Wenn Lenon Minorics erzählt, was er beruflich macht, verstehen die meisten nur Bahnhof. Stochastik, fraktale Geometrie, gebrochenzahlige Dimensionen – in diesen Begrifflichkeiten ist der 30-Jährige zu Hause. Lenon Minorics hat an der Uni Stuttgart am Campus Vaihingen das studiert, was für viele Stoff für Albträume liefert: Mathematik. Bereits mit 27 Jahren hatte er sogar den Doktortitel in der Tasche – und hat sich mit dieser Laufbahn einen Job in einer Zukunftsbranche gesichert. Seit knapp drei Jahren arbeitet er für Amazon Deutschland in Tübingen in der Sparte für Künstliche Intelligenz (KI).
Dass man mit einem Mathe-Studium auf dem Arbeitsmarkt beste Chancen hat, führt offenbar nicht dazu, dass sich viele junge Leute dafür entscheiden. An der Hochschule für Technik Stuttgart sind aufgrund der sinkenden Nachfrage die Studienplätze für Anfänger immer weiter zusammengeschrumpft worden. Vor wenigen Jahren konnten noch 105 Leute im Jahr ins erste Semester starten, dann wurde auf 85 Plätze reduziert, künftig sollen es nur noch 65 sein.
Naturwissenschaftler fehlen in großer Zahl
Dabei wächst der Bedarf rasant. Nicht nur für Mathematiker, sondern allgemein für IT-Fachkräfte. Laut dem Branchenverband Bitkom fehlten 2021 insgesamt 96 000 Fachkräfte. „Das geht bald ins Sechsstellige, es wäre schade, wenn das zu einem Standort-Nachteil würde“, sagt Silke Goedereis, die Sprecherin von Amazon Deutschland mit rund 30 000 Mitarbeitern. In Tübingen, wo Lenon Minorics über ein halbjähriges Praktikum in seinen ersten Job gerutscht ist, sind aktuell 70 Leute bei dem Tech-Unternehmen beschäftigt, rund ein Dutzend weitere Stellen sind unbesetzt, sagt Goedereis.
Lesen Sie aus unserem Plus-Angebot: Hochschule reduziert Plätze fürs Mathestudium
Lenon Minorics stammt nicht aus einer Akademiker-Familie. Sein Vater ist Schweißer, seine Mutter Putzfrau. Sein älterer Bruder sei der Erste in der Familie gewesen, der auf die Uni gegangen ist, um Informatik zu studieren. Er selbst hatte zunächst den Realschulabschluss gemacht und schließlich Abi auf einem Wirtschaftsgymnasium. Sein Abitur war mit einem Schnitt von 2,3 nicht bemerkenswert, in Mathe sei er aber schon immer besser gewesen als andere. Sein Lehrer habe ihn bestärkt, das Fach zu studieren – wobei er ihm auch gesagt habe, dass das mit dem Schulfach nur wenig gemein habe. Das hat Minorics erst recht neugierig gemacht.
Komplett neue Denkmuster im Mathe-Studium
Der Mathe-Lehrer behielt recht. „Der Anfang war schon hart“, sagt Minorics. „Ich behaupte: Auch wenn man nicht auf der Schule war, könnte man Mathematik studieren.“ Schlicht, weil im Studium alles noch einmal ganz neu aufgezogen werde, sie seien an ein komplett anderes Denkmuster herangeführt worden, man sei darauf getrimmt worden, alles zu hinterfragen, was man in der Schulmathematik als gegeben hinnehmen musste. Von den zehn Studienfreunden, mit denen er zu Beginn viel zu tun hatte, seien in den ersten Semestern acht wieder abgesprungen, er biss sich hingegen durch. „Ich habe gelernt, zu lernen.“ Und irgendwann ist der Knoten geplatzt, und es ging leichter, berichtet er.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Wie Trends das Studienangebot beeinflussen
Bei Amazon arbeitet Lenon Minorics als sogenannter angewandter Wissenschaftler, damit macht er genau das, was ihn besonders interessiert: forschen und entwickeln. Zu Amazon gehören unter anderem der den meisten Menschen bekannte Online-Shop sowie die Cloud-Sparte Amazon Web Service (AWS). Der 30-jährige Minorics beschäftigt sich in seinem Alltag mit Software-Entwicklung und Programmieren im Bereich KI-Forschung, was insbesondere durch AWS genutzt werde. Der Tech-Gigant verwaltet Cloud-Lösungen für sich selbst und für größere Unternehmen, also einen virtuellen Ort, an dem Daten gespeichert werden. Und hier laufe ein stetiger Verbesserungsprozess. Silke Goedereis nennt dies den „eher unbekannten Teil von Amazon“.
Als sich Lenon Minorics damals fürs Mathematik-Studium an der Universität Stuttgart entschieden hat, habe er keinen blassen Schimmer gehabt, dass er einmal an Fragen der Künstlichen Intelligenz tüfteln würde. Er habe eher von seinem inneren Interesse getrieben studiert. Junge Leute, die wie er viel für Zahlen übrig haben, möchte Lenon Minorics ermutigen, sich ins Studium zu wagen. Sein Rat: „Hartnäckig dranbleiben. Es ist hart, aber es wird besser.“