Der VfB Stuttgart braucht einen Anführer auf dem Platz. Eine Rolle wie maßgeschneidert für Deniz Undav, der sich wieder einmal rassistischen Angriffen ausgesetzt sieht.
Fußballspiele sind gemeinhin einfach zu erklären. Vor allem aber werden sie zuallererst im Kopf gewonnen, danach kommt erst der rein sportliche Wettkampf auf dem Rasen. Und, ganz wichtig, es braucht eine gewisse Rotzigkeit, wenn man sich durchsetzen will. Das ist dem Sport immanent, war schon immer so und wird sich wohl auch nie ändern.
Etwas weniger salopp ausgedrückt: Nur wer die notwendige Attitüde an den Tag legt, wird siegen können. Solch ein Spieler ist Deniz Undav. In Istanbul bekam er von Sebastian Hoeneß rund 30 Minuten. In denen zeigte Undav genau das, was es in der Hitze einer Schlacht wie der im Sükrü-Saracoglu-Stadion braucht. Unerschrockenheit, Angriffslust, breite Brust, eine gewisse Prise Provokation – all das brachte der Stürmer auf den Platz. Attitüde eben. So zu sehen beim Wortgefecht mit Ismail Yüksek, was für beide eine Verwarnung von Schiedsrichter Jakob Kehlet zur Folge hatte. Oder bei der Rudelbildung ganz am Schluss im Verbund mit Jeff Chabot gegen Jayden Oosterwolde und Edson Alvarez.
Deniz Undav brachte die richtige Attitüde auf den Platz
Sicher, beide Situationen zogen keinen Torerfolg nach sich und man kann argumentieren, dass sie beide unnötig waren. Aber sie hatten eine Botschaft. Sie zeigten dem Gegner, dass man nicht bereit war, sich hier herumschubsen zu lassen. Genau genommen hätte es sogar an diesem Donnerstagabend noch mehr solcher Szenen und damit auch Spieler im Brustringtrikot gebraucht, die so auftreten. Zumindest wenn der VfB mit etwas Zählbarem nach Hause hätte fahren wollen. Denn in solchen Spielen setzt man sich nur durch, wenn man die sprichwörtlichen Ellbogen ausfährt.
Deniz Undav muss den VfB nun anführen. Foto: AFP
Was Undavs Auftritt auch noch mit sich brachte, waren wieder einmal rassistische Angriffe im Netz. Denen sieht sich der in Varel im Ostfriesland geborene Angreifer mit kurdisch-jesidischen Wurzeln ausgesetzt, seit er sich einst für den DFB und gegen den türkischen Verband entschieden hat. „Ich wusste, dass ich bei zwei, drei schlechten Spielen für die Türkei komplett durchbeleidigt worden wäre“, sagte er dazu. Menschen mit kurdischer Abstammung begegnet in der Türkei häufig Diskriminierung, auch in den Fußballstadien.
Hetzkampagnen gegen Undav im Netz
„War geil“, sagte Undav nach seiner Türkei-Premiere im Interview auf RTL+, „die haben nur gepfiffen und gebuht. Sowas spornt mich und uns eigentlich an, aber es hat heute leider nicht geklappt, dass wir das ummünzen konnten in Geilheit, das Spiel zu gewinnen“. In der Folge „entbrannten in den sozialen Medien erneut rassistische und antikurdische Hetzkampagnen“ gegen ihn, ließ die Informationsstelle Antikurdischer Rassismus (IAKR) und der Zentrale Menschenrechtsrat der Kurd*innen in Deutschland (ZMRK) wissen und sprach von einer „gezielten und ethisch motivierten Kampagne“ gegen Undav.
Doch unabhängig davon war zu beobachten, dass sich Stuttgarts Spiel zum Positiven veränderte in den gut 30 Minuten, in denen Undav auf dem Platz stand. Rein sportlich betrachtet. Denn der Stürmer zeigte sich immer anspielbar, sammelte gute 13 Ballkontakte ein und brachte dem VfB ganz grundsätzlich mehr Präsenz im letzten Drittel, wo es insgesamt an Punch und Durchschlagskraft mangelte.
Undav hat den Ausgleich auf dem Fuß
Und er hatte in der 82. Minute die Chance auf dem Fuß, die dem VfB Stuttgart den wohl verdienten Punkt hätte bringen können. Mit der Betonung auf hätte, Undav streichelte den Ball weit rechts am Pfosten vorbei. „Das war sicherlich unsere größte Chance im Spiel“, sagte Sebastian Hoeneß nach der Partie. „Deniz hat schon oft bewiesen, dass er solche Gelegenheiten verwandeln kann“, legte der Trainer nach und nahm seinen Stürmer, aber auch die restliche Mannschaft in die Pflicht. Man habe „schon mehr Push von außen bekommen zuletzt“, als an diesem Abend von Istanbul.
Nun kommen die beiden Duelle gegen Mainz und der VfB braucht mehr denn je einen Anführer auf dem Platz. Ermedin Demirovic wird es nicht sein können, schließlich fehlt er weiterhin verletzt. Der VfB braucht also den einen, der die Richtung vorgibt, vorangeht, seine Kollegen mitzieht. Einsatz nah am Maximum bringt, dem Gegner Grenzen aufzeigt. Im besten Fall noch das Tor trifft. Einen wie Deniz Undav.
Scheint so, als sei der Zeitpunkt gekommen, auf den der Angreifer selbst schon länger hinfiebert. „Ich war nicht zufrieden mit meiner letzten Saison“, sagte er unlängst. Er habe unter anderem „zu wenig Tore gemacht. Ich werde alles dafür geben, wieder an die gute Vizemeistersaison anknüpfen zu können“. Am besten schon am Sonntag gegen Mainz.