Pop zu klein sei“, sagt er zur Begründung. Und fügt hinzu: „Wir haben mit unverändertem Personalstand einen zweiten Studiengang aufgebaut, das Profil der Hochschule hat dadurch verloren.“ Der Studiengang wird nun abgewickelt, es gibt keine neuen Aufnahmerunden mehr.

Finanzielles Patchwork

Tempel verspricht immerhin, dass eine unter Studenten besonders hochgeschätzte Veranstaltung – jenes Seminar, das Pop- und Jazzmusiker darüber aufklärt, wie sie überhaupt Geld verdienen können – erhalten bleiben soll. „Musiker müssen heutzutage viel mehr in Patchworkverhältnisse gehen als früher“, sagt Tempel. Sprich: ein bisschen spielen, ein bisschen unterrichten, ein bisschen sonst wo weitersehen, wie man sein täglich Brot erwirtschaften kann. „Natürlich gibt es keine festen Stellen für uns. Aber es gibt schon Arbeit. Das wissen die Studenten, das sprechen wir auch immer an“, sagt er über die bescheidenen Aussichten für Pop- und Jazzmusiker. „Das entscheidende Werkzeug ist noch immer die beste mögliche Instrumentalausbildung“, fügt er hinzu. „Sowie eine „künstlerische Identität, die Studenten entwickeln sollen.“

Umgekehrt ist durch Tempels Berufung nun erfreulicherweise auch klar geworden, dass das Land eine Leitungsstelle für Jazz an der Stuttgarter Musikhochschule neu besetzt und somit den Studiengang nicht abzuschaffen gedenkt.. „Es hat sich jetzt gezeigt, dass von einer Abwicklung keine Rede mehr ist“, sagt Tempel über den vor noch wenigen Monaten diskutierten Plan des Kunstministeriums, den Stuttgarter Jazzstudiengang komplett abzuschaffen.

Jenseits von Uriah Heep

„Wir haben im Land nicht fünf Jazzausbildungsstandorte, sondern nur zwei“, meint Tempel schließlich auch noch über den noch längst nicht abschließend ausgetragenen Zwist unter den fünf Musikhochschulen, wer künftig welche Sparvorgaben zu erbringen hat. Er selber möchte den Stuttgarter Jazzstudiengang künftig breiter aufgestellt wissen und sucht bewusst die Nähe zum Theater und der Neuen Musik. „Ich will Musik auf möglichst hohem Niveau vermitteln – und nicht auf einem Niveau, das für alle passt“, formuliert er seinen Qualitätsanspruch. Man mag das als Seitenhieb in Richtung Mannheimer Popakademie oder jener Popseminare deuten, in denen den Musikern vermittelt wird, dass sie sich in erster Linie möglichst vorteilhaft auf der Bühne zu kleiden haben.

Aber spätestens, wenn man auf dem Heimweg zuerst beim Sender Die neue 107,7 Uriah Heeps „Lady in Black“ zu hören bekommt und nach entnervtem Umschalten auf SWR 1 dort ebenfalls Uriah Heeps „Lady in Black“ aus dem Radio tönt, spätestens wenn man dann daheim ermattet den Fernseher anschaltet und einem die Formation Colör ihr Lied „Ich schenk dir einen Smiley“ entgegenträllert – spätestens dann muss man Rainer Tempels Qualitätsanspruch unbedingt recht geben.