Der VfB-Stürmer Deniz Undav braucht sich in der Nationalmannschaft hinter niemandem zu verstecken. Foto: IMAGO/DeFodi Images
Julian Nagelsmann hält den Angreifer für unverzichtbar – doch in Stuttgart stellt man sich die Frage, zu welchen Bedingungen verlängert werden soll. Das sind die Knackpunkte.
An Fußball-Ideen mangelt es Julian Nagelsmann ja nicht. Und mit Blick auf den Angriff der deutschen Nationalelf hat der Bundestrainer eine klare Vorstellung: Kai Havertz als spielender Mittelstürmer, unterstützt von den unwiderstehlichen Jamal Musiala und Florian Wirtz. Sechs Zauberfüße, welche die Fantasie anregen und die gegnerischen Verteidigungsreihen schwach aussehen lassen.
Allerdings ist Nagelsmann seit der Heim-EM 2024 ständig die Realität dazwischen gegrätscht. Havertz und Musiala waren häufig verletzt und Wirtz musste sich durch ein Formtief dribbeln. Also sind Alternativen gefragt – und dabei hat sich wieder Deniz Undav in den Fokus des Bundestrainers geschossen. „Er hat eine Superquote“, sagt Nagelsmann, „einen Stürmer mit dieser Quote kann man nicht zu Hause lassen.“
Das klingt gut für den Angreifer des VfB Stuttgart und nährt die Hoffnung auf Undavs erste WM-Teilnahme im Sommer. Mit 23 Saisontreffern und 13 Torvorlagen in 38 Pflichtpartien hat er zuletzt beste Argumente für eine Nominierung geliefert. Er ist der erfolgreichste deutsche Stürmer und beim VfB seit Monaten der große Unterschiedsspieler. Dazu besetzt Undav die Rolle des Publikumslieblings und ist sogar auf dem besten Weg schwäbisches „Kulturgut“ (Sportvorstand Fabian Wohlgemuth) zu werden.
Doch während sich Undav in Herzogenaurauch mit der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) auf die Test-Länderspiele an diesem Freitag (20.45 Uhr/RTL) in Basel gegen die Schweiz und am Montag (20.45 Uhr/ARD) in Stuttgart gegen Ghana vorbereitet hat, wird im Hintergrund über seine Zukunft diskutiert. Denn der Vertrag läuft 2027 aus und der VfB will möglichst ein Jahr vorher Klarheit schaffen, um einem ablösefreien Abgang vorzubeugen. Erste Sondierungsgespräche zwischen beiden Parteien hat es bereits gegeben – und die Bereitschaft, das Engagement im Trikot mit dem Brustring zu verlängern, ist vorhanden. Nur: um welchen Preis? Undav gehört mit einem Jahresverdienst von knapp viereinhalb Millionen Euro zu den Spitzenverdienern beim VfB. Dieses Gehalt möchte er am liebsten erhöht wissen, garniert mit einem langfristigen Arbeitspapier.
Der frühere Stuttgarter Nick Woltemade ist beim DFB einer von drei Kandidaten für die Mittelstürmerposition. Foto: IMAGO/DeFodi Images
Undav-Verlängerung nicht um jeden Preis
Doch an der Mercedesstraße stellen sich die Verantwortlichen gleichzeitig die Frage, zu welchen Konditionen sie verlängern sollen. Nicht um jeden Preis lautet die Antwort, da Undav im Juli 30 Jahre alt wird, sein Marktwert sich kaum steigern lässt und ihn Zweifel begleiten, ob er sein Leistungsniveau im höheren Fußballalter halten kann. Eine Vertragslaufzeit mit Option ist da denkbar.
Das alles kann beim VfB in ein Dilemma oder zumindest in schwierige Verhandlungen führen. Vor allem wenn Undav im Verein weiter auftrumpft und im Verbandsdress überzeugt. Dafür kämpft der Stürmer, der einen „Maßnahmenkatalog“ des Bundestrainers erfüllt hat. Bereits im vergangenen Dezember hatte Nagelsmann dem Stuttgarter mitgeteilt, was er – außer Tore zu erzielen – zu tun hat, um wieder für die Nationalmannschaft berücksichtigt zu werden.
Welche Hausaufgaben Undav vom Bundestrainer erhalten hat, ist nicht bekannt. Vermutlich ging es aber darum, dass er sich körperlich in Schuss hält und weiter an seiner Athletik arbeitet, da es ansonsten an den mächtigen Abwehrspielern dieser Welt kein Vorbeikommen gibt. Auch nicht, wenn man Undav heißt und ein Instinktfußballer ist, der sich schlau zwischen den Verteidigungslinien und Abwehrbeinen bewegen kann.
Für Undav ist das keine große Sache gewesen, da er sich schon zu Saisonbeginn beim VfB in bester Verfassung präsentiert hatte und er laut Nagelsmann „auf seine charmante Art gemeint hat: Ruf mich erst zur Nominierung wieder an!“ Dieses Telefonat ist erfolgt und nun geht es auch darum, welche Rolle Undav im DFB-Team einnimmt. Denn über ein reichliches Angebot an Mittelstürmern verfügt Nagelsmann nicht.
Neben Undav und Havertz ist da nur noch Nick Woltemade zu nennen. Alle drei verbindet, dass sie keine klassischen Mittelstürmer verkörpern und lieber aus der Tiefe des Raumes in den Strafraum vorstoßen. Zudem ringt der Ex-Stuttgarter Woltemade bei Newcastle United um Einsatzzeiten und Tore. Havertz spürt nach seinem Comeback beim FC Arsenal, dass er noch nicht voll auf der Höhe ist. „Es ist klar, dass ich noch das ein oder andere Spiel brauche, um wieder auf hundert Prozent zu kommen“, sagt der 26-Jährige. Und Undav bleibt Undav. Für Nagelsmann könnte sich somit noch eine schöne Tüftelei für das Sturmzentrum ergeben.