Studierende scheitern an Mittelstufenaufgaben Stuttgarter Unis kämpfen gegen Mathelücken

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Reihenweise fallen Studierende in Mathe- und Statistikprüfungen durch oder treten gar nicht erst an. Ein Selbsttest und ein Mathe-Café sollen die Situation entschärfen.

Die Grundlagen der Mathematik werden in der Schule gelegt. Foto: dpa
Die Grundlagen der Mathematik werden in der Schule gelegt. Foto: dpa

Stuttgart - „Den Studienanfängern fehlen Mathematikkenntnisse aus dem Mittelstufenstoff, sogar schon Bruchrechnung, Potenz- und Wurzelrechnung, binomische Formeln, Logarithmen, Termumformungen, Elementargeometrie und Trigonometrie. Diese Defizite sind schon längst kaum mehr aufholbar – weder in Vorkursen noch in Brückenkursen.“ Das haben 130 Professoren und Mathelehrer aus der ganzen Republik in einem offenen Brandbrief an Susanne Eisenmann, die Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, beklagt. Sie fordern, mehr Grundlagen wie Bruch- und Wurzelgleichungen in die Lehrpläne aufzunehmen.

Iris Lewandowski begrüßt den Vorstoß. Die Agrarprofessorin und Prorektorin Lehre der Uni Hohenheim findet es „eine gute Sache, mal deutlich zu sagen, dass es da ein Problem gibt“. Denn auch in Hohenheim erleiden viele Studierende einen Matheschock – laut Hohenheimer Online-Kurier fiel im Wintersemester 2015/16 bei den Mathe- und Statistikprüfungen „mehr als die Hälfte der angemeldeten Studierenden durch oder ist gar nicht erst zum Termin erschienen“. Betreuer sprechen von bis zu 70 Prozent.

Lewandowski nennt „zwei Bereiche, wo es schwierig ist“: In den Wirtschaftswissenschaften seien viele durchgefallen, und auch in den Agrarwissenschaften täten sich viele schwer. „Aber auch in der Biologie wundern sich viele, dass man da auch mal Statistik anwenden muss“, sagt die Prorektorin. „Viele haben falsche Vorstellungen von den Studiengängen.“ Und brächten die Voraussetzungen dafür nicht mit. „Wenn man beim dritten Mal nicht zur Prüfung erscheint, ist man raus“, so Lewandowski. Raus aus dem Studium. Detaillierte Zahlen mag die Professorin nicht nennen. Dafür aber weitere Gründe für das Scheitern. Nein, faul seien die meisten Studierenden nicht – „aber sie geben früher auf, ihre Frustrationsgrenze kommt schneller, die vertiefen nicht, die gucken im Internet, ob es ein Youtube dazu gibt“. Aber auch der Prüfungsstress und der gesellschaftliche Druck, auf die Hochschule zu gehen, hätten zugenommen. „Das ist auch politisch gewollt“, so Lewandowski.

Uni Hohenheim verzichtet auf verpflichtende Vorkurse und zentrale Eingangstests

Rosario Pires von der Hochschuldidaktik der Uni Hohenheim verdeutlicht die Problemlage: „Schon im ersten Semester müssen die Leute ausreichend Mathe können. Verpflichtende Vorkurse gibt es aber nicht. Wir erheben auch keine zentralen Eingangstests.“ In Hohenheim setze man auf offene Angebote, etwa ein Repetitorium – einen Kompaktkurs Mathe zur Prüfungsvorbereitung. Geplant sei auch ein Mathe-Café in der Thomas-Müntzer-Scheuer, um dort Hausarbeiten zu machen und Ansprechpartner zu haben. Ende April werde man themenbezogene Zeitfenster zum Mathelernen anbieten. Da es in Hohenheim keine Mathematikerausbildung gebe, werde dies von Tutoren betreut, „die was ganz anderes studieren“, so Pires. Die Tutorien würden sehr gut angenommen, berichtet Lewandowski – „wir sollten noch mehr anbieten können“.

Sie berichtet: „Wir haben zu fast jedem Studienfach ein Video – und da ist eben nichts mit Mathe drin.“ Man wolle die Interessenten nicht abschrecken. Aber man werde die Studienberatung weiter ausbauen. Und wie sieht es mit den didaktischen Fähigkeiten der Professoren aus? „Eine intensive Betreuung der Lehrenden wäre gut“, meint Lewandowski, eine Art konstruktiver Beratung – „aber das ist auch eine Kapazitätenfrage“. Drei Forderungen leitet sie aus der gegenwärtigen Situation ab: „Wir brauchen mehr Lehrpersonal.“ Zudem internetbasierte Angebote zur Studienorientierung, die eine Selbsteinschätzung ermöglichen. Und, drittens, eine bessere Abstimmung zwischen Schule und Uni: „Die Frage ist: Wissen die Lehrer gut genug, was an der Uni gefordert wird? Da gibt es noch eine Informationslücke“, meint die Prorektorin.

Auch andere Hochschulen widmen dem Thema große Aufmerksamkeit. Die Uni Stuttgart hat – nach einer Mathe-Schwundquote bis 70 Prozent – auf Empfehlung einer vor drei Jahren gegründeten AG Studienabbruch ihre Mint- und Beratungsangebote ausgebaut, auch mit Erklärfilmen. Nun entwickle man ein Online-Studienfachwahl-Assistent-System. „Für eine Aussage, ob Maßnahmen bereits greifen, ist es zu früh“, so Unisprecher Hans-Herwig Geyer.

Auch andere Hochschulen bieten Mathenachhilfe an

Die Hochschule für Technik bietet eine Vorbereitungswoche mit Workshops zu Lerntechniken, einen Selbsttest und einen kostenlosen Brückenkurs zur Matheauffrischung. Die Hochschule der Medien informiert auf ihrer Homepage ziemlich präzise darüber, in welchen Studienfächern das Grundlagenwissen der Schulmathematik „unbedingt parat sein sollte“, und bietet – gegen Gebühr – gezielt Mathe-Vorkurse an.

Kultusministerin Eisenmann teilt zwar nicht die „pessimistische Einschätzung“ des Brandbriefs: „In Mathematik lag Deutschland bei Pisa 2015 mit 506 Punkten signifikant über dem OECD-Durchschnitt (490 Punkte) – insofern müssen wir hinterfragen, was hinter den angeklagten Mängeln steht.“ Andererseits habe die international vergleichende Schulleistungsuntersuchung Tims 2016 „gezeigt, dass wir an den Grundschulen in Kernfähigkeiten wie Rechnen Nachholbedarf haben“. Deshalb, so Eisenmann, werde die Mathe-Lernzeit an der Grundschule in Baden-Württemberg erhöht. „Im Vordergrund muss nun stärker die Qualität des Unterrichts stehen.“ Auch die Lehrerfortbildung müsse leistungsfähiger werden.




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