Studio-Theater „Bahnwärter Thiel“: Ende mit Schrecken

Von Gabriele Metsker 

Die sprachlich gewaltige Novelle „Bahnwärter Thiel“ von Gerhart Hauptmann wurde von Christof Küster neu inszeniert. Die Premerie findet am 9. November im Studio Theater statt.

In der Inszenierung des Studio Theaters von „Bahnwärter Thiel“ gibt es drei Erzähler (von links): Marie Mayer, Johannes Schüchner und  Karlheinz Schmitt.   Foto: Oliver Feigl
In der Inszenierung des Studio Theaters von „Bahnwärter Thiel“ gibt es drei Erzähler (von links): Marie Mayer, Johannes Schüchner und Karlheinz Schmitt. Foto: Oliver Feigl

Gerhart Hauptmanns Novelle „Bahnwärter Thiel“ hat Christof Küster schon sehr lange verfolgt. Schon immer habe er diesen Text einmal auf die Bühne bringen wollen, sagt der künstlerische Leiter des Studio Theaters. Weil ihn der Stoff manchmal selbst gegruselt habe, hatte er sich aber bislang immer dagegen entschieden. „Aber es hat mich nicht losgelassen. Es ist sprachlich gewaltig.“ Nun ist am 9. November Premiere.

Wie wird aus einem Prosatext, der zudem kaum Passagen in direkter Rede enthält, ein Bühnenstück? Küster hat dafür eine sinnfällige Lösung gefunden. Die Sprache des 1912 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichneten Autors hat er nicht angetastet. Dafür werden die Worte abwechselnd von zwei Schauspielern und einer Schauspielerin gesprochen. Karlheinz Schmitt fungiert als Erzähler, Johannes Schüchner liest die Zeilen, die mit Bahnwärter Thiel verbunden sind, Marie Mayer jene Abschnitte, die etwas von Thiels erster Frau Minna oder seiner zweiten Frau Lene vermitteln.

Den Erzählstil, der von den Beteiligten in der dritten Person spricht, behalten sie unverändert bei. So entsteht eine Art indirekter Dialog. Ein ergänzendes Element sind Videoeinspielungen von Oliver Feigl. „Dadurch bekommt die Innenwelt von Thiel einen eigenen Ausdruck“, so Küster. Denn die Vermischung von Innen- und Außenwelt des Protagonisten spielt in der Novelle eine wichtige Rolle. Oft spiegeln sich in den Naturbeschreibungen die Seelenzustände des Menschen. „Diese Vermischung ist sehr modern“, betont der Regisseur.

Minna für die Seele, Lene fürs Bett

Der Mensch Thiel leidet. Denn Minna, die erste Frau des Bahnwärters, ist gestorben und hat ihn mit dem gemeinsamen Sohn Tobias zurückgelassen. Um den Lebensalltag weiter bewältigen zu können, heiratet der Witwer die stämmige Magd Lene, mit der er ebenfalls ein gemeinsames Kind bekommt. Während er seelisch der verstorbenen Minna eng verbunden bleibt, kettet ihn eine sexuelle Abhängigkeit an Lene, außerdem braucht er sie für die Bewältigung des Alltags.

Dramatisch wird diese Konstellation dadurch, dass Lene Tobias misshandelt und Thiel dem tatenlos zuschaut, obwohl er selbst sehr an Tobias hängt und sich liebevoll um ihn kümmert. „Solche Konflikte können auch heute in Patchwork-Familien auftauchen“, weiß Küster, der dazu recherchiert hat. Als Tobias durch eine Unachtsamkeit Lenes zu Tode kommt, spitzen sich die Geschehnisse auf dramatische Weise zu. Aus Bahnwärter Thiel, einem eingangs rechtschaffenen, vielleicht etwas phlegmatischen Menschen, wird zum Schluss ein Mörder. Kein kalt berechnender, sondern einer, der durch unerbittliche Lebensumstände und seinen inneren Zwiespalt in Bedrängnis kommt und keinen anderen Ausweg sieht.

Es werde kein Bahnhofsidyll aus dem 19. Jahrhundert auf der Bühne zu sehen sein, verrät Christof Küster. Vielmehr wird diese eher zu einem abstrakten Ort; vielleicht mit herabhängenden Boxsäcken, die ebenso symbolisch für einen Wald stehen können wie für die immer gegenwärtige gewalttätige Stimmung. Denn was an Konflikten hinter dem Ganzen stehe, sei sehr aktuell, findet Küster. „Diese Konflikte sind nicht nur in einem bestimmten Jahrhundert gültig, das sind grundsätzliche Themen. Der Grundkonflikt ist zeitlos. Unser Ziel ist es, dass man das mitbekommt.“

Wenn Schrecklichkeit Erleichterung hervorruft

Durch die Umsetzung auf der Bühne soll die 1887 vollendete Novelle, ein Paradewerk des literarischen Naturalismus, noch nachvollziehbarer werden. „Die Eifersüchteleien werden sichtbar“, so Küster. Es wird keine szenische Lesung. Phasen mit gesprochenem Text und stumme Bilder wechseln sich ab. „Wir möchten Bilder finden, die dem gesprochenen Text etwas hinzugeben. Sonst müssten wir es ja auch nicht auf dem Theater machen. Das kann Reibung erzeugen.“ Er selbst hat beim Lesen empfunden, wie sich zum Schluss die gesamte aufgestaute Energie entlädt und dies, bei aller Schrecklichkeit des Geschehens, sogar fast ein unwillkürliches Gefühl der Erleichterung hervorrufen kann.

Mit Johannes Schüchner, Karlheinz Schmitt und Marie Mayer hat Christof Küster seine Wunschbesetzung gefunden. Mit allen hat er schon zusammengearbeitet.

„Bahnwärter Thiel“: Premiere 9. November, 20 Uhr, Studio Theater, weitere Termine im November und Dezember, Tickets 07 11 / 24 60 93