Stürmer des VfB Stuttgart Bouanani – das Leichtgewicht kommt nicht in Schwung
Der 21-Jährige hat den Pokalsieger viel Geld gekostet. Doch bislang bleibt der Flügelstürmer hinter den Erwartungen zurück – wir erklären warum.
Der 21-Jährige hat den Pokalsieger viel Geld gekostet. Doch bislang bleibt der Flügelstürmer hinter den Erwartungen zurück – wir erklären warum.
Er verfügt über einen linken Fuß der feinen Sorte. Das ist schnell zu erkennen bei Badredine Bouanani, wenn er den Ball elegant in einer fließenden Bewegung an- und mitnimmt, wenn er sich mit der Kugel am Fuß geschmeidig dreht oder wenn er mit viel Gefühl das Spielgerät schlenzt. Der Flügelstürmer weiß mit dem Ball umzugehen, weshalb ihn die Verantwortlichen des VfB Stuttgart im vergangenen Sommer für mehr als 15 Millionen Euro verpflichtet haben. Sie sehen das Potenzial in dem nun 21-Jährigen – und die hohe Ablösesumme als Investition in die Zukunft.
Allerdings kommt Bouanani beim VfB noch nicht so richtig in Schwung. Dennoch verbinden sich mit dem vielen Geld, das an den OGC Nizza ging, reichlich Erwartungen an den Algerier. Er soll Einfluss auf das Spiel nehmen, und es darf schon ein wenig mehr sein, als die bisher gebotenen schönen Ansätze. Trotz seiner Jugend und trotz seiner zwei Tore in der Europa League. Beim 3:0-Bundesliga-Erfolg zuletzt in Mönchengladbach gehörte Bouanani zwar erstmals von der ersten bis zur letzten Spielminute zur Siegermannschaft, doch eine nachhaltige Empfehlung für die Europacup-Begegnung am Donnerstag (21 Uhr/RTL Nitro) gegen die Young Boys Bern gab er nicht ab.
„Badredine ist jetzt ein halbes Jahr bei uns und musste innerhalb dieser kurzen Zeit zu dem Leistungsniveau in unserer Mannschaft aufschließen. Er bringt mit seiner guten Technik und seiner außergewöhnlichen Dynamik viele Qualitäten mit, die unserem Spiel gut tun“, sagt der Sportvorstand Fabian Wohlgemuth über den Anpassungsprozess, „man darf dabei gerne in die Gleichung aufnehmen, dass der Junge gerade einmal 21 Jahre alt ist und natürlich noch wesentliche Entwicklungsschritte vor sich hat. Badredine bekommt vom Trainer die Zeit und das volle Vertrauen, dass er benötigt, um für uns bald noch wirksamer zu werden.“
So hat Sebastian Hoeneß bereits vor einigen Wochen den „überragenden“ Abschluss des Angreifers gelobt, aber gleichzeitig moniert, dass Bouanani zu selten in verheißungsvolle Situationen kommt, um diese Stärke auszuspielen. Daran gelte es zu arbeiten, so der Chefcoach. Ebenso wie am Durchsetzungsvermögen. Das 1,77 Meter große Leichtgewicht (68 Kilogramm) aus Lille lässt sich in seinen Offensivaktionen noch zu oft von den Verteidigern abdrängen.
Das eine wie das andere hat auch mit Bouananis Selbstvertrauen zu tun. Er tritt noch nicht mit der Selbstverständlichkeit auf, die es braucht, um in den vorderen Reihen erfolgreich zu sein. Zu verhalten wirken seine Dribblings, zu zögerlich ist sein Entscheidungsverhalten. Ihm mangelt es gelegentlich am Zutrauen in das eigene Können. So verpasst der Techniker oft den Moment, für eine wichtige Eins-gegen-eins-Aktion oder den richtigen Pass. Dennoch ist Hoeneß von den Fähigkeiten des Talents überzeugt, sein grundsätzlicher Rat hat schon vor geraumer Zeit gelautet: „Er muss einfach schauen, dass er noch aktiver in seinem Spiel wird, er sich noch mehr Aktionen holt durch Intensität und Läufe ohne Ball.“
Zudem gibt es noch einen Bereich, in dem Bouanani trotz seiner Profi-Erfahrungen in der französischen Ligue 1 (65 Einsätze, vier Treffer, sieben Torvorlagen) kräftig lernen muss: die Defensivarbeit, die Hoeneß von seinen Offensivkräften einfordert, um das anspruchsvolle VfB-System mit Ballbesitz und Gegenpressing umsetzen zu können. Noch klemmt der Rückwärtsgang bei Bouanani immer mal wieder. Nicht, weil er sich verweigert, sondern vielmehr, weil er diese Art des Fußballs bisher nicht gewohnt war. Er ist in Frankreich geboren und sozialisiert, wo ein anderes Spiel vermittelt wird.
Diese neuen Anforderungen zu verinnerlichen, braucht Zeit und gehört zum Reifeprozess, den Bouanani aktuell durchläuft und vor ihm bereits prominente Profis wie Enzo Millot oder Nick Woltemade hinter sich bringen mussten. Der Algerier hat außerdem wohl das Pech, dass er in der öffentlichen Bewertung gerne mit Bilal El Khannouss verglichen wird. Weil beide auf den letzten Drücker vom VfB verpflichtet wurden und weil beide ähnliche persönliche und fußballerische Wurzeln aufweisen. Der große Unterschied am Neckar: der Marokkaner El Khannouss hat auf Anhieb seine Rolle gefunden und sich als Schlüsselspieler entpuppt.
Bouanani sucht dagegen noch die Leichtigkeit und seinen Platz in einer Mannschaft, die große Ambitionen hegt und über eine klare Struktur verfügt. In der Kabine sitzen dabei eine Reihe von Nationalspieler, die den Ton angeben. Zum Beispiel Deniz Undav, Angelo Stiller und Jamie Leweling – das macht Eindruck auf den zurückhaltenden jungen Mann mit der Rückennummer 27. Eine Charakterfrage, die Bouanani jedoch nicht darin hindern soll, die Gegner zu umkurven und vorwärts zu kommen. Beim VfB will man die nötige Geduld dazu aufbringen, damit sich aus dem vorhandenen Potenzial schon bald eine neue Qualität ergibt.