Sturm auf die Bastille Bollwerk der Tyrannei

Die Erstürmung der Bastille am 14. Juli 1789 Foto: imago

Erst Festung gegen die Engländer, später Staatsgefängnis – jahrhundertelang gilt die Bastille den Franzosen als steingewordene Willkür. Doch als die Revolutionäre den Bau 1789 stürmen, finden sich dort nur noch wenige Gefangene.

Der 14. Juli 1789 markiert eine Zeitenwende. Mit dem Sturm auf die Bastille, Symbol für Willkür und Unterdrückung des absolutistischen Frankreichs, begann die Französische Revolution, die das Ancien Regime hinwegfegte und aus Untertanen mündige Bürger machte. Umso überschwänglicher feierten bereits die Zeitgenossen dieses Ereignis, mit dem das Volk das Joch der Despotie abschüttelte.

 

Doch als der aufgebrachte Mob an jenem heißen Sommertag den gewaltigen Kerkerkoloss einnahm, befanden sich dort gerade einmal sieben Gefangene: vier Falschmünzer, zwei Geisteskranke und ein wegen Inzest einsitzender Häftling. Das passte so gar nicht in das Narrativ einer großen Befreiungsgeschichte von staatlicher Willkürherrschaft.

Fiktiver Gefangener in der Bastille

Also schuf man kurzerhand den idealen Gefangenen für jenen grässlichen Ort, an dem Frankreichs Potentaten unliebsame Geister wegsperren ließen. Mehr als 30 Jahre, so erzählte man sich bald, habe der Comte de Lorges, ein republikanisch gesinnter Adliger, in einem dunklen Loch der Bastille zugebracht, nur weil er es gewagt hatte, das Machtgebaren der königlichen Mätresse anzuprangern.

Auch wenn ein Häftling mit diesem Namen nie in der Bastille eingesessen hat, so schien dessen Schicksal wie dafür geschaffen, das Bild von der Bastille, das sich schon vor der Revolution in den Köpfen festgesetzt hatte, zu zementieren.

Schutz für die Flanke der Hauptstadt

Mit der Realität und der Geschichte der Institution hatte das Ganze aber nur bedingt zu tun. Ursprünglich war die Bastille als Festungsanlage gebaut worden. Anno 1369 – der Hundertjährige Krieg ist gerade einmal 30 Jahre alt – erteilt Frankreichs König Karl V. dem Stadtvogt von Paris, Hugues Aubriot, die Order, an der Porte St. Antoine mit dem Bau einer Befestigung zu beginnen.

Sie soll die unzureichend geschützte Ostflanke der Hauptstadt gegen die Engländer schützen, die seit 1347 mit Calais einen strategisch wichtigen Brückenkopf in Nordfrankreich besetzt halten. Am 22. April 1370 wird der Grundstein für die „Bastide Saint-Antoine“, die spätere Bastille, wie man ein mit Türmen versehenes Schloss damals nennt, gelegt.

Erbauer landet im Kerker der Bastille

Nach 13-jähriger Bauzeit ist die Festung fertiggestellt. Doch sie dient nicht nur der Landesverteidigung. Schon bald verschwinden hinter ihren Mauern auch Franzosen. Als einer der ersten ihr Erbauer, Hugues Aubriot, der wegen angeblicher Gotteslästerung eingekerkert wird. In den 1470er Jahren sind es die Grafen von Armagnac, deren Vergehen darin bestand, dass sie als mächtige Würdenträger dem Monarchen, Ludwig XI., zu mächtig wurden. Ein Schicksal, das mehr als 200 Jahre später auch Frankreichs Finanzminister Nicolas Fouquet unter Ludwig XIV. widerfahren wird.

Nach dem Ende der Kämpfe gegen die Engländer verliert die Trutzburg ihre ursprüngliche Funktion. Fortan dient sie als Munitionsmagazin und Getreidelager, aber auch als Staatsarchiv und Schatzkammer. Dann aber, zu Beginn des 17. Jahrhunderts, beginnt Richelieu, Frankreichs allmächtiger Minister, hier politische und militärische Gefangene unterzubringen, die ihm gefährlich erscheinen.

Seine Majestät duldet keine Kritik

Ein Vorgehen, das Schule macht. Unter Ludwig XIV., dem Sonnenkönig, nimmt die Bastille viele Protestanten, Autoren, Buchdrucker und Buchhändler auf – Seine Majestät duldet keinerlei Kritik. Die Bastille wird nun endgültig zu dem, wofür sie gemeinhin bekannt ist – zum Staatsgefängnis des absolutistischen Machtapparats.

Hier liegt auch der Grund dafür, warum die Bastille vor der Revolution zum Symbol für die despotische Allmacht wurde. Unzählige Namenlose verschwanden in den kommenden Jahren unter geheimnisvollen Umständen hinter ihren Mauern. Begünstigt durch ein Justizsystem, das unliebsame Personen ohne Verfahren auf unbestimmte Zeit inhaftierte. Allerdings bestand die Mehrzahl der rund 6000 Häftlinge, die die Bastille bis 1789 zählte, keineswegs aus gewöhnlichen Gefangenen.

Voltaire sitzt gleich zweimal ein

Das Bollwerk des Absolutismus beherbergte meist Gegner des feudalen Systems wie den scharfzüngigen Voltaire, der gleich zweimal einsaß, weil er Spottverse auf Adel und Klerus dichtete; adlige Tunichtgute wie den Marquis de Sade, den seine Schwiegermutter wegen seines lasterhaften Lebenswandels denunziert hatte. Oder jenen ominösen „Mann mit der eisernen Maske“, der alle Annehmlichkeiten genoss und hinter dem die neuere Forschung einen geheim gehaltenen Bruder des Königs vermutet.

Überhaupt lebten manche der Insassen dort recht kommod, andere unter erbärmlichsten Umständen – denn auch in der Bastille galt die Zweiklassengesellschaft. In den acht Türmen standen 40 Kerker zur Verfügung oder eher Zimmer für höhergestellte Arrestanten, die sich den Raum nach eigenem Gusto gestalten und sich auf Staatskosten mit erlesenen Speisen beliefern lassen konnten. Weniger komfortabel ging es in den 19 Fuß tief unter dem Festungshof liegenden Verliesen zu, in denen die Gefangenen auf verfaultem Stroh zwischen Ratten und Kröten vegetierten.

Verhängnisvolles Zögern

Vielleicht wäre die Geschichte ganz anders verlaufen, wenn Ludwig XVI. nicht so beratungsresistent gewesen wäre. Gab es doch schon 1784 Überlegungen, das im Volk verhasste Bauwerk abzureißen. Doch der entscheidungsschwache Monarch zögert – bis es zu spät ist und der Volkszorn sich an jenem 14. Juli 1789 gegen das weithin sichtbare Menetekel des Systems richtet.

Schon zwei Tage nach der Erstürmung beginnt das revolutionäre Frankreich mit der Demontage des feudalistischen Bauwerks. Unter der Leitung des Unternehmers Pierre-François Palloy machen sich Tausende Arbeiter mit Hammer und Spitzhacke an die Vernichtung des monströsen Kerkerkolosses. Stück um Stück zerlegen sie dessen Gemäuer, fertigen aus den abgetragenen Steinen Miniaturen und verschicken Bruchstücke des Schandmals, wie 300 Jahre später im Falle der Berliner Mauer, in alle Welt.

Reste als Touristenattraktion

Im Oktober 1790 steht von dem ehemals steinernen Koloss nur noch ein 50 Zentimeter hoher Mauerrest, den man ausländischen Besuchern quasi als Touristenattraktion präsentiert, bis bald darauf auch die letzten Relikte abgetragen werden. Die Bastille war somit aus den Augen verschwunden, aber nicht aus dem Sinn. Sie war zwar aus dem Raum entfernt, wurde aber nun Gegenstand zahlreicher Geschichten – und letztlich zur Metapher für das absolutistische Unrechtssystem.

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