Studierte Pfleger Ziel: auf Augenhöhe mit Ärzten diskutieren

Von  

Immer mehr Krankenpfleger haben einen Hochschulabschluss. Der Klinikverbund Südwest unterstützt die Akademisierung der Pflege – auch als ein Instrument im Kampf um die heiß begehrten Fachkräfte auf dem leer gefegten Arbeitsmarkt.

Elvira Schneider (Mitte), die  Pflegedirektorin des Klinikverbunds, hat Alina Killian (links) und Stefanie Milankovic  überzeugt, berufsbegleitend  zu studieren. Foto: factum/Granville
Elvira Schneider (Mitte), die Pflegedirektorin des Klinikverbunds, hat Alina Killian (links) und Stefanie Milankovic überzeugt, berufsbegleitend zu studieren. Foto: factum/Granville

Sindelfingen - Alina Killian wusste nach dem Abitur nicht so recht, wohin es beruflich gehen soll. Deshalb absolvierte sie zunächst einmal ein Freiwilliges Soziales Jahr an der Tübinger Uniklinik. In verschiedene Bereiche konnte sie hineinschauen. Ein Medizinstudium war eine Überlegung. Aber die Pflege gefiel ihr besser. „Da bin ich näher an den Patienten dran als ein Arzt“, sagt die Holzgerlingerin. Andererseits wollte sie gerne studieren. Und so kam das Angebot von Elvira Schneider, der Pflegedirektorin des Klinikverbunds Südwest, gerade recht. Parallel zur Ausbildung zur Krankenschwester könne sie ein Bachelor-Studium an der Dualen Hochschule absolvieren – so die Offerte.

Killian griff zu. Das war vor drei Jahren. Mittlerweile ist sie examinierte Krankenschwester und arbeitet auf der Urologischen Station der Sindelfinger Klinik. In zehn Monaten muss die 21-Jährige ihre Bachelorarbeit abgeben. Die Mischung zwischen Pflege am Bett und wissenschaftlicher Betrachtung fasziniert die junge Frau. Nach Abschluss des Studiums stehen ihr dann ganz andere Positionen offen. „Wir können sie einsetzen zum Beispiel als Fallmanagerin für Patienten mit komplexen Erkrankungen“, sagt Elvira Schneider.

Für die Vorlesungen werden die Pfleger freigestellt

Alina Killian gehört zum ersten Studienkurs „Angewandte Gesundheits- und Pflegewissenschaften“ an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Stuttgart. „Wir sind die Pioniere“, sagt Kilian ein wenig stolz. Der Jahrgang mit neun Studenten sei überschaubar und familiär. Die Teilnehmer kommen aus verschiedenen Kliniken der Region. Was Killian auffällt: „Die wenigsten meiner Kommilitonen werden vom Arbeitgeber so unterstützt wie ich.“ Konkret wird Killian während der Vorlesungszeit freigestellt – und erhält 50 Prozent ihres Gehalts weiter. „Die meisten anderen müssen dafür Urlaub nehmen“, berichtet Killian.

Ganz bewusst setzt der Klinikverbund Südwest auf die Akademisierung der Pflegekräfte. „Wir haben erkannt, dass Pflege zukünftig mehr können und auch dürfen muss“, sagt Jörg Noetzel, der medizinische Geschäftsführer des Verbunds. Die Pflegedirektorin Schneider ist überzeugt: „Pfleger mit einem Studienabschluss haben ein anderes Standing bei den Ärzten, können mit diesen auf Augenhöhe kommunizieren.“ In den meisten Ländern sei es längst üblich, Pflege an Universitäten zu lehren, sagt Schneider, die selbst nach der Krankenpflegeausbildung berufsbegleitend bis zum Master studiert hat. „Wir müssen die Wissenschaft ans Krankenbett bringen“, ist sie überzeugt. Zudem sei das Studienangebot ein gutes Instrument im Kampf um die begehrten Fachkräfte auf dem leer gefegten Arbeitsmarkt.

26 000 Euro investiert der Klinikverbund pro Student

Deshalb wirbt sie nicht nur bei angehenden Pflegern um Studierende, sondern bietet auch bewährten Kräften in Führungspositionen Fortbildungsstudien an. Patrick Schlecht ist einer der Studierenden. Der 27-Jährige hat vor zehn Jahren bereits seine Ausbildung zum Krankenpfleger beim Klinikverbund absolviert, dann eine Weiterbildung in Onkologie gemacht. Jetzt studiert er berufsbegleitend Angewandte Pflegewissenschaft. Er schätzt das Engagement seines Arbeitgebers: „Der Klinikverbund lässt sich das einiges Kosten. Er investiert durch die Freistellung pro Student etwa 26 000 Euro.“

Verena Diesing, die vor sechs Monaten vom Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus als Leiterin der Pflege des Zentral-OPs an die Leonberger Klinik wechselte, erhielt das Angebot für ein Studium im Vorstellungsgespräch. Lange überlegt hat sie nicht: „Wenn einem der Arbeitgeber eine solche Chance ermöglicht, greift man zu.“ Anspruchsvoll sei es aber, neben einem Führungsjob noch ein Studium zu bewältigen, sagt sie. Das benötige ein gutes Zeitmanagement. Doch Diesing ist überzeugt, dass das Studium sie in ihrem Job weiterbringt. „Auch in der Pflege gibt es ständig neue Erkenntnisse und Entwicklungen.“ Sie lerne nun, Probleme aus der Praxis wissenschaftlich zu betrachten, wisse, wo sie bei Fragen nachlesen könne.

Mitarbeiter, die sie für ein Studium geeignet hält, spricht die Pflegedirektorin direkt an. „Nicht alle trauen sich gleich ein vierjähriges Bachelorstudium zu.“ Für diese hat sie ein Kontaktstudium im Angebot, zwei Semester Pflegewissenschaft. „Das ist überschaubar. Alle Plätze sind ausgebucht“, sagt Elvira Schneider. Wenn es den Studenten gefällt, können sie drei weitere Jahre anhängen, den Bachelor machen. Bei Stefanie Milankovic, Bereichsleiterin der Inneren am Leonberger Krankenhaus, könnte dieses Kalkül aufgehen. Vor wenigen Wochen hat die 39-Jährige das Studium begonnen – und ist hellauf begeistert.