Stuttgart 21 auf den Fildern S-21-Blockierer wider Willen

Hier stehen sie beieinander: die Anwohner der Neuhauser Straße in Plieningen. Normalerweise zerschneidet die Straße die Nachbarschaft. Foto: Judith A. Sägesser

Nicht nur das Bahnprojekt ist auf der Filderebene überraschend gebremst worden, sondern auch ein Herzenswunsch von Anwohnern in Stuttgart-Plieningen. Jetzt fühlen sie sich hilflos.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Stuttgart - Mit am Tisch in der Stube von Heidi und Günther Clement sitzt an diesem Nachmittag ein Fragezeichen. Der Kachelofen verströmt wohlige Wärme, die Hausherrin hat Christstollen aufgeschnitten, die Gäste sollen es gemütlich haben, wenn das Thema schon so lästig ist. Ein Thema, das sie ratlos zurücklässt. Die Gäste sind Nachbarn, sie wohnen seit Jahrzehnten am äußersten Zipfel der Neuhauser Straße in Plieningen. Und der entlegene Wohnort harmoniert mit der Gemütslage: Sie fühlen sich abgehängt, alleingelassen. Draußen setzt die Dämmerung ein und mit ihr der tägliche Wahnsinn. Hinter den grobmaschigen Vorhängen huscht ein Schatten vorbei. Ein Lastwagen von vielen zur Feierabendzeit.

 

Rußige Küchenregale und schlaflose Nächte

Die Anwohner klagen seit Jahrzehnten über Schmutz und Lärm. Sie erzählen von rußigen Küchenregalen und schlaflosen Nächten. Dabei sollte das alles bald vorbei sein. Die Bewohner der gut zwei Dutzend Häuser am südöstlichen Ortsrand hatten nach Jahrzehnten der Hängepartie das Versprechen für die Umfahrung parallel zur Autobahn und der künftigen ICE-Trasse. 6,4 Millionen Euro hat das Land vor vier Jahren dafür bewilligt. Die bisherige Verbindung nach Neuhausen soll zum Feldweg werden. Dann kehrt endlich Ruhe ein. So dachten sie. „Jetzt auf einmal dieser Schlag“, sagt Günter Clement. Jetzt hockt plötzlich wieder dieses verdammte Fragezeichen mit am Tisch.

Vor ein paar Tagen kam die brisante Nachricht: Der Verwaltungsgerichtshof in Mannheim hat das Projekt Stuttgart 21 auf der Filderebene gebremst. Ausgerechnet wegen der Straße, nach der sich die Clements und die anderen so sehnen. Beide Projekte sind verquickt worden, was so offenbar unzulässig war. Ausgerechnet beim – im Vergleich zu Stuttgart 21 – mickrigen Projekt der anderthalb Kilometer langen Südumfahrung meckert das Gericht nun. Heißt fürs Bahnprojekt: mitgehangen, mitgefangen. „Was bedeutet das alles für uns?“, fragt Jörg Seher in die Runde. Die Antwort kennt keiner von ihnen.

Man wartet auf die Urteilsbegründung

Man kenne bisher nur die Pressemitteilung des Verwaltungsgerichtshofs, sagt Katja Lumpp, Sprecherin des Regierungspräsidiums, der Anhörungsbehörde. „Demnach bemängelt der VGH, dass aus der Entscheidung des Eisenbahnbundesamts nicht ausreichend deutlich wurde, dass die Vor- und Nachteile der Südumfahrung Plieningen in angemessenem Umfang gegeneinander abgewogen wurden“, so die Sprecherin. Alles weitere werde die nähere Urteilsbegründung zeigen.

Der 77-jährige Plieninger Günther Clement sagt von sich, dass er ruhiger geworden sei. Früher habe er wild gekämpft für die Entlastung vor seiner Tür. Stapelweise lägen die Schriftstücke im Nebenzimmer. Seit bald 50 Jahren wohnen sie in diesem Haus. Die Kinder haben nebenan gebaut. In sein Schicksal gefügt hat sich der Senior bis heute nicht. Anders als so manche Nachbarn schlafen die Clements nach wie vor zur Straße hin, und die Terrasse liegt direkt neben der Pendlerroute, die die offizielle Umleitung für die Autobahn ist, wenn dort nichts mehr geht. Der 49-jährige Alexander Schwarz, der in dritter Generation an der Neuhauser Straße lebt, will einen Protestbrief schreiben. „Das muss man doch“, sagt er. Nur, an wen? Die Suche nach Unterstützern dürfte schwierig werden, sagt Günther Clement aus Erfahrung. „Keiner interessiert sich für unser Problem.“

Ausgerechnet ein Grüner hat sich für die Straße engagiert

Doch, es gab einen, der sich die Umfahrung auf die Fahnen geschrieben hatte. Ausgerechnet ein Grüner: Nikolaus Tschenk, der frühere Landtagsabgeordnete der Grünen aus Möhringen. Obschon seine Partei nicht als Verfechterin von neuem Asphalt bekannt ist, wog für Tschenk die Not der Anwohner schwerer. Dass die Straße nun, da sie in trockenen Tüchern war, wieder zur Zitterpartie wird, „ist wirklich bedauerlich und hart für die Anwohner, das kann man nicht anders sagen“, sagt er. Landtagsabgeordneter ist Tschenk seit 2016 nicht mehr, aber als Büroleiter des Verkehrsministers Winfried Hermann nach wie vor nah dran. Zudem verfolge er die überraschende Wende aus persönlichem Interesse. „Ich war selber ein Stück weit erschrocken.“ Aber die Formalia müssten eben stimmen. „Das ist das Kernproblem bei großen Infrastrukturprojekten“, sagt er. „Da muss man sehr, sehr sorgfältig planen.“ Sonst biete man offene Flanken. Mit seinem Chef, dem Verkehrsminister, hat er kurz über das Plieninger Dilemma gesprochen. Hermann rechne mit ein paar Monaten Verzögerung, nicht aber mit einem Aus für die Umfahrung. „Er sieht das weniger dramatisch“, berichtet Tschenk.

Die Kläger waren ebenfalls überrascht

Frohlocken wenigstens die Kläger? Der Nabu Baden-Württemberg und die Schutzgemeinschaft Filder? Am Bahnprojekt selbst, gegen das sie zu Felde gezogen sind, hatten die Richter nichts zu kritteln. Ist die Straße nun willkommener Hebel? Ein Bauernopfer? Wer Steffen Siegel, dem Sprecher der Schutzgemeinschaft, zuhört, gewinnt nicht diesen Eindruck. „Wir waren überrascht“, sagt er. Ihr Anwalt habe die formale Ungereimtheit wegen der Straße entdeckt, aber es sei nur ein Punkt von vielen gewesen, und aus Sicht der Schutzgemeinschaft inhaltlich nicht der wesentliche. „Komischerweise hat das das Gericht aber weit mehr beeindruckt.“ Mehr als all die Dinge, die sie gegen Flughafenbahnhof oder Flächenfraß vorgebracht hätten. Für die Plieninger tue ihm das ehrlich leid. Zumal er sich keinen Baustopp erhofft, es gebe sicher nur eine Verzögerung.

Verzögerung heißt für die Anwohner, dass die Straße weiter die Nachbarschaft zerschneidet. Jörg Seher erzählt, dass seine Frau den Sohn immer noch begleitet, bis er über der Straße ist. Der Sohn ist 15.

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