Seit Ashok Sharma an der Universität Hohenheim Ernährungswissenschaft studiert, führt er regelmäßig medizinische Diskussionen: Seinem Arzt habe er die Vitaminspritzen ausgeredet, erzählt er, seiner Frau habe er geraten, ihre Tabletten abzusetzen, und den Rentnern, mit denen er manchmal spazieren geht, empfehle er stets die regelmäßige Kontrolle ihrer Blutwerte. „Ernährungswissenschaft ist Medizin ohne Chirurgie“, sagt Ashok Sharma, der in der Nähe von Delhi aufgewachsen ist und mit seinen 69 Jahren derzeit als der älteste Student der Universität Hohenheim firmiert.
Eigentlich habe er schon studieren wollen, als er 1978 nach Deutschland kam, erzählt Sharma, „aber das hat nicht geklappt“. Stattdessen lernte er seine Frau kennen, das Ehepaar bekam drei Kinder, und Ashok Sharma fing als ungelernter Arbeiter in einem galvanischen Betrieb an. Später machte er eine Ausbildung zum Galvaniseur, legte seine Gesellenprüfung ab, arbeitete jahrelang im Labor: „Mein Traum vom Studium an einer deutschen Universität war zwar nicht begraben, aber er befand sich im Dornröschenschlaf“, sagt Sharma.
Zunächst Gasthörer, dann ordentlicher Student
Wahr wurde Ashok Sharmas Traum erst, als er Rentner wurde. Seine drei Kinder, die alle studiert haben, hätten ihn in seiner Entscheidung bestärkt, sagt er, seine Frau unterstütze ihn. Zunächst lauschte er 2018 den Lehrveranstaltungen ein Semester lang als Gasthörer, dann fing er als ordentlicher Student bei den Agrarbiologen an, bald darauf wechselte er zur Ernährungswissenschaft. Chemie habe er immer schon interessant gefunden, sagt er, jetzt vor allem die Frage: „Wie reagiert der Körper?“ Zur Klärung pendelte er montags bis freitags von Pforzheim zwei Stunden lang mit öffentlichen Verkehrsmitteln an die Uni und wieder zurück. Dann wurde der Präsenzbetrieb an den Unis coronabedingt unterbrochen.
Ashok Sharma schwärmt von seiner digitalen Uni-Chatgruppe, er sei den Professoren, seiner Frau und seinen Kommilitoninnen sehr dankbar, sagt er. Und die Chatgruppe setze sich tatsächlich so zusammen: „80 Kommilitoninnen, drei oder vier Jungen und ein alter Mann.“ Inzwischen pendelt Ashok Sharma wieder, in einem Jahr möchte er seine Bachelor-Arbeit fertig geschrieben haben, anschließend hat Ashok Sharma vor, seinen Master zu machen. Sein Problem derzeit: 30 Bewerbungen habe er erfolglos für das vierwöchige Pflichtpraktikum abgeschickt – an Lebensmittelhersteller, Brauereien und Ernährungsberater. Es sei schwierig, mit 69 Jahren einen Praktikumsplatz zu bekommen.
Rudern gegen den Strom
Stattdessen betont er den praktischen Nutzen seiner Studien: „Statt Kapseln zu nehmen, suche ich die entsprechenden Lebensmittel“, sagt Ashok Sharma, der Sonnenblumenkerne und Weizenkeime empfiehlt und Keimlinge züchtet. Aber natürlich gehe es beim Studium im Rentenalter auch um etwas anderes: „Junge Leute lernen für ihre Berufskarriere“, sagt Ashok Sharma, er lerne für sich selber. Was jedoch nicht heißen solle, dass er seine Erkenntnisse nicht zum Nutzen anderer weitergeben wolle, idealerweise „in Indien und auch für die älteren Rentner hier“. Älteren empfiehlt Ashok Sharma maßvolle Nahrungsaufnahme zur Lebensverlängerung.
Dann schickt Student Sharma noch eine E-Mail, in der er um die Berücksichtigung seiner „Botschaft an die Jugend“ bittet: „Lernen im späten Alter ist wie Rudern gegen den Strom. Hört man damit auf, treibt man zurück.“