Stuppacher Madonna Himmlische Schönheit

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Die vergangenen Jahrhunderte haben ihr viele Wunden beigebracht. Jetzt wird die Stuppacher Madonna in der Kurklinik des Landesamts für Denkmalpflege behandelt.

Ein Meisterwerk der Gotik auf 186 x 150 Zentimeter Foto: Matthias Grünewald
Ein Meisterwerk der Gotik auf 186 x 150 Zentimeter Foto: Matthias Grünewald

Esslingen - Die stille Würde. Die Pracht ihres Haares, das wie eine Woge aus purem Gold über das reich verzierte Gewand fließt. Die geheimnisvolle Haltung der Hände und Finger. Ihr selbstvergessenes Lächeln.

Im Januar wurde die fast lebensgroße Stuppacher Madonna, eingesperrt in eine schwingungsgedämpfte, klimatisierte und feuerfeste Kiste, nach Esslingen gebracht. Seitdem ist sie, festgeschnallt auf einer drehbaren Halterung, bei den plastischen Chirurgen des Landesamts für Denkmalpflege. Der Raum, in dem sie behandelt wird, ist technisch-nüchtern. Doch Matthias Grünewalds gotische Schönheit verleiht auch diesem OP-Saal für Kunst etwas Feierliches, durch ihre bloße Präsenz.

„Selbst bei schwacher Beleuchtung scheint sie zu strahlen, ihre Lichtwirkung hat was Überirdisches“, sagt die Restauratorin Annette Kollmann, die sich mit einer Kollegin um die Madonna kümmert. Sie haben schon Werke aus der Rubens-Schule restauriert, von Cranach und von Riemenschneider. „Aber das hier ist etwas ganz Besonderes.“

Alle zwei Monate schaut eine Kommission aus Kunstprofessoren, Restauratoren, Vertretern der Pfarrgemeinde Stuppach und der Diözese Rottenburg nach der mit einem zweistel­ligen Millionenbetrag versicherten Patientin. Sie wollen sehen, wie die Genesung verläuft. Im November soll die Madonna ins Taubertal zurückkehren, wo sie hingehört. In der Kapelle des 700-Seelen-Dorfs Stuppach bei Bad Mergentheim findet sie hoffentlich wieder Ruhe.

Glanzstück im Semperbau

Im vergangenen Jahr war das Bild Glanzstück der Ausstellung „Rafael, Dürer und Grünewald malen die Madonna“ der Vatikanischen Museen und der Galerie Alte Meister im Dresdner Semperbau. So weit war sie noch nie weg. Strapaziös für eine 500 Jahre alte und ohnehin schon reichlich angeschlagene Dame.

Andreas Menrad, der Chefrestaurator beim Landesamt für Denkmalpflege, hatte sich lange gegen ihre Reise gewehrt. Am Ende willigte er ein – unter der Bedingung, dass die Madonna gleich danach zu ihm nach Esslingen kommt und er sie dort gründlich kurieren kann. 200 000 Euro kostet der Eingriff. Zugleich wird die Stuppacher Kapelle mit modernster Klimatechnik ausgestattet. 60 Prozent Luftfeuchtigkeit tun der wundersamen Maria gut.

Die Röntgenaufnahmen hat sie schon hinter sich. Alte Fraßgänge der Würmer kamen ans Licht, ins Holz geschlagene Nägel und der Unterbau aus Tanne, auf den Grünewald mit tierischem Leim ein Betttuch klebte und dann die Grundierung aus Champagnerkreide auftrug. Mit Hilfe des Röntgenbildes konnte das Rätsel einer Blasenbildung neben Mariens Mantel gelöst werden. Direkt darunter ist ein Ast, der hat im Lauf der Jahrhunderte geschafft und geschafft – und die Farbe gelupft.

500-fach vergrößert verwandeln sich die haarfeinen Risse im Gemälde zu einer zerfurchten Landschaft. Unter dem Mikroskop werden Farbpigmente zu Blutkörperchen: rotes Zinnober wurde entdeckt, grünes Malachit, blaues Azurit. Solche Erkenntnisse sind wichtig für die Zusammensetzung des Lösungsmittels, mit dem Maria verarztet wird. Man will sie ja nicht zu Abwehrreaktionen provozieren.




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