Die Brücken in der Stadt entwickeln sich zunehmend zu Sorgenkindern: die Überführungen sind häufig so in Mitleidenschaft gezogen, dass sie entweder nur eingeschränkt nutzbar sind, wie die Löwentorbrücke, auf der für Stadtbahnen und Autos Tempolimits gelten, oder sie müssen gleich ganz abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden, wie die Rosensteinbrücke für die Autos. Deren Namenszwilling für den Eisenbahnverkehr, ein paar hundert Meter flussaufwärts, fällt hingegen weder in die eine noch in die andere Kategorie. Bei ihr ist die Zukunft aber ebenfalls ungewiss – jedoch aus anderen Gründen.
Und wieder hängt’s an Stuttgart 21
Die Unwägbarkeiten beginnen bereits mit der Frage, ab wann die Eisenbahnbrücke über den Neckar nicht mehr für ihren heutigen Zweck genutzt wird. Die Gleise können abgebaut werden, wenn der Durchgangsbahnhof von Stuttgart 21 vollständig in Betrieb ist. Dann nutzen die Züge die neue, direkt neben der bisherigen Brücke gebaute Verbindung über den Neckar. Nach einer neuerlichen Verschiebung will die Bahn den neuen Bahnhof und die dazugehörigen Strecken im Dezember 2026 eröffnen. Allerdings ist dieser Termin mehrfach verschoben worden. Zudem mehren sich die Stimmen, die einen zusätzlichen, dauerhaften Erhalt der oberirdischen Gleisanlagen fordern.
Die Brücke gehört der Bahn. Was nach der Außerdienststellung geschieht, kann sie entscheiden. Allerdings spricht auch die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes ein Wort mit. Mit der besteht eine sogenannte Kreuzungsvereinbarung, denn die Bahn überquert die Wasserstraße Neckar. Bereits im Jahr 2022 gab es im Stuttgarter Gemeinderat eine Diskussion darüber, ob sich dieses Kreuzungsrecht alleine auf die Brücke als Anlage der Bahn beschränkt und es bei einer Änderung der Nutzung – etwas als Fuß- und Radwegbrücke – neu ausgehandelt werden müsste.
Der Willen zum Erhalt ist da
Am Willen wird es im Rathaus nicht scheitern. „Wir wollen die alte Eisenbahnbrücke erhalten. Wie auch immer – ob kompletter Erhalt, Teilerhalt oder Neubau, denn das ist Teil der Planungen zum Rosenstein“, sagt Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Er verweist auf die Pläne, einen Radweg durch den an die Brücke anschließenden Tunnel zu führen, der dann weiter entlang der Kante des Unteren Schlossgartens in Richtung Innenstadt verläuft.
Klar ist schon heute, dass für das dann zu erwartende Radleraufkommen der neue Steg, der unter der neuen Bahnbrücke ist, nicht ausreichen wird. Deswegen will die Stadt eine Studie erstellen lassen, wie die Zweiradfahrer über den Neckar kommen. Drei Szenarien sind denkbar: man knappst auf der König-Karls-Brücke Platz bei den Autofahrspuren ab, man reißt die alte Bahnbrücke ab und baut eine neue Neckarquerung für Radfahrer – oder man erhält das Bauwerk aus dem Jahr 1911 und richtet es für Radler und Fußgänger her.
Erste Ideen sind zehn Jahre alt
Wenn es nach Frank Schächner geht, wird es die Variante mit dem Erhalt der bisherigen Bahnbrücke. Der Mann weiß, wovon er spricht. Er ist Brückenbauingenieur beim renommierten Stuttgarter Büro Schlaich Bergermann Partner (sbp). In dieser Eigenschaft verantwortete er den Bau der neuen Bahnbrücke und hat sich dabei ins Nachbarbauwerk verguckt. Erste Ideen für eine Nachnutzung hat er beim „Cities for Mobility“-Symposium im Rathaus dargelegt. „Das war 2014“, sagte Schächner vor Kurzem bei einem gut besuchten Vortrag beim Schwäbischen Heimatbund, der die etwas erlahmte Diskussion über die Brückenzukunft wieder ankurbeln wollte.
Sanierung günstiger als Abriss
Schächner präsentierte Bilder, die zum einen das Potenzial deutlich machen, das in den 6000 Quadratmeter großen Brückenoberseite schlummert, und zum anderen Wege aufzeigen, wie der Konflikt mit der Schifffahrtsverwaltung zu entschärfen ist. Die will – allerdings erst bis zum Jahr 2050 – die Schleusen am Neckar ausbauen. Dem wäre ein Teil der kühn geschwungenen Brückenbögen im Weg, was sich aber durch eine andere Gestaltung des Überbaus lösen ließe, wie Schächner sagte. Vom derzeitigen Zustand dürfe man sich nicht täuschen lassen. „Die Brücke hat Patina bekommen. Das sind aber nur optische Mängel“. Eine Sanierung des Bauwerks sei günstiger als ein Abriss.