Stuttgart 21 auf den Fildern „Massive Eingriffe in den S-Bahn-Verkehr sind alternativlos“

Matthias Breidenstein wird am 18. Februar mit den Filderstädtern diskutieren. Foto: Thomas Krämer

Dass der S-Bahn-Halt Filderstadt-Bernhausen für ein Jahr vom Netz abgehängt werden soll, lässt die Emotionen hochkochen. Matthias Breidenstein von der Bahn hofft auf eine intensive, sachliche Diskussion.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Filderstadt - Diese Nachricht war für viele Menschen aus Filderstadt ein Schock: Im Dezember 2018 wurde bekannt, dass die S-Bahn-Strecke nach Filderstadt im Zuge der Umbauarbeiten am Flughafen für ein Jahr komplett gesperrt werden soll. Matthias Breidenstein, technischer Leiter für den Flughafenabschnitt bei der Projektgesellschaft Stuttgart-Ulm, räumt ein, dass dies ärgerlich ist. Er sagt aber auch, dass es unerlässlich sei.

 

Herr Breidenstein, wie viele Pendler benutzen die S-Bahn zwischen Flughafen und Bernhausen am Tag?

Eine Zählung der DB Regio im Jahr 2018 ergibt an normalen Werktagen im Mittel rund 4500 Fahrgäste je Richtung. Da sind natürlich Peaks drin. Die Spitze morgens dürfte bei rund 600 Fahrgästen pro Stunde liegen.

Hat sich diese Zahl in den vergangenen fünf Jahren merklich verändert?

Wir haben einen positiven Trend, über die vergangenen fünf Jahren eine Steigerung von etwa 13 Prozent. Im Jahr 2014 waren es rund 2,2 Millionen Fahrgäste, in 2018 etwa 300 000 mehr. Das zeigt, wie attraktiv die Verbindung von Filderstadt zum Flughafen und weiter ins S-Bahn-Netz und in den Talkessel ist.

Seit wann ist der Bahn bekannt, dass Filderstadt für ein Jahr vom S-Bahn-Netz abgehängt werden muss?

Einmal ist ganz wichtig: Wir hängen Filderstadt nur an den letzten zwei Stationen von der S-Bahn ab, ansonsten ist Filderstadt weiterhin mit der S-Bahn angebunden, entweder über Echterdingen oder einen Interimshalt am Flughafen. Unser Ziel ist, Filderstadt über einen gut funktionierenden Schienenersatzverkehr direkt an die Linien S 2 und S 3 anzubinden.

Und seit wann wusste die Bahn nun, dass die Sperrung nötig ist?

Das Ganze ist ein komplexes Vorhaben, es ist klar, dass wir das nicht am 18. Dezember entwickelt und am 19. Dezember präsentiert haben. Die ursprünglich beantragte Planung hätte den S-Bahn-Betrieb zum Flughafen und nach Filderstadt-Bernhausen über dreieinhalb Jahre hinweg an 400 bis 500 Tagen immer wieder stark beeinträchtigt – mit wochenlangen Vollsperrungen, Wochenendsperrungen und nächtlichen Sperrpausen, bei denen wir nicht hätten garantieren können, dass dann tatsächlich am nächsten Morgen wie geplant auch Züge fahren. Um sicher bauen zu können, sind diese Sperrpausen nötig, da darf kein Zug fahren. Wir hätten schlicht die Zuverlässigkeit des ÖPNV-Betriebs nicht mehr gewährleisten können. Daraus ergab sich die Überlegung für eine andere Lösung. Dieser Prozess hat etwa ein Jahr gedauert.

Damit haben Sie also 2018 zugebracht?

Ja, wir reden über einen Prozess, der etwa von Anfang 2018 bis jetzt gedauert hat. Es wird immer kritisiert, wie wir kommuniziert haben, dass das viel zu spät war. Ich will darauf hinweisen: Formal korrekt war unser erster Ansprechpartner zunächst der Aufgabenträger der S-Bahn, der Verband Region Stuttgart. Die Kommunikation zielte auf den 19. Dezember ab, weil da der Verkehrsausschuss des Verbands tagte. Danach konnten wir mit anderen in Gespräche eintreten.

Aus Filderstadt ist zu hören, die S-Bahn-Sperre sei den Stadträten vor den Latz geknallt worden. Verstehen Sie den Unmut?

Ich kann das durchaus verstehen. Aber: Ich habe OB Christoph Traub am 10. Dezember persönlich angesprochen und um ein vertrauliches Gespräch gebeten, über dessen Inhalte ich nicht vor dem 19. Dezember sprechen kann. Am 19. Dezember war ich bei OB Traub, und er hat gesagt: Danke für die Information, aber bitte erklären Sie uns das noch im Gemeinderat. Dass er nicht erfreut war, ist nachvollziehbar. Aber er hat es erst mal sachlich, objektiv aufgenommen.

Ist es korrekt, dass das Jahr der Sperre das Jahr 2022 sein wird?

Wir sind in einem Planrechtsverfahren und wollen nicht spekulieren, wann wir endgültig Baurecht haben. Die Verfahren dauern oft länger, als wir uns das wünschen, zumal es wieder Klagen geben könnte. Was ich sagen kann: Sobald wir endgültig Baurecht haben, brauchen wir etwa 18 Monate Vorbereitungszeit, bis die angedachte Vollsperrung greift.

Besteht die Gefahr, dass sich das Jahr verlängert?

Erstens, die Gefahr gibt es immer. Zweitens haben wir gewisse Prämissen und Hoffnungen, die das Jahr verkürzen könnten. Wir würden gerne rund um die Uhr bauen. Das wollen wir so beantragen. Da fließen aber lärmschutzrechtliche und arbeitsrechtliche Aspekte ein. Wir haben einmal 80, einmal 100 Meter für die Einschleifung der Gleise zu bauen. Wir sind optimistisch, dass das binnen eines Jahres zuverlässig machbar ist.

Es heißt, es würden fahrgastfreundliche und leistungsfähige Ersatzverkehre eingerichtet. Geben Sie den Pendlern dafür Ihr Wort?

Das ist klar unser Ziel. Wir haben schon früh mit den Projektpartnern über die geänderte Bauweise und die Konsequenzen gesprochen. Sie haben gesagt: Können wir nachvollziehen, aber weist uns bitte nach, wie ihr die Erreichbarkeit von Flughafen und von Filderstadt regelt. Wir haben die Aufgabenstellung für ein Gutachten des Verkehrswissenschaftlichen Instituts der Uni Stuttgart miteinander abgestimmt. Das Gutachten belegt, dass eine vernünftige Erreichbarkeit gegeben ist. Der Vorteil einer einjährigen Vollsperrung im Vergleich zu über dreieinhalb Jahre laufenden Teilsperrungen ist: Wir können das Schienenersatzverkehrssystem viel besser auf die Bedürfnisse abstimmen.

Es dürfte eine Herausforderung sein, einen Ersatzverkehr einzurichten. Die Straßen sind zu Stoßzeiten gestopft voll. Wie sollen die Busse ihren Fahrplan einhalten?

Dort werden ja auch derzeit Buslinien angeboten. Und auch diese haben Fahrpläne, die so gut wie möglich eingehalten werden.

Na ja, genau das ist derzeit ein Thema. Busfahrgäste klagen über unpünktliche Busse, und die Bahn, deren Tochter Friedrich-Müller-Omnibus die Busse betreibt, verweist auf die angespannte Verkehrslage.

Ja, ich glaube Ihnen das. Aber wir als Bahn können nichts dafür, dass es ein ohnehin überlastetes System gibt. Das Gesamtproblem Verkehrsinfarkt auf den Fildern können wir als Bahn nicht lösen. Aber mit diesem Projekt, wenn’s dann umgesetzt ist, zur Lösung beitragen. Während der Umsetzung müssen wir um Verständnis bitten, dass dadurch zusätzliche Probleme entstehen. Wir haben den Auftrag aller Projektpartner, diese Verkehrsdrehscheibe auf den Fildern vertragsgetreu in dieser Form umzusetzen. Da sind massive Eingriffe in den S-Bahnverkehr alternativlos.

Die Filderstädter Kommunalpolitiker sind nicht gewillt, die einjährige Sperrung einfach hinzunehmen. Wie werden Sie sie denn am 18. Februar bei Ihrem Besuch im Gemeinderat überzeugen?

Indem ich versuche, zu erläutern, warum wir das Ganze machen. Das ist ja nicht aus Spaß an der Freud, oder weil wir jemanden ärgern wollen. Wir müssen den Vertrag umsetzen. Da ist im Moment eine hohe Emotionalität drin. Deshalb ist der erste Ansatz, mit echten Fakten zu erläutern, was passiert und warum es passiert. Ich hoffe, dass wir hier in eine konstruktive, wohl auch intensive Diskussion im Gemeinderat kommen. Aber der stellen wir uns.

Ist denkbar, den Filderstädtern zu versprechen, dass man die Sperre nutzt, um den Bahnhof in Bernhausen für die Verlängerung nach Neuhausen umzubauen?

Was wir nicht selber in der Hand haben, was aber auch schon in Gesprächen mit dem Verband Region Stuttgart andiskutiert worden ist, ist das Thema: Was passiert mit der S-Bahn-Verlängerung von Filderstadt Richtung Neuhausen? Da sind ja auch ganz massive Anpassungen am Bahnhof in Filderstadt erforderlich. Und hier ist natürlich ganz klar das Ziel: Wenn sich das von den Projektabläufen zusammenführen lässt, soll das während der Vollsperrung passieren.

Versprechen können Sie es aber nicht?

Wir versuchen, das hinzubekommen. Aber wir haben eben das Thema Rechtsverfahren und deshalb einen sehr undeutlichen Zeitstrahl.

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