Studieren in den USA US-Gastsportler unter Trump – „Ich passe auf, was ich poste“

Berechtigte Sorge oder Panikmache? Unter Donald Trump herrscht bei vielen Sportlern Verunsicherung. Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Drei Athletinnen aus der Region Stuttgart, die es in die USA zieht oder die bereits dort leben, berichten von Ängsten, Hoffnungen und Erfahrungen ob der politischen Situation. Oder ist alles nur Panikmache?

Sport: Dominik Grill (grd)

Die USA – das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Zumindest für viele Sportlerinnen und Sportler lässt es seit vielen Jahren Träume wahrwerden, die hierzulande häufig an unzureichender Förderung scheitern. In den Vereinigten Staaten dagegen ist die Geldbörse für die Nachwuchsförderung tief, Sportstipendien sind deutlich einfacher zu ergattern. Und so zieht es Jahr für Jahr zahlreiche Talente über den großen Teich – um ihr Glück zu machen, oder auch nach jener Freiheit zu streben, die sich die älteste Demokratie der Welt so stolz auf die Fahnen schreibt. Doch seit Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus sorgen Nachrichten und Gerüchte für Beunruhigung in den Sportlerkreisen – das zeigen auch die Gespräche mit drei Athletinnen aus der Region Stuttgart sowie dem Chef einer Vermittlungsagentur für Sportstipendien.

 

Hoffnungsvoll, aber auch mit bangem Blick beobachtet eine junge Basketballerin die Entwicklungen in den USA. Ihren Namen will sie nicht nennen, aus Angst vor möglichen Folgen. Damit ist sie nicht allein. Auf Anfrage unserer Zeitung wollte sich beispielsweise Kim Herkle, Schwimmerin des SV Cannstatt aus Fellbach und aktuell an der University of Louisville eingeschrieben, überhaupt nicht äußern. Ihre Begründung: „Wir werden angewiesen, nichts gegen die US-Regierung auf Social Media zu posten – das wäre dann nicht die beste Idee für mich.“ Von wem die Anweisung kommt, will sie nicht verraten. Ähnlich ist es bei Luca Madeo. Der Langstreckenläufer der LG Filder, der sich kürzlich für die U-23-EM qualifizierte und aktuell an der University of Cumberland studiert, möchte nicht mit der Presse über Politik sprechen, weil er nicht wisse, „was das für Konsequenzen haben könnte“.

Dass sich die erwähnte Korbjägerin nur anonym äußert, begründet sie so: „Ich habe einfach zu große Angst, dass das ein Problem bei der Einreise werden kann.“ Ihre Bedenken werden von Nachrichten aus den USA geschürt, aber auch Erfahrungen befreundeter College-Studenten und USA-Rückkehrer machen ihr Sorgen. Meldungen von Schikane eben bei der Einreise, womöglich aufgrund regierungskritischer Posts in den sozialen Medien, haben auch sie erreicht. „Ich passe auf, was ich poste, like und kommentiere“, erzählt sie. Im August wird die junge Sportlerin ihr Studium in Panama City antreten – einem Hotspot einer amerikanischen Tradition: Spring Break. Jedes Frühjahr zieht es tausende partyfreudige College-Gänger in das Städtchen in Florida. Die Gefühlslage der Noch-Stuttgarterin hat sich seit ihrer Unterzeichnung des Stipendium-Vertrags allerdings geändert. „Müsste ich mich jetzt entscheiden, wäre ich mir nicht sicher, ob ich noch zusagen würde“, sagt sie.

Für die junge Studentin geht es das erste Mal weg von zu Hause. „Es ist ein Sprung ins kalte Wasser, und dazu kommt eben noch die große Ungewissheit wegen der Politik“, beschreibt sie ihre Stimmungslage. Sie weiß aber auch: „Der Basketball ist wie eine große Familie. Da werde ich großen Rückhalt haben.“ Wenn sie sich im Sommer gen Florida aufmacht, geht für sie ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung: „Es war immer ein Traum von mir, eines Tages in den USA zu leben und Basketball zu spielen“, sagt sie und stellt klar: „Diesen Kindheitstraum lasse ich mir nicht kaputt machen.“

Zwischen Verunsicherung und Uni-Alltag

Studium, Hochleistungssport, ein Leben fern der Heimat – der Alltag als Sportstipendiat ist mitunter straff. So ergeht es auch Jette Kurz, ehemals Hockeyspielerin des HTC Stuttgarter Kickers, jetzt Studentin an der University of Albany. „Es bleibt wenig Raum, sich intensiv mit politischen Themen auseinanderzusetzen, und das empfinde ich in gewisser Weise sogar als entlastend“, erzählt die 20-Jährige. „Natürlich bekomme ich am Rande mit, wenn es größere politische Diskussionen oder Proteste gibt, aber sie beeinflussen meinen Alltag kaum.“ Befürchtungen hat die Studentin des Fachs Business Administration und Management daher keine. Vielmehr genießt sie das Zusammenleben und Sporttreiben mit Menschen aus aller Welt.

Derweil hat das unbeschwerte Uni-Leben von Marian Plöger, Schwimmerin des SV Cannstatt und mehrfache Junioren-EM-Medaillengewinnerin, in den vergangenen Monaten Risse bekommen. „Nach dem Wahlsieg von Trump hat sich die Stimmung am Campus verschlechtert“, berichtet sie, „viele waren traurig und enttäuscht, dass Kamala Harris verloren hat.“ Plöger studiert an der University of Michigan. An dieser schlug vor Kurzem eine Rundmail Wellen. Darin wurden die Studierenden in Kenntnis gesetzt, dass 22 der rund 7700 ausländischen Kommilitonen das Land verlassen müssen. Das Department of Homeland Security hat ihnen die Visa entzogen; Gründe für die Aberkennung werden in der E-Mail nicht genannt. „Niemand kennt die Regeln, deswegen ist alles sehr ungewiss“, sagt Plöger.

An ihrer Universität gehen die Vermutungen in Richtung regierungskritischen Verhaltens in den sozialen Medien. Als US-amerikanische Staatsbürgerin macht sich die 19-Jährige um ihre eigene Situation freilich geringe Sorgen: „Ich bin selbst weniger gefährdet, aber dass es bei uns an der Uni 22 Leute getroffen hat, ist schon erschreckend“, sagt sie. In Indiana geboren, verließ Plöger zusammen mit ihrer Familie im Alter von zwei Jahren die USA. Erst im August vergangenen Jahres kehrte sie in ihr Geburtsland zurück. Schon damals habe sie die politische Spaltung des Landes gespürt, seit Trumps Wahlsieg hätten sich die Spannungen aber erhöht. „Auch in den Freundeskreisen wird nur wenig geredet, weil sonst oft eine Seite beleidigt ist“, erzählt Plöger. Mit Blick auf die Zukunft sagt sie: „Ich hoffe und glaube, dass sich die Lage entspannen wird.“

Alles nur Panikmache?

Es ist offensichtlich: Viele der USA-Reisenden eint eine große Ungewissheit. Von einem „diffusen Angstgefühl“ spricht auch Simon Stützel, Geschäftsführer von Scholarbook, einer Vermittlungsagentur für US-Sportstipendien mit Sitz in Karlsruhe. Diese Gemütslage, aus seiner Sicht geschürt durch die „aktuelle amerikakritische Stimmung“, habe deutliche Auswirkungen auf das Tagesgeschäft: „Ähnlich wie die Reisezahlen in die USA ist die Nachfrage bei uns um rund 30 Prozent gesunken“, konstatiert Stützel – und betont: „Wir haben aktuell über 1000 Sportler in den USA. Kein Einziger hat Probleme.“

Zu den vermittelten Stipendiaten zählen so prominente Namen wie der Leinfelden-Echterdinger Zehnkämpfer Leo Neugebauer und die Schwimmerin Anna Elendt. Ob bei der Einreise, auf dem Campus oder sonst wo – zumindest Stützel ist sich sicher: „Das ist eine komplett irrationale Panikmache in den deutschen Medien.“ Neugebauer im Übrigen hat auf eine Anfrage unserer Zeitung gar nicht reagiert.

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