Stühlerücken im Krankenhaus Leonberg Und noch ein Chefarzt ist plötzlich weg

Ein Bild aus dem vergangenen November: Barbara John untersucht eine Patientin mit einem Spezialgerät. Foto: Simon Granville

Der Abgang der Chefärztin Barbara John sorgt für großes Aufsehen und Unmut. Doch auch der Chef der Anästhesie muss aufhören. Was ist da los?

Leonberg: Thomas K. Slotwinski (slo)

Barbara John ist nicht die einzige Chefärztin, die das Krankenhaus Leonberg verlassen hat. Auch der Chef der Anästhesie, der erst im vergangenen August vorgestellt wurde, wird nach dem Ende seiner Probezeit nicht mehr weiterbeschäftigt. Der Klinikverbund Südwest bestätigte am Donnerstag entsprechende Informationen unserer Zeitung.

 

Dabei waren noch vor acht Monaten sowohl der Aufsichtsratsvorsitzende, Landrat Roland Bernhard, als auch der Klinikverbund-Geschäftsführer Alexander Schmidtke voll des Lobes über die Verpflichtung von Andreas Pohl: „Die hoch qualifizierte Nachbesetzung ist ein wichtiger Baustein, um das Krankenhaus Leonberg langfristig stabil aufzustellen.“ Diese Einschätzung des Landrats scheint nun nicht mehr zuzutreffen. Dem Vernehmen nach hat offenbar auch der Tonfall des ehemaligen Militärarztes, der unter anderem in Afghanistan und im Kosovo im Einsatz war, zu Dissonanzen geführt.

Einen eigenen Chef-Anästhesisten wird es in Leonberg nicht mehr geben. „Die Intensiv- und Notfallmedizin werden künftig in einer Abteilung gebündelt“, teilte der Klinikverbund unserer Zeitung mit. Damit werde „eine noch bessere Verzahnung der akutmedizinischen Leistungsangebote ebenso erreicht, wie eine erhöhte Aufnahmebereitschaft auch für schwerstkranke und verletzte Patienten.“

Im Abgang von Barbara John sieht der Klinikverbund ebenfalls keine Schwächung. Die bisherige Chefärztin der Inneren Kliniken mit Schwerpunkt Gastroenterologie hatte einen festen Patientenstamm, der weit über das Einzugsgebiet hinausreichte – und schrieb offenbar gute Zahlen. Der Klinikverbund hatte am Mittwoch die Trennung von der bundesweit renommierten Darmspezialistin nach fast zehnjähriger Zusammenarbeit bekannt gegeben, in „gegenseitigem Einvernehmen“, wie es heißt.

„Keine medizinischen Abstriche“

Es werde keine medizinischen Abstriche geben, versichert der Klinikverbund nun: „Das Krankenhaus Leonberg verfügt weiterhin über eine hohe Expertise im Bereich der Gastroenterologie, die auch künftig sehr eng mit der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie unter der Leitung von Chefarzt Wolfgang Steurer zusammenarbeitet. Die Patienten sind vollumfänglich versorgt und der bekannte Leistungsumfang wird in gewohnter Qualität angeboten“. Deshalb rechne man nicht mit „einem signifikanten Rückgang der Patientenzahlen“.

Im Gegensatz zur Position des Chefarztes der Anästhesie werde die Stelle von Barbara John neu ausgeschrieben. Ein ausgesprochener Gastroenterologe wird allerdings nicht gesucht. „Das neue Zentrum für Innere Medizin bündelt künftig die Bereiche Gastroenterologie, Onkologie und Palliativmedizin sowie Kardiologie und Geriatrie“, erläutert der Klinikverbund die geplante Umstrukturierung. Daher sei das Anforderungsprofil für die chefärztliche Zentrumsleitung „bewusst breit ausgerichtet und fokussiert neben der Expertise im Bereich der Inneren Medizin und Gastroenterologie auch den Bereich Altersmedizin.“ Positiv beurteilt der Klinikverbund die in Fachkreisen nicht unumstrittene Bestellung des Chefarztes der Zentralen Notaufnahme, Michael Baier, zum Krankenhaus-Direktor in Personalunion. „Neben der Stabilisierung der wirtschaftlichen Entwicklung“ seien die Wartezeiten der Patienten in der Notaufnahme durch ein „Fast-Track-System“ verkürzt worden.

Michael Baier, Chefarzt, der Zentralen Notaufnahme, ist gleichzeitig Klinikdirektor in Leonberg. Foto: Simon Granville

Weitaus weniger optimistisch beurteilt die Kommunalpolitik die aktuellen Entwicklungen.„Ich bedauere sehr, dass wir mit Frau Dr. John eine renommierte Chefärztin verlieren“, erklärt der Leonberger CDU-Chef Oliver Zander. Landrat Roland Bernhard müsse nun erklären, was mit den mittlerweile auf Eis liegenden Investitionszusagen in Höhe von rund 80 Millionen Euro passiert. „Im Übrigen haben wir keine Lust, die Zeche des Flugfeldklinikums zu zahlen“, sagt Zander mit Blick auf das Neubauprojekt, dessen Kosten sich in Richtung eine Milliarde Euro bewegen.

„Opfer der Flugfeldklinik“

„Die starke Gastroenterologie in Leonberg, die dem Klinikverbund jede Menge Einnahmen beschert hat, wird der Flugfeldklinik geopfert“, meint der Fraktionschef der Freien Wähler, Axel Röckle. „Leonberg wird kleingemacht und auf eine reine Geriatrie herabgestuft. Das Verhalten des Klinikverbundes ist in keiner Weise nachvollziehbar. “

„Das ist doch ein Hohn: den Abgang der renommierten Chefärztin Barbara John auch noch als Maßnahme zur Stärkung des Medizinstandorts Leonberg zu bezeichnen“, kommentiert Bernd Murschel die Personalie. „Ich erwarte vom Landkreis, dass er seine Zusage zur langfristigen Sicherung des Leonberger Krankenhauses einhält. Wohlfeile Worte und gegensätzliche Entscheidungen passen nicht zusammen“, sagt der Vorsitzende der Grünen-Fraktion.

Ähnlich sieht es Ottmar Pfitzenmaier: „Dass mit dem Ausscheiden von Barbara John eine Stärkung des Klinikstandortes verbunden ist – wie es der Klinikverbund suggeriert – halte ich für sehr weit hergeholt. Das Gegenteil dürfte der Fall sein“. Umso wichtiger ist dem Chef der SPD-Fraktion „ den lange geforderten Gesundheitscampus am Krankenhaus zu installieren“.

Verhaltener reagiert die FDP: „Es verwundert nicht, dass bei den ganzen Umstrukturierungen im Klinikverbund auch beim hoch qualifizierten Personal Lücken entstehen“, sagt der Fraktionschef Horst Nebenführ. Sein Kollege Frank Albrecht von der SALZ-Fraktion setzt „unser Vertrauen in den Klinikverbund.“ Er und seine Fraktionskollegin, die Ärztin Annette Gaber-Paul, „sehen durchaus eine positive Zukunft für unser Krankenhaus, auch wenn diese prominente Meldung natürlich aufhorchen lässt.“

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