Stück in der Spielstätte Nord „Hitze“ im Stuttgarter Schauspiel

Luce (Cora Kneisz) und Léonard (Till Krüger), zwei Verliebte? Foto: Björn Klein/Björn Klein

Am bisher heißesten Tag des Jahres ist diese Premiere über die Bühne gegangen: Das Schauspiel Nord führte mit Victor Jestins „Hitze“ in sommerliche Abgründe.

Sommer am Meer, ein Campingplatz an der französischen Atlantikküste: Badeidyll, Tanz, Unterhaltung. Für den 17-jährigen Léonard ist aber alles anders: Er hat eine Leiche in den Dünen vergraben. Oscar küsste Luce auf einer Party, Léonard sah eifersüchtig zu. Und nachts dann, beim Spaziergang über den Strand, sah Léonard zu, wie Oscar sich mit dem Seil einer Schaukel erdrosselte. Léonard kam nicht zu Hilfe, beobachtete gebannt Oscars Tod. „Er hatte es selbst getan, und, nach seinem Gesichtsausdruck zu schließen, hatte er seine Meinung vielleicht geändert. Ich rührte mich nicht.“

 

Victor Jestin, geboren 1995, wuchs auf in Nantes. „Hitze“, erschienen 2020, ist sein Romandebüt. Sarah Rindone bringt es in ihrer ersten abendfüllenden Inszenierung auf die Bühne der Spielstätte Nord des Stuttgarter Schauspiels – am bislang heißesten Tag des Jahres feiert das Stück Premiere.

Todbringende Schaukel

Veronika Scharbert hat die Bühne sparsam gestaltet: Mittig hängt die todbringende Schaukel, teilt den Raum in zwei Hälften. Links, erst noch im Dunkel, ein weißes Tuch, hoch aufgespannt, später diffus beleuchtet. Sonst nur: der leere Bühnenraum, in dem die Darsteller sich bewegen. Erst warten sie noch, lässig an die Wand gelehnt: Léonard, Luce und Louis. Louis wird sich in manchen Szenen den Kopf eines Stoffkaninchens überziehen, sich in einen Strandanimateur verwandeln. Hin und wieder treten auch Luce und Louis zurück, an Mikrofone, links und rechts der Bühne gehängt, und geben ihre Stimmen Léonards Eltern. Dazwischen: Léonard, von seiner Schuld gepeinigt und doch verliebt in Luce. Für sie, das wird ihm spät erst klar, ist er nur ein Urlaubsflirt.

Till Krüger spielt Léonard, der schüchtern ist, am liebsten klassische Musik hört, sehr eindrucksvoll; er erzählt seine Geschichte gequält oder apathisch, mit hängenden Armen. In Luces Gegenwart jedoch scheint das schreckliche Ereignis vergessen, wird er wieder ganz zum unsicheren Teenager.

Noch ein Toter?

Cora Kneisz ist Luce, strahlt ihn an, selbstbewusst, kokett, neugierig – sie reißt das Tuch vom Bühnenhimmel, es hängt nur noch an einer Ecke, die Schaukel wird von ihm verhüllt. Marius Petrenz ist Louis, Léonards bester Freund, der nichts anderes im Sinn hat, als in diesem Sommer seine Unschuld zu verlieren, der gierig durch die Seiten einer Dating-App springt, nach Partnerinnen sucht.

„Hitze“ zeigt eine fiebrige, oberflächliche Welt, die unversehens, erst noch unbemerkt, in einen Abgrund kippt. Léonard wird durch Oscars Tod von ihr abgeschnitten, findet ganz zuletzt erst, im Geständnis, zu sich selbst zurück. Zuvor kreist diese Welt beängstigend um ihn – er attackiert Louis, schlägt mit der Schaukel nach ihm, in einer explosiven Szene, Louis stürzt – hat er nun auch ihn getötet? Lichterketten flammen auf, senken sich auf die Bühne herab: dramatischer Höhepunkt eines Stückes, das ganz von seinen starken Darstellern lebt.

Hitze. Am Fr, 22., Sa, 23., Mo, 25. Juli, jeweils um 20 Uhr

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