Burchard hat das Studierendenwerk Stuttgart von 2013 bis Ende Januar 2020 geleitet und fragt sich das an seinem letzten Arbeitstag als Dienstleister für 61 000 Studierende in der Hochschulregion Stuttgart. Doch Widersprüche wie dieser hätten nicht den Ausschlag gegeben, die ihm lieb gewordene Stadt zu verlassen und künftig als Geschäftsführer beim Studentenwerk in München zu arbeiten, versichert der 56-Jährige.
„Ich geh hier nicht gern weg“, sagt Burchard. „So schön wie hier war’s in meinen ganzen Berufsjahren nicht.“ Und dass er das ernst meint, zeigen zwei Dinge: Er behält seine Wohnung im Stuttgarter Westen. Und er will weiterhin einen Weinberg in der Region bewirtschaften. Wenn er am Wochenende dazu kommt. Was er sich für Stuttgart wünscht: „Wenn sich die Stadt ein bisschen mehr zu ihren Hochschulen bekennen würde.“ Dass das Studierendenwerk mehr als ein Jahr auf eine Baugenehmigung warten müsse, sei „einfach zu lang.“ Das Baurechtsamt verweist hingegen auf eine durchschnittliche Bearbeitungsdauer von 77,9 Kalendertagen.
Geschäftsführer kritisiert Stellplatzverordnung als Hemmnis fürs Bauen
Kritisch sieht Burchard die Stellplatzverordnung der Stadt, die „ein Hemmnis“ sei, wenn es darum gehe, mehr günstige Wohnplätze für Studierende zu schaffen. Es müsse ein Stellplatz pro sieben Wohnheimplätzen gebaut werden. Weil viele Parkplätze von den Heimbewohnern gar nicht genutzt würden, vermiete man sie an Fremde. Ob eine Minderung möglich sei, hänge von der Qualität der ÖPNV-Anbindung ab, erklärt Rainer Grund, Vize im Baurechtsamt. Das Ziel eines emissionsfreien Campus habe keine Auswirkungen aufs Baurecht. Da müsse die Uni ein Konzept vorlegen. „Das müsste man wissen, bevor man den Bauantrag einreicht“, so Grund. Dann wäre eine Prüfung denkbar, ob man eine Ausnahme machen könne. Er räumt aber ein: „Solche Sachen sind noch Neuland.“ Und: „Da müsste man miteinander reden.“
Burchard ist aber schon weg. „Ich gehe, weil ich in Bayern attraktivere Bedingungen bekomme“, erklärt er. So betrage dort die Wohnheimförderung pro Platz 32 000 Euro, in Baden-Württemberg 8000 Euro. Allerdings überlässt das Land Baden-Württemberg den Studierendenwerken auch Landesgrundstücke zu einem ermäßigten Erbbauzins in Höhe von 51 Euro pro Jahr zum Wohnheimbau – sofern verfügbar. Als Hauptproblem gelten fehlende Grundstücke. Das gilt in Stuttgart besonders. „Wenn es mehr Sozialwohnungen geben würde, wäre der Druck nicht so groß“, sagt Burchard mit Blick auf die stets lange Warteliste für einen Wohnheimplatz.
Mensasanierungen lassen auf sich warten
Auch beim Mensabau hätte sich der Geschäftsführer mehr Tempo gewünscht. So sei die Mensa auf dem Campus in Vaihingen „seit zehn Jahren überfällig“. Mit ihren gut 1600 Sitzplätzen sei sie längst zu klein. Zudem müsse sie grundlegend modernisiert werden. Es gehe nicht nur um die Herausgabe von genügend Essen in kurzer Zeit – in diesem Fall bis zu 5550 pro Tag. Sondern „Mensen sind auch Lern- und Arbeitsorte“. Auch die Sanierung der Mensa in der Holzgartenstraße in der Stadtmitte stehe seit Langem aus, und das Essverhalten der Nutzer ändere sich. Inzwischen biete man täglich ein veganes und ein vegetarisches Gericht an, und 80 Prozent der Getränke würden heute aus Mehrwegbechern getrunken.
Auf die Befindlichkeit seiner Klientel reagiert das Studierendenwerk auch beim Beratungsangebot: Es wurde ausgebaut und niederschwelliger angelegt. Die Zahlen sprechen für sich: So stiegen sie bei der psychotherapeutischen Beratung von 640 Terminen im Jahr 2012 auf 1624 Termine im Jahr 2018. Die Fragen der Klienten würden komplexer, so Burchard, und reichten von der Lernstörung bis zur Angst. Bei der Sozialberatung stiegen die Zahlen von 80 auf 576 pro Jahr, bei der Rechtsberatung von 240 auf 413.
Elektronische Verwaltung löst Papier ab
Bei der Digitalisierung hat Burchard aufs Tempo gedrückt. „Wir werden zum Wintersemester die E-Akte beim Bafög einführen – als Erste in Baden-Württemberg“, kündigt er an. Denn: „Unsere Kunden sind digital.“ Auch in der Verwaltung wolle man „weg vom Papier“, sei es bei der Vergabe der Wohnheimplätze, der Umfrage zur Zufriedenheit mit der Mensa oder zur Vereinbarung von Beratungsterminen. Eine Chat-Beratung gibt es bereits.
Mit Burchards Nachfolge lässt sich der Verwaltungsrat Zeit. Erst zum September 2020 soll die Stelle neu besetzt werden. So lange halten André Völlers und Stefan Schneider kommissarisch die Stellung.