Stuttgart - Es gibt auch in gerade in Corona-Zeiten viele Gründe, am Profifußball zu verzweifeln: die anmaßende Selbstverständlichkeit, mit der die Branche seit Monaten Sonderrechte in Anspruch nimmt; die unveränderte Gier, obwohl zu Beginn der Krise neue Bescheidenheit und Demut versprochen wurde; die grotesken Flugreisen kreuz und quer über den Kontinent, mit denen die Europapokal-Teilnehmer die Pandemie-Regeln umgehen; die irrwitzigen Intrigen in der Führung des VfB Stuttgart, bei dem der große Machtkampf noch lange nicht zu Ende scheint.
Beim VfB gibt es aber auch einen Grund zur Hoffnung, dass im Profifußball – ganz unabhängig von Corona – noch nicht alles verloren ist. Er heißt Sasa Kalajdzic und hat beim 1:1 bei Eintracht Frankfurt in seinem 23. Saisonspiel sein zwölftes Tor erzielt.
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Es ist eine herausragende Quote für einen Bundesliganeuling – doch daran alleine liegt es keineswegs, dass der 23 Jahre Mittelstürmer aus Österreich nicht nur für den VfB ein Glücksfall ist, sondern für die ganze Liga. Sasa Kalajdzic erinnert daran, was in diesem schönen Sport noch immer im Mittelpunkt stehen sollte: der Spaß am Spiel, der Mannschaftsgeist, das Fair Play, die Nähe zu den Fans. Er ist ein Sympathieträger, der sich nicht anstrengen oder gar verstellen muss, um in jene Rolle zu schlüpfen, die Fußballprofis ursprünglich zugedacht war, für die aber die wenigsten Spieler taugen: die Rolle des Vorbilds.
Seine alten Schulfreunde verstehen nichts vom Fußball
Sasa Kalajdzic ist bewusst, dass er privilegiert ist und seinen Traum leben darf, er ist dafür sehr dankbar. Mit unerschütterlichem Optimismus kämpfte er sich zurück, nachdem er im vergangenen Sommer, kurz nach seinem Wechsel zum VfB, einen Kreuzbandriss erlitten hatte. Er weiß, dass das Leben nicht nur aus Fußball besteht – schließlich wurde er nicht von klein auf in einem Nachwuchsleistungszentrum sozialisiert, sondern kickte noch als 18-Jähriger in der Wiener Stadtliga, ging auf die Höhere Technische Lehranstalt und ist bis heute mit seinen Mitschülern von damals befreundet, die vom Fußball nichts verstehen.
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Wohl auch deshalb verzichtet Sasa Kalajdzic in Interviews dankenswerterweise auf den gängigen Kanon der in Medienseminaren vermittelten Fußballphrasen – und besticht stattdessen mit entwaffnender Offenheit und unnachahmlichem Wiener Schmäh. Seinen Dank an Torwart Gregor Kobel, der beim 5:1 vergangene Woche gegen Schalke 04 einen Elfmeter gehalten hatte, formulierte er so: „Ich küss’ deine Augen!“ Die Füße von Kalajdzic möchten derweil immer mehr VfB-Fans küssen – in Frankfurt traf er im sechsten Spiel hintereinander und konnte es selbst kaum glauben: „Ich dachte: geil, isser wieder drinnen!“
Man kann nur fest hoffen, dass der Österreicher von weiteren Verletzungen verschont und dem VfB noch lange erhalten bleibt; dass es ihm auch mit steigender Popularität gelingt, sich seine Natürlichkeit, seinen Humor und seine Unbekümmertheit zu bewahren; und dass nicht auch er sich verderben lässt von einem Business, in dem es nur um eines geht: die möglichst schnelle Geldvermehrung. Die Chancen scheinen gut zu stehen, auch wenn am Horizont bereits dunkle Wolken aufziehen: Andere Clubs sollen an Sasa Kalajdzic interessiert sein, darunter RB Leipzig.