Studierendenwerk in der Coronakrise Studierende fürchten um Einkommen

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Das Studierendenwerk hat derzeit alle Hände voll zu tun mit der psychosozialen Beratung junger Menschen. Viele fürchten in der Coronakrise um ihren Unterhalt.

Viele Studierende arbeiten in der Gastronomie. Dies ist seit der Schließung von Restaurants und Kneipen aufgrund der Coronapandemie nicht mehr möglich. Foto: /Cedric Rehman
Viele Studierende arbeiten in der Gastronomie. Dies ist seit der Schließung von Restaurants und Kneipen aufgrund der Coronapandemie nicht mehr möglich. Foto: /Cedric Rehman

Stuttgart - Der Sozialberater Ronald Friedrich muss derzeit am Telefon für das Prinzip Hoffnung werben. Der Mitarbeiter des Studierendenwerks hat seit der Verschärfung der Coronakrise im vergangenen Monat und den damit einhergehenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft eher selten ein Ohr frei. „Besonders vor Ostern liefen bei uns die Drähte heiß“, sagt der 42-Jährige.

Studierende müssten sich derzeit nicht nur an einen digitalen Hochschulbetrieb gewöhnen. Zwei Drittel verdienten Geld in verschiedenen und nun von Schließungen betroffenen Branchen wie Einzelhandel oder Gastronomie hinzu. Die Jobs und das damit verbundene Einkommen hätten die Studierenden jetzt verloren.

Viele Studierende finanzieren sich selbst

Das Bild vom kellnernden Studierenden, der Geld für das nächste Rucksackabenteuer in ein fernes Land spart, sei in vielen Fällen ein Klischee, betont der Sozialarbeiter. „Es gibt viele, die ihren Lebensunterhalt im Studium selbst finanzieren“, sagt Friedrich.

Diese Gruppe stünde nun buchstäblich vor einem gähnend leeren Loch in ihrer Haushaltskasse. „Bei mir riefen Studierende an und meinten, sie haben überhaupt kein Geld mehr“, sagt der Berater.

Das WG-Zimmer ist noch sicher

Das WG-Zimmer sei aufgrund der von der Regierung beschlossenen Möglichkeit zur Mietstundung bis Juni 2022 derzeit auch den finanziell prekär lebenden Studierenden sicher, sagt er. „Aber was ist mit der Krankenversicherung, mit dem Handy und mit Lebensmitteln?“, fragt Friedrich.

Nicht alle Studierenden verfügten über ein Elternhaus, das in der Krise für den Unterhalt aufkommen könne, fügt der Sozialberater hinzu. Weniger als 14 Prozent aller Studierenden in Stuttgart erhält laut Studierendenwerk derzeit Hilfe nach dem Bundesausbildungsförderungsgesetz, umgangssprachlich als Bafög bekannt. An jene Studierende, die teilweise oder ganz mit Jobs ihren Lebensunterhalt bestreiten, habe bisher niemand gedacht, meint Friedrich. „Für sie gibt es bisher keinen Rettungsschirm“, sagt der Berater.

Bund und Länder ringen um Konzept

Er verweist um Rat suchende Studierende darauf, dass Bund und Länder derzeit das Versäumte nachholen und um ein Konzept für arbeitslose Studierende ringen. Bisher stehen sich dabei allerdings verschiedene Ansätze gegenüber. Während die Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) ein zinsloses Darlehen an Studierende vorschlägt, dringen die Länder auf einen erweiterten Zugang zu Bafög-Leistungen für einen größeren Kreis von Studierenden.

Karliczek lehnt dies bisher unter Hinweis auf das dafür nötige parlamentarische Gesetzgebungsverfahren ab. Dieses benötige aus Sicht der Ministerin mehr Zeit und deshalb könne nur ein Darlehen Studierenden kurzfristig aus der Klemme helfen.

Studierendenwerke schlagen Zuschuss vor

Studierendenwerke setzen sich laut Sozialarbeiter Friedrich für direkte Zuschüsse an die Studierenden ein. „Die müssten dann anders als Darlehen nicht zurückgezahlt werden“, sagt der Berater.

Angesichts der existenziellen Krise mancher Studierender weitet das Studierendenwerk derweil auch seine psychologische Beratung aus. Die Psychotherapeuten des Studierendenwerks bieten nun auch Videosprechstunden an.

Studierende haben andere Sorgen

Laut der Therapeutin Petra Kucher-Sturm spielt die Coronakrise in ihrer Arbeit mit Studierenden derzeit aber eine untergeordnete Rolle. Dies sei nicht verwunderlich, da ihre derzeitigen Sitzungen zu Beginn des Jahres ausgemacht worden seien und die Therapien andere Anlässe gehabt hätten als Corona, erklärt die 62-Jährige. Kucher-Sturm warnt allerdings davor, dass die sozialen Einschränkungen aufgrund der Pandemie sich ungünstig auf Depressive auswirken könnten. „Alles, was wir Betroffenen raten, etwa die Pflege sozialer Kontakte, verbietet sich jetzt“, meint die Therapeutin.

Viele Studierende kämen wegen Lernschwierigkeiten zu ihr. Sie lernten in einer Verhaltenstherapie, wie sie ihren Lernalltag gerade vor Prüfungen strukturieren können. Der Rat, sich in Bibliotheken vorzubereiten und so Sozialkontakte zu wahren, erübrige sich derzeit ebenfalls, meint Kucher-Sturm.

Manche sind erleichtert

Für manche, die sich vom Hochschulbetrieb und den Anforderungen überrollt fühlten, sei die Zwangspause an den Universitäten allerdings auch eine Erleichterung gewesen, sagt Kucher-Sturm.

Zukunftsängste angesichts der unklaren Auswirkungen der Pandemie auf Wirtschaft und Arbeitsmarkt erlebe sie in ihren Gesprächen derzeit nicht. „Für die Studierenden ist erst einmal wichtig, wie es jetzt im Studium für sie weitergeht“, meint die Therapeutin.




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